Sie sammelte sie rasch ein, bevor sie den Bus bestieg und verwahrte die ihr noch unbekannten Gewächse in dieser ausgedienten Frühstückstüte. Im gleichen Zuge, wie sie ins Haus herein kommt, fliegt die Schulmappe in die Ecke und noch mit der dicken Jacke bekleidet stürmt sie zu mir ins Esszimmer. Dabei schüttet Marie auch gleich ganz hastig ihre kleinen Naturschätze auf den Esszimmertisch.
In mir steigt mal wieder ein leichtes Entsetzen hoch, als ich das gänzlich ungeeignete Transportmittel genauer erkenne. Während ich also die gesammelten Blüten sortiere, erinnere ich sie ganz zartfühlend daran, dass wir jegliche Art an Gewächsen nur in einem geeigneten Korb zum Sammeln und für deren Transport verwenden. Und dabei erkläre ich ihr bestimmt schon zum X-ten Male, warum das so ist!
Nicht nur bei wärmeren Wetter können sich beispielsweise bei Blüten und Blättern innerhalb kurzer Zeit Schimmelsporen entwickeln, die ja bekannter Weise ungesund und sogar gefährlich sind. Außerdem verschrumpeln oder vermatschen die Pflanzen derart unansehnlich, dass eine genauere Identifizierung unter Umständen nicht mehr möglich ist. In diesem Zustand ist dann auch eine Verarbeitung zum Verzehr, zum Trocknen oder gar für die Kräuterhausapotheke nicht mehr durchführbar. Um jedes Risiko in dieser Richtung zu vermeiden und auch die Naturprodukte mit dem nötigen Respekt zu behandeln, benutzen wir daher immer unsere Körbe bzw. zum Einkauf von Gemüse und Früchten einen Stoffbeutel oder besser noch ein Einkaufsnetz. Das weiß nicht nur jede Kräuterfrau oder jeder Pilzsammler, sondern auch jede gute Hausfrau. Maries neugierige Blicke lassen diese kleine Untat heute mal ausnahmsweise verzeihen, denn aus ihren ganzem Verhalten lässt sich gut schließen, wie sehnlich sie schon die Sammelzeit der Kräuter und der Zauberpflanzen erwartet hat. Ist es schon soweit?
Unterdessen habe ich ihren Fund genauer betrachtet und alles für uns Unbedeutende bzw. Zierpflanzen aussortiert. Übrig bleiben einige wenige, aber wunderschöne Märzveilchen! „Ja, es ist in Kürze soweit und du hast auch eine wunderbare Zauberpflanze gefunden!“ Stolz betrachtet Marie ihren kostbaren Naturschatz noch mal ganz genau. Wenn sich in Herzberg bereits die ersten Frühblüher zeigen, kann es in Sieber allerdings noch bis zu vierzehn Tage dauern, bis sich diese herrlichen Pflanzen bei uns zeigen. Das hängt überwiegend mit der Ortslage und auch dem üblicherweise vielen Schnee zusammen, der sich durchaus noch bis weit in den April halten kann und damit die wunderschöne Frühlingspracht unter der dicken Schneedecke ruhen lässt.
Wenn in anderen Klimazonen bereits schon eifrig gesammelt wird, so habe ich jedoch noch genügend Zeit, meine Vorbereitungen für das Wildkräuterjahr 2012 zu planen und ein gutes Arbeitsprogramm zu erstellen. Das nötige Kraut wie z.B. Frauenmantel, Nelkenwurz, Scharbockskraut & Co. für den sonstigen Hausgebrauch, welches noch einiges mehr an Erfahrung verlangt, sammle ich vorerst lieber allein oder, was auch dann und wann vorkommt, mit etwas fortgeschritteneren Kräuterkundlern bzw. Gleichgesinnten. Beim täglichen Rundgang mit dem Hund beobachte ich fortan jeden Flecken Wiese, Gebüsche und wassernahe Ecken noch genauer als sonst. Auch mein Garten wird akribisch abgesucht, während er für die kommende Pflanz- und Erntezeit bearbeitet und aufgeräumt wird.
Der erste Wildkräutersammeltag
Und endlich ist es soweit! Die ersten Veilchen zeigen sich auf der Wiese hinter der Kirche. Jetzt muss es nur noch trocken genug zum Sammeln sein, um unseren ersten diesjährigen Wildkräutersammeltag zu starten. Leider zögern die häufigen Unwetter unser Vorhaben um weitere Tage hinaus. Kälte, Nässe schlagen mehrmals täglich in heftigen Regen zu Schneeschauer und sogar Hagel über. Äußerst ungünstig, diese Art Aprilwetter!
