Eine ganz besondere Premiere feiert das DT am Sonntag, 24. Juni 2012: Erstmals wird eine Vorstellung simultan in Gebärdensprache gedolmetscht. Um 16 Uhr ist im Großen Haus DIE ORESTIE von Aischylos zu erleben, die Inszenierung von Intendant Mark Zurmühle entstand in Kooperation mit dem Seminar für Deutsche Philologie der Georg-August-Universität und wird begleitet von einem Gebärden-Chor, der aus gehörlosen und hörenden Signern gebildet wird.
Bereits um 15 Uhr gibt es im DT Keller eine Einführung in Werk und Inszenierung in Gebärdensprache. Während der Vorstellung wird eine Signerin die gesamte Vorstellung von der Bühne aus simultan übersetzen.
Die Geschichte der ORESTIE ist so simpel wie sie effektvoll und spannend ist. Das Unheil nimmt seinen Lauf, als der griechische Herrscher Agamemnon seine Tochter Iphigenie opfert, um von den Göttern günstige Winde für seinen Feldzug gegen Troja zu erhalten. Zwar bewirkte das Opfer den erwünschten Erfolg, doch Agamemnons Frau Klytaimestra kann ihrem Mann den Mord an der Tochter nicht vergeben. Sehnsüchtig wartet sie auf dessen Rückkehr, um ihn dann aus Rache gemeinsam mit seiner trojanischen Kriegsbeute, der Seherin Kassandra, zu erschlagen.
Gar nicht begeistert vom Tod des Vaters sind naturgemäß die Kinder Orest und Elektra und sinnen nun ihrerseits auf Rache. Dabei steht der aus dem Exil zurückgekehrte Orest jedoch vor dem moralischen Dilemma, den Mord am Vater rächen zu wollen, dafür aber die Mutter umbringen zu müssen. Angestachelt vom aufgebrachten Volk, das die verhasste Herrscherin loswerden möchte, entschließt er sich schließlich zur Tat, wird dafür aber von den Erinnyen, den von seiner Mutter geschickten Rachegeistern, verfolgt.
Auf der Flucht sucht Orest Schutz und Rat im Tempel des Apollon in Delphi. Der Gott verspricht ihm Entsühnung von der Blutschuld und empfiehlt ihm, nach Athen zu gehen, um sich einem Gerichtsverfahren zu stellen. Unter dem Vorsitz der Stadtgöttin Athene versammeln sich die Parteien, die Erinnyen als Kläger auf der einen, Orest mit seinem Verteidiger Apollon auf der anderen Seite, vor einem unabhängigen Geschworenengericht, das endgültig die Schuld Orests klären soll.
In seiner Inszenierung untersucht Mark Zurmühle am Beispiel des Schicksals der Atriden-Familie vor allem die Wechselwirkung zwischen Herrschern und Beherrschten. Bei ihm steht der Chor repräsentativ für die Volksgemeinschaft, aus deren Kreis sich aufgrund von Versprechungen immer wieder neue Machthaber rekrutieren – bis diese Emporkömmlinge schließlich wieder von denen gestürzt werden müssen, die sie hervorgebracht haben.
Im zweiten Teil der ORESTIE, den CHOEPHOREN, tritt der Chor auf, der eine Gruppe aus der Heimat verschleppter und unterdrückter Personen repräsentiert, die sich in einer fremden Sprachwelt befinden. In ihrem Wunsch nach Rache für ihr erlittenes Leid erkennen sie in Orest und Elektra willkommene Verbündete. Das Zusammentreffen von Laut- und Gebärdensprache spiegelt eindrucksvoll die Hürde der Kommunikation zwischen zwei (Sprach-)Welten und wie diese im Geiste der gemeinsamen Sache überwunden wird.





















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