Osterode am Harz, 6. Juni 2012. Die Wirtschaft in Südniedersachsen mit den Landkreisen Göttingen, Northeim und Osterode ist durch vielfältige und enge Verflechtungen gekennzeichnet. Sie bildet einen einheitlichen Wirtschaftsraum mit hohen Lieferanten- und Kundenbeziehungen, erheblichen interregionalen Pendlerströmen sowie einer klaren Ausrichtung auf das Oberzentrum Göttingen. Im Interesse einer leistungsfähigen kommunalen Verwaltung, die durch abgestimmtes Handeln diesen Wirtschaftsraum fördert, sollte eine Zusammenlegung von Landkreisen den tatsächlichen regionalen Verbindungen in Industrie, Handel, Verkehr sowie Bildung und überregionaler Verwaltung und Gerichtsbarkeit Rechnung tragen. Eine Zerschlagung gewachsener Strukturen erschwert den ohnehin schwierigen Weg der Zukunftssicherung von Unternehmen und Arbeitsplätzen im Landkreis Osterode vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung und unzureichenden Wachstumsdynamik.
Der Landkreis Osterode a.H. ist durch eine hohe Industriedichte geprägt und angewiesen auf gute Verkehrsbedingungen und leistungsfähige Dienstleistungsunternehmen – beides ist nur in Südniedersachsen zu finden. Der nördliche Nachbarkreis Goslar ist dagegen stärker auf touristische Angebote ausgerichtet und die industriellen Verflechtungen der Unternehmen sind sehr stark auf Salzgitter und Braunschweig fokussiert. Die IHK Hannover warnt deshalb vor einem Auseinanderfallen zwischen wirtschaftlichen Verflechtungsräumen und kommunalen Landkreiszuschnitten im Falle einer Fusion der Landkreise Osterode und Goslar. Es müssten Strukturen neu aufgebaut werden, die im Bereich der Wirtschaft kaum Synergieeffekte bringen würden und wirtschaftsbezogene Abstimmungsgebote, z.B. in der Regionalplanung, eher schwieriger machen. Verwaltungsstrukturen sollten diese regionalen Zusammenhänge beachten, um sich im Sinne einer positiven regionalwirtschaftlichen Entwicklung leistungsfähig und kundenorientiert aufzustellen.
Die IHK Hannover fordert den Kreistag Osterode auf, bei der anstehenden Entscheidung über die Aufnahme von Fusionsverhandlungen mit Nachbarkreisen folgende Punkte zu beachten:
- Finanzielle Leistungsfähigkeit des neuen Landkreises in den Fokus rücken Ein neuer Landkreis sollte finanziell so aufgestellt sein, dass die Gewerbesteuersätze weiterhin auf wettbewerbsfähigem Niveau gehalten werden können. Damit würde ein wichtiger Beitrag für die Standortsicherung ansässiger Betriebe sowie die Ansiedlung zusätzlicher Arbeitgeber geleistet. Im Fall einer Fusion der Landkreise Osterode und Goslar befürchten die Unternehmen im Landkreis Osterode a.H., dass sich die regionalen Probleme aus der demografischen Entwicklung, der geringen Wachstumsdynamik und der strukturellen Finanzschwäche der Kommunen verschärfen und damit die Standortbedingungen für die Wirtschaft teilweise verschlechtern würden.
- Anbindung an Wachstumsregionen anstreben Eine zukunftsfähige Ausrichtung des Landkreises Osterode erfordert eine Anbindung an die Wachstumsregionen im Süden. Der Prognos-Zukunftsatlas 2010 weist für den Landkreis Göttingen einen ausgeglichenen Chancen- Risiko-Mix aus. Im Vergleich zu 2004 kletterte der Landkreis Göttingen im bundesweiten