Plötzlich traut sich dann doch die Sonne heraus und wenn es auch noch sehr kühl und morgendlich frostig ist, so kann dennoch am frühen Nachmittag gesammelt werden. Bis zu dieser Tageszeit – so meine Beobachtungen – sind die Spuren vom Morgentau oder den Nachtfrösten gut abgetrocknet. Und was besonders toll für viele Anhänger des Mondkalenders ist – es ist Vollmond! Schon seit Urzeiten haben Heilkundige beobachten können, dass die unterschiedlichen Mondphasen die Wirkung in den Kräutern beeinflussen können. Uraltes Wissen über die Kraft des Mondes auch im Zusammenhang mit Ritualen, Heilsteinen, Heilungsverfahren, Gärtnern und vielem mehr neben den Kräutern wurden ebenso von Generation zu Generation weitergegeben, wie beispielsweise traditionelle Rezepte von Großmutter über Tochter an die Enkeltochter. Auch wir pflegen die alten Traditionen, die somit nicht vom Aussterben bedroht sind und auch die nächsten Generationen mit historischem Wissen bereichern. Also nix wie raus und ran ans Werk!
Sammeltag. Mein Programm für das noch frühe Frühjahr steht. Zur Auffrischung widmen wir uns der Brennnessel und dem Löwenzahn, um das noch in Entstehung befindliche Kräuterwissen meiner Enkelinnen Marie und Josie (5) erneut zu bekräftigen. Zur Erweiterung kommen diesmal Gänseblümchen, Veilchen und Giersch dazu. Ich wähle gern Pflanzenarten, die sich für jeden Ungeübten absolut sicher erkennen lassen. So natürlich auch für Kinder. Je nach vorhandener Erfahrung mit dem Umgang von Wildpflanzen füge ich eine, nie mehr als zwei von den „schwierigen Arten“ pro Frühjahr, Sommer und Herbst dazu. Das ist diesmal der Giersch. So entsteht im Laufe der Zeit ein recht umfangreiches Wissen, das man nun mal auch nicht an der Schule erlernen kann.
Um auch die Wiederholung interessanter zu gestalten, erklärt Oma also ganz ausführlich, warum sie schon wieder einmal Brennnesseln, junge Löwenzahnblätter und sogar dessen Wurzel, sowie Gänseblümchen, Giersch und das wohlriechende Veilchen ganz dringend benötigt. Und sogleich leite ich meine kindgerechten Ausführungen zu den Wirkstoffen, Verwendungsmöglichkeiten und Zauberkräften über. Und jetzt wird es spannend. „Oma, was willst du aus dem Ganzen machen?“ Neugierig blickt Josie mich mit dieser Frage an.
Drei-Wildkräuter-Suppe, Hexenkaffee und Löwenzahnhonig
Wir wollen eine Drei-Wildkräuter-Suppe zubereiten. Dazu brauchen wir ganz junge Blätter von Brennnessel, Löwenzahn und dem Giersch. Gerade jetzt steckt in den Pflanzen die ganze „Power“, d.h. sie sind reich an Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und sonstigen Wirkstoffen, besonders wohltuend für die noch vielfach „wintermüden“ Organe des menschlichen Körpers. Für die Garnitur auf dem Sauerrahm unserer Suppe einige Blütenblätter von den Gänseblümchen und sofern schon vorhanden, einige Blütenblätter des Löwenzahns.
Die Löwenzahnwurzeln benötige ich für den „Hexenkaffee“, aber öfter auch zum Aufguss. Manch einer kennt ja, die uralte Überlieferung, in der es heißt: „… er hat einen Überschuss an Galle…“ oder auch: "… seine Leber ist überhitzt!“ Seit Jahrhunderten lindert man dies mit einem Aufguss aus Löwenzahnwurzel. Wobei Löwenzahn-Tee auch heute ein sehr bekanntes wirksames Lebermittel ist und uns üppig zur Verfügung steht. Ebenso gut ist natürlich auch die Mariendistel, die allerdings unter Naturschutz steht und damit in meiner praktischen Arbeit „nur“ aufklärende Erwähnung findet. Finden wir ausreichend Löwenzahnblüten, so können wir auch noch einen Löwenzahnhonig ansetzen.
