Doch auch die Heiterkeit und die Gewissheit, dass alles so oder irgendwie weiter geht und es auch gut so ist, komme, was wolle. Es ist ein wunderbares Gefühl, neben mir auf der spartanischen Holzbank Volker alias "Käpt'n" zu wissen, den siebenundsechzigjährigen Ur- Sieberaner, Cousin meines besten Freundes, Nachbar und liebgewordener Mitstreiter für die Aufrechterhaltung der altehrwürdigen Harzer Tradition, dem Osterfeuer, dessen Bau und fachgerechter Entflammung, auf dass die Funken hinaufsteigen in den letzten Frühlingsnachthimmel vor der Osterwoche.
Wir sind nicht allein an diesem wunderbaren, lauen Frühlingsabend, der eigentlich schon ein Sommerabend sein wollte, wären da nicht die heimtückischen Tücken des Oberharzer Sieberaner Wetters, dass, wie Käpt'n mindestens zwei Mal heute Abend wissend von sich gibt, innerhalb von Sekunden einen atemberaubenden Tiefsturz hinlegen kann. Und, verdammt, er hat gleich zwei Mal Recht damit: Es wird von einer Sekunde auf die andere gleich mal eben zwei Grad kälter. Das ist Sieber.
Außer uns hat sich das ganze Dorf eingefunden, es mögen 600- 800 gut gelaunte Dorfbewohner und der ein oder andere verirrte Tourist sein. Die Frau mir gegenüber, eine Touristin voller kurtaxengeprägter Erwartungssucht ( sie meckert ständig über die Musik, die sie nicht hören kann, weil die Anlage erbärmlich abgestimmt ist und die Sieberaner DSDS- Kandidatin für die volkstümliche Hitparade es vorzieht, ins Mikrofon zu piepsen denn lauthals zu trällern, und obwohl die Erwartungsfrohe dafür nicht einmal bezahlt hatte, wie sonst auch keiner, da niemand einen Eintritt verlangte, kann sie kaum aufhören, sich zu brüskieren ) stellte auch gleich fest, wie klug sie war, den dicken Pullover mitgenommen zu haben. Der gemeine Harzer kennt sich aus oder kann’s einfach ab, so wie Kay, mein Kumpel, und einige mehr, ebenso hemds- und kurzärmlig im Outfit, zitterfrei, schmerzbefreit.
Warum auch dick anziehen, ist das Warme doch so nah. Erst das Lockfeuer angezündet- Volker kannte den richtigen Zeitpunkt ganz genau und viel mehr die Art und Weise, die trockenen Grünen so aufeinander zu schichten, dass sie auch ordentlich Qualm verursachen würden, wie sie es jetzt auch wirklich taten und damit die Aufmerksamkeit des Publikums erzielte, die sich Volker vorgestellt hatte. Auf den blödsinnigen Zwischenwurf, das sei aber eine Menge CO2, was da in die Luft ginge, weiß Volker, der seit mehr als fünfzig Jahren die Osterfeuertradition und die damit verbundene Fertigkeit, das Feuer richtig zu bauen und anzuzünden, aufrecht erhält, tatkräftig, doch harzerisch zurückhaltend und bescheiden, ohne erhobenen Zeigefinger, zu erwidern, das sei Natur. Das reicht. Einfach. Menschen, die im Wald leben und von demselben, wissen.
Ich bin Scharzfelder, und als echter Scharzfelder geht man nicht auf ortsfremde Osterfeuer, wahrscheinlich genau so wenig, wie man als Sieberaner nach Scharzfeld pilgert, um an der doch eher heidnischen Zeremonie des Osterfeuers im Nachbarort teilzunehmen. Nachdem ich nun sehr viel in der heimischen Geschichte herum gestöbert habe, mag ich an dieser Stelle bemerken, dass die Zeremonie des Osterfeuers und das Anzünden eines Scheiterhaufens zum Walpurgisfest innerhalb von nur einer aufeinander folgenden Woche irgendwie erahnen lassen, dass es da einen Zusammenhang geben mag.
Was und wie auch immer, es hat seine Faszination. Sie kroch in mir hoch, als Volker das Lockfeuer entzündete und der Rauch sich wie eine wollüstige Python dick und wulstig in den dunkelblauen Nachthimmel quengelte, massig, gewaltig, schwer, bestimmt und gewollt, eine beißende Verschlängelung, die gleichsam anzog wie abstoß, fassbar wirkte, doch sich flüchtig in den sich verdunkelnden Nachthimmel verzog. Sofort begriff ich, dass ich es mit einem Meister seines Faches zu tun hatte. Perfekt, eine wahre Inszenierung.
