Nicht, dass die von den Behörden bezeichneten "Wahleltern" Schuld tragen, mit Nichten. Aber sie sind ein Teil dieser Geschichte und somit oftmals unbewusst Schuld an Instabilität. Dies aus Nichtwissen heraus. Sie sind ebenso auf der Suche wie die Kinder, die sie angenommen haben. Den fremden Menschen, der da in ihrem Leben Platz genommen hat, muss man erst einmal kennen lernen. Wie tickt das Kind?
Ein Kind, das spürt, dass etwas oberfaul ist in einer Familie - denn es weiß ja nicht, dass es adoptiert wurde - beobachtet anders, reagiert sensibler in Gesprächen. Versteckte Vergleiche oder sogar offene Anfeindungen von Fremden lassen aufhorchen, und auf die Frage: Was meinte die denn? erntet man betroffene Gesichter und Erwachsene, die aktiv die Situation verlassen. Die einzigen Antworten, die es für einen traumatisierten Menschen zu deuten gibt - Schweigen!
"Noch heute sehe ich eine kleine, dickliche Frau mit schlohweißen Haaren vor mir. Sie hatte einen typische Küchenkittel an, ich glaube, die Farbe war hellblau. Sie stand im Nachbarsgarten meines Großvaters, den wir regelmässig besuchten und wenn ich aus dem Auto stieg, spuckte sie auf den Boden und kreischte: Da kommt ja wieder der Bastard."
Es ist unglaublich, was ein Kind behält und was es vergisst. Aber dieser Satz ist in meine Seele eingebrannt, und auch die schuldbewussten, ausweichenden Blicke der Erwachsenen um mich herum. Wie hätten sie reagieren sollen, stelle ich mir noch immer die Frage. Warum hat man ihr über Jahre kein Einhalt geboten? Bei mir löste der Satz Lebenszweifel aus. Eine katastrophale Entwicklung nach unten, anstatt nach oben. Fehlende Einschätzungen und Lob taten ihres noch dazu.
Irgendwann verdrängen Erwachsene, dass ein anders tickender Mensch mit anderen Genen, Charakterzügen, Vorlieben und Fähigkeiten in ihrer Mitte weilt und sie fordern Erfolge nach der Familientradition. Umgeben mit handwerklich geschickten Menschen - Schaffern, so nannten sie sich selbst -, hat man wie sie zu funktionieren und versagt auf ganzer Linie. Die zarten Finger, die eher ein Klavier streichelten, die Begabungen in Kunst und Musik, die Andersartikeit wurden nicht beachtet und als Spinnerei abgetan. "Werde etwas ordentliches. Am besten mach eine Ausbildung im Büro, jemand in der Familie hat Vitamin Beziehung beim Finanzamt oder einem anderen Ministerium. Denk an die Rente!"
Der einzige Mensch, der mich verstand, war der Mann, der eigentlich keine Kinder wollte und seiner Frau zuliebe eines annahm. Selbst Stiefsohn, verlor er früh die Mutter, musste sich im Leben stets gegen Vorurteile behaupten. Er, dem selbst alle Wurzeln fehlten, nahm ein wurzelloses Kind auf und gab ihm ein paar Jahre Halt, indem er einfach kaum Worte benutzte. Doch diese nicht gesagten Worte geben einem Kind ein Leben lang die Kraft, weitzumachen, Füße voreinander zu stellen und zu laufen.
Noch heute leiden viele Adoptierte unter dem Umstand, sich verbiegen zu müssen. Das ständige "sich anpassen" macht langfristig mürbe und ist vergleichbar mit einem notorischem Lügner, der irgendwann den Überblick über seine Aussagen verliert. Eine in den USA durchgeführten Studie des renomierten Arztes Robert Lifton, besagt: Adoptierte Kinder und Jugendliche werden häufiger in psychiatrischen und therapeutischen Einrichtungen behandelt, als es ihrem prozentualen Anteil an der Gesamtbevölkerung entspricht.
Auch Erfahrungsberichte und immer wieder erstellte Fallschilderungen im Kontext von Psychotherapien machen auf dieses besondere Problem aufmerksam, das Adoptierte mit ihrer Entwicklung haben. In einer Untersuchung der FU Berlin fand man heraus, dass auch ein Kernproblem das oftmals falsche Erziehungsverhalten der Adoptiveltern ist. Vermehrte Leistungsanforderungen, überbesorgt - kontrollierend - eingendend, emotional kühl - gesteigerte Kritik - abweisend, rigide - starr - streng, bevormundend - autoritär, so bezeichnen Adoptierte die erzieherischen Massnahmen durchweg (bei dieser Untersuchung wurden damals 28 Adoptierte befragt und 25 gaben die gleichen Antworten).
Wenn ich an mein Leben als Adoptierte denke, kann ich mich den 25 Befragten ohne Einschränkung anschliessen. Ein Entdecken des eigenen Ich. Streng untersagt! Da ist Ausbruch vorprogrammiert. Der erste kam mit 18 Jahren, mit der Volljährigkeit. Ein zaghafter Versuch, sich loszulösen von starren Ansichten und der permanenten Kontrolle. Ein erster handschriftlich und heimlich verfasster Brief ans Jugendamt mit der brennenden Frage: Wer ist meine Mutter? Die stille Hoffnung, dass die ab und an herausschiessenden Sätze über die böse leibliche Mutter nicht wahr werden. Heute weiß ich: Vergleiche mit der leiblichen Mutter sollten unerwähnt bleiben. Von Adoptivmutter- Seite her, die den Ausspruch "Du bist wie Deine Mutter" als Druckmittel benutzte. Hilflosigkeit einer Frau, die Angst vor Kontrollverlust hatte. Eine Woche später kam ein Schreiben des Jugendamtes zurück. "Ich kannte Ihre Mutter persönlich und würde mich freuen, Sie kennen zu lernen." Eine Aussage, die Panik auslöste, Schuldgefühle, und somit wanderte der Brief für ein paar Jahre in eine Schublade.
Erschreckend ist auf beiden Seiten die Hilflosigkeit in der Lebenssituation. Mütter, die überfordert sind. Der Versuch, das Beste zu geben und doch das Falsche getan zu haben oder zu tun. Leiden, Schmerz und Wut, der sich auf beiden Seiten aufbaut und irgendwann zur Explosion kommt. Oftmals jedoch in Einem selbst, und erst, wenn man die Angst verliert oder vom Universum durch seelische und körperliche Zusammenbrüche gezwungen wird, steht man auf, um sich auf Wurzelsuche zu begeben und scheitert erst einmal an dickschädligem Verhalten der Behörden. "Mit Ihrer Adoption haben Sie sämtliche Rechte an Ihrer leiblichen Familie verloren." Wieder ein Satz, der einen emotional herunterzieht, aber auch wütend macht. Das habe ich mir nicht so ausgesucht!
Das Spiel der Behörden mit menschlichen Emotionen ist eine weitere traumatische Verletzung. Hat man es dann zum ersten Mal geschafft, ein wenig Einsicht in irgendwelche Akten zu bekommen, gleicht dies einem Hochgefühl. Obwohl man hier differenzieren muss - Einsicht hat meist nur der Sachbearbeiter, vor dem man sitzt und der aus Akten vorliest. Das eigene Leben verschlossen hinter Sperrfristen und Deutschen Paragraphen.
Mehr in Sperrfristen inklusive - Teil III





















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