Eine große Menge an Brennnesseln benötigen wir, weil wir neben der reichhaltigen Suppe auch gleich einen Naturdünger für den Garten ansetzen wollen. Die ganze Wirkkraft der jungen Blätter und Triebspitzen wollen wir also unserer Brennnesseljauche mitgeben.
Hauttonikum aus Gänseblümchen, Seife und Likör aus Märzveilchen
Gänseblümchen – ein ganzjährig wachsendes Pflänzchen - werden zu Hauttonikum und das berühmte Märzveilchen wird zu Seife, Essig und Likör verarbeitet. Einen kleinen getrockneten Vorrat werden wir uns auch noch anlegen. Das ist für den diesjährigen Einstieg in das Kräutersammeljahr 2012 schon eine beachtliche Menge.
Natürlich finden sich noch vielerlei andere Wildpflanzen derzeit im Angebot. Aber alles zu seiner Zeit und vor allem … so wenig wie möglich, aber so viel wie nötig! Diesen Spruch hat man uns während der Ausbildung zum Thema bedarfsgerechte Ernährung ständig eingebläut, aber auch in Bezug auf die Heil- und Gewürzkräuter ist diese Aussage ebenso maßgebend! Denn viel hilft nicht viel! Also immer schön auf die Mengenangaben achten! Es empfiehlt sich daher vor der Kräuterwanderung, die Rezepte nochmals genauer zu betrachten und vielleicht sogar eine „Einkaufsliste“ zu erstellen, denn damit haben wir die genauen Mengenangaben zur Hand und „beräubern“ den Garten von Mutter Natur wirklich nur um die Kräuter und dazugehörigen Mengen, die wir auch tatsächlich benötigen.
Hier noch schnell zwei kurzgefasste Pflanzenportraits und Rezepte zum Ausprobieren! Viel Spaß dabei!
Eure „Kräuterhexe“ aus dem Siebertal
Gänseblümchen (Bellis perennis):
Dieser Korbblütler ist reich an Inhaltsstoffen wie z.B. Inulin, Saponine, Bitterstoffe, Gerbstoffe, ätherische Öle und Schleim, um nur einige zu erwähnen. Anwendungsgebiete sind u.a. bei Husten und Erkältung, Hautkrankheiten, Rheuma, Gicht, Darmentzündung, Verstopfung und vielem mehr.
Gänseblümchen sind auch unter den Namen Tausendschön oder Marienblume bekannt. In England bezeichnet man es als Daisy. Diese Wiesenblume ist ein „Steh-auf-Männchen“, denn auch wenn eine Wiese noch sooft gemäht oder betreten wird, es ist gleich darauf wieder oben auf. Da es sich kaum unterkriegen lässt, wird diese Eigenschaft auch seiner Wirkkraft zugesprochen.
Ein Tee aus Gänseblümchen innerlich angewendet regt den Stoffwechsel an, ist blutreinigend, krampf- und schmerzstillend, auch kann er Ödeme schwinden lassen. Äußerlich kann ein Tee oder Tonikum zur Pflege unreiner Haut verwendet werden, lindert hartnäckige Wunden und Ausschläge.
Man verwendet die Blütenblätter zum Garnieren von Butterbroten, Suppen oder auch Salaten. Ein Gänseblümchen-Tee als eine Art Frühjahrskur sollte dreimal täglich getrunken werden. Dazu nimmt man einen Esslöffel frische Gänseblümchen und überbrüht diese mit einem Viertelliter Wasser. Nach zehn Minuten des Ziehens abseihen und in kleinen Schlucken trinken.
Märzveilchen (Viola ordorata):
Es ist auch als wohlriechendes Veilchen bekannt, daher auch in verschiedenen Duftprodukten wie Seifen, Duftwasser, Pottpouris oder Parfums als Bestandteil zu finden. Kandierte Blüten eignen sich als Dekoration von Desserts oder Kuchen und Torten.
Seine Inhaltstoffe wie Saponine, ätherische Öle, den hohen Schleimgehalt und in den Blüten die Salicylverbindungen machen es auch für die Pflanzenheilkunde interessant. Dort findet es Verwendung bei Ekzemen, Augenkrankheiten oder Husten und in der Homöopathie bei Ohrenschmerzen. Im Mittelalter nutze man die Viola sogar für sinnliche Bäder.