Auch das Volk spürte es, spürte sie, die Magie des Feuers, die Magie des Augenblicks, den Funkenschlag zwischen Himmel und Erde, zwischen Winter und Frühling. Erst gestern hörte ich einen Besucher aus Frankfurt an der Oder sich bekümmern, die Wechsel zwischen den Jahreszeiten seien inzwischen fühlbar undeutlicher, ja sprunghafter geworden, der Winter kenne keinen richtigen Frühling mehr, sondern ziehe es vor, sogleich in den Sommer überzugehen. Doch nicht in Sieber, nicht mit einem solchen Lockfeuer, das sich an der regen Ausstrahlung seinesgleichen erfreuen konnte und im Handumdrehen einige fünfzig Leute allen Alters auf den Hang hinauf zauberte und dabei die meterlangen, dreijährig getrockneten, original Harzer Holzfackeln glimmend, weil im Lockfeuer halbwegs entfesselt, hinter sich her zogen.
Nun war es soweit, selbst Volker wurde unruhig. Der Nachthimmel inzwischen sternenklar leuchtend, von aufragenden Bergen gesäumt, war die Zeit gekommen, das Tagwerk den hungrigen Flammen zu übergeben. Kaum ein Windzug wehte über die Feuerwehr- Plaza von Sieber, während Erik, Käpt'ns Enkel, kaum wusste, ob er mit seinen dreizehn Jahren besser auf die Holzfackeln aufpassen, die via Volker für sage und schreibe unfassbare fünf Euro dem Publikum zum Kauf feilgeboten wurden, oder besser sofort in die Nähe des Osterfeuers stratzen sollte, um dem denkwürdigem Augenblick des Entzündens des Feuers unmittelbar beizuwohnen.
Das Lockfeuer war nicht mehr, und langsam suchte sich eine grau- weiße Rauchwolke seinen Weg in die Unendlichkeit des Mysteriums Harz. Volker konnte natürlich nicht an allen Stellen gleichzeitig sein. Solch ein Sieberaner Osterfeuer hat schon einige Meter Umfang! Gemeinsam mit Gusti, Allround-Schrauber und Harzer Urgestein, wurde nun der gut acht Meter hohe, hauptsächlich aus „Grünen“, also zwar trockenen, aber dennoch noch recht frischen Nadelholzästen, bestehende Feuerberg entzündet, mit einer Gleichmäßig-und Plangenauigkeit, die nur fünfzig Jahre Erfahrung als Feuerleger so perfekt inszenieren kann.
Fast alle Dorfbewohner rücken nun ab von Blasmusik, Bier und Bratwurst, um näher an das Feuer heran zu gehen und, wer mit einer brennenden Fackel ausgerüstet ist, sich am Hang in Position zu bringen, um Feuerkreise um den eigenen Körper herum in die Luft zu brennen. Das Schichtholz ist trocken wie Zunder und lackert wie Teufel. Im Nu steigen die Flammen empor, um am Ende der Quandelstange, wie die Osterstange in Sieber heißt, an der grünen Spitze der 15 Meter hohen Fichte zu lecken. Die Verbindung mit reichlich Sauerstoff lässt dieses Ende der Quandelstange beinahe explodieren, und der Himmel ist erleuchtet von einem Funkenregen, wie es wohl kein von Menschenhand gemachtes Feuerwerk je nachahmen könnte.
Geschätzte 35 bis 40 Meter hoch steigen die glühenden Holzpartikel in den Himmel hinauf und zaubern ein atemberaubendes Bild voll freudiger Frühlings- Erwartung in den nächtlichen Harzhimmel und wohl allen Anwesenden ein bewunderndes Strahlen ins Gesicht. Ein schönes Bild und etwas, was sich einprägen wird und eine Gemeinsamkeitsstimmung in dem alten, vom Aussterben bedrohten Dorf und seinen arg dezimierten Bewohnern wieder beleben konnte, und wenn auch nur für diesen einen Moment ganz innig zu spüren, wird solch ein Funkenabend jedes Mal aufs Neue Jung und Alt zusammen bringen und gemeinsam feiern lassen.
So etwas gibt es nur auf dem Lande, und dazu gehört eben auch, dass sich Käpt'n nach vollbrachter Glanzleistung ganz bescheiden und ruhig zurück zieht und das Partyareal den Jüngeren überlässt, bis zum nächsten Jahr, wenn sie wieder bei ihm anklopfen und fragen werden, ob er denn helfen könne beim Bau des Osterfeuers von Sieber.
Und er wird wieder derjenige sein, der ganz oben, in 8- 10 Meter Höhe, die letzten Grünen aufschichten wird, dann mit 68 Jahren. Glück Auf.
Die fantastischen Fotos vom Sieberaner Osterfeuer sind aufgonommen worden von Rolf Jödecke ( herzlichen Dank, Rolli ) aus Herzberg.





















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