Ich esse gern. Liebend gern, manchmal zu viel und am liebsten exotisch. Eigentlich bin ich sogar verrückt nach jedem neuen Geschmackserlebnis. Dort wo bei jeder Frau das sogenannte Schuh-Gen sitzt, sind meine Synapsen auf Geschmack gepolt: Meine Gewürzsammlung toppt jeden Schuhschrank. Natürlich gehe ich leidenschaftlich gerne Essen, besitze aber seit einigen Jahren ein gespaltenes Verhältnis zu Gourmetrestaurants. Nicht, dass ich nicht wüsste, welche Gabel zu welchem Gang gehörte - aber Kellner, die weiße Handschuhe tragen, wecken Erinnerungen an Begegnungen, die definitiv dort bleiben sollten, wo sie sind. Im hintersten Eck meines Unterbewusstseins.
Mein Restaurantdate, nennen wir ihn der Einfachheit halber Fernando, gab den illegitimen Spross eines hier nicht namentlich genannten Promis, was sich in dessen Fall von Promille ableitet. Fernandos Erzeuger überredete seinen Sohn (mittels großzügigem Schweigegeld) auf die Medienpräsenz als unehelicher Spross zu verzichten. Immerhin ahnten weder die Presse noch die Ehefrau etwas von der Frucht der unheiligen Lenden. Kurz und bündig: Familiendramen wüten nicht nur bei den Meiers von nebenan, nur bei Bohlen & Co. springt am Ende deutlich mehr heraus. Fernando war also vater- und titellos, dafür aber reich. Was er bei jeder sich bietenden Gelegenheit demonstrierte.
Zugegeben, ich war zunächst geblendet. Dabei hätte ich schon misstrauisch werden sollen, als ich das H&M-Label an seinem Hemdkragen entdeckte. Der Groschen fiel auch nicht, als er unbedingt den Rotwein aussuchen wollte und daraufhin einen Grauburgunder bestellte. Zu meiner Verteidigung: Ich war seit 4 Jahren Single. Und ich hatte Hunger.
Das Restaurant, in dem wir dinierten, war so piekfein, dass sogar meine Handtasche einen eigenen Handtaschenhocker bekam. Kein Witz. Leider verfügte Fernando nicht über die Qualitäten, die ich an Männern schätze. Er sah überhaupt nicht aus wie der scharfe CSI-Horatiotyp auf seinem Internet-Profilbild, sondern eher wie eine Lightversion von Boris Becker: Blutarm und pickelig. Leider tröstete seine Persönlichkeit nicht darüber hinweg. Er war weder intelligent, keinesfalls witzig, schon gar nicht weltgewandt. Außerdem zuckte sein Augenlid. Die Unterhaltung plätscherte so dahin, in deren Verlauf sich mein Begleiter von einer Belanglosigkeit zur nächsten zwinkerte - und ich immer wortkarger wurde. Zudem fesselte der niedliche Oberkellner meine Aufmerksamkeit, der eine in Leder gebundene Speisekarte brachte. Auf der rechten Spalte der Menuseite stand - nichts. Natürlich reichte man der Dame die Kartenversion ohne Preise. Fernando blinzelte und hüstelte nervös, was ich fälschlicherweise als Aufforderung verstand. Und da ich mich schwer entscheide, bestellte ich ... von allem etwas.
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