Veilchen gelten als Symbol für Bescheidenheit und die reine Liebe. Daher oft für Zaubertränke rund um allerlei Angelegenheiten der Liebe verwendet. Als absoluter Geheimtipp gilt ein fast vergessener Likör Namens „Parfait Amour“, der neben den Veilchen noch mit Zitronen, Orangen und Koriander angesetzt sein soll. Zumindest lässt diese Bezeichnung des Likörs wiederum auf eine Art „Liebestrank“ schließen.
Veilchenlikör
150g Veilchenblüten, 350 ml Wodka und 375g Zucker.
Veilchenblüten verlesen, waschen und trocken tupfen. Zusammen mit Wodka in eine Flasche mit großem Hals geben. Zwei Wochen im Dunkeln ziehen lassen. Anschließend den Zucker mit einem halben Liter Wasser zu Sirup kochen. Kalt werden lassen. Danach die Zuckerlösung in den Veilchenansatz geben und gut schütteln. Abseihen und nochmals einige Wochen ziehen lassen.
Tipp: Zu dem Veilchenansatz mit Wodka kann man auch eine aufgeschlitzte Vanilleschote geben, denn beide edlen Gewächse unterstützen sich gegenseitig im Aroma.
Blütenseife für „Einsteiger“
100g geruchsneutralen Seifenblock z.B. aus dem Bastelladen in einem Topf schmelzen. Während des ständigen Rührens 50g getrocknete Veilchenblüten (oder Rosen, Holunderblüten, Lavendelblüten oder Ähnliches) hinzufügen, dann die flüssige Seifenmasse in Förmchen gießen und erkalten lassen.
Blütenlikör
Zwei Hand voll Blüten, z.B. Veilchen, Rosen, Löwenzahn oder Ähnliches, 300g Kandiszucker in eine Flasche mit großem Hals geben. Mit Wodka auffüllen. Wer mag, kann auch hier eine Vanilleschote zugeben. Den Ansatz mindestens 6 Wochen ziehen lassen und danach abseihen. Der abgeseihte Blütenlikör sollte allerdings noch etwa zwei Monate vor dem ersten Genuss ziehen. Dieses Liköransatz-Verfahren eignet sich gut als eine Art Basislikör. Er ist besonders leicht herzustellen und eignet sich auch gut für diverse Kräutermixturen wie beispielsweise Zitronemelisse, Minze oder auch Rosen, Holunderblüten und so weiter.
Frühlingssuppe
Zwei Hand voll Kräuter, z.B. etwa zu gleichen Teilen Giersch, Brennnessel und Löwenzahn, einen halben Liter Milch oder Sahne, ein viertel Liter Gemüsebrühe, pro Teller 1 TL Sauerrahm, Salz und Pfeffer, sowie eine Einbrenne oder Kartoffelmehl zum Andicken.
Wildkräuter verlesen, waschen und trocknen. Kleingehackt in die Gemüsebrühe geben, kurz aufkochen und nach Belieben andicken. Nun die Milch oder Sahne zugeben und nochmals kurz aufkochen. Beim Anrichten mit Sauerrahm und Gänseblümchenblüten und/oder Löwenzahnblütenblätter garnieren.
Bewährt hat sich für eine Wildkräutersuppe eine Auswahl von 3 bis 7 unterschiedlich „magischen“ Kräuterarten. Dazu eignen sich unter anderem Knoblauchrauke, Nelkenwurz inklusive Wurzelstücken, Vogelmiere, Brunnenkresse und so weiter. Der Phantasie sind dabei kaum Grenzen gesetzt!
Achtung Veranstaltung!
An dieser Stelle möchte ich noch schnell auf zwei Veranstaltungs-Tage hinweisen bzw. diese empfehlen.
Natur Heilkunde Tag – Harz
St. Andreasberg, am Samstag, den 12. Mai 2012, von 10 – 17 Uhr, Kurhaus St. Andreasberg. Es werden Vorträge, eine kleine Ausstellung, eine Kräuterwanderung und ein Kräuterbrunch geboten.
Braunlage am Sonntag, den 13. Mai 2012, von 10 – 18 Uhr, Kurgastzentrum Braunlage. Es werden Vorträge, Vorführungen, eine Ausstellung und ein Natur- und Bauernmarkt geboten.






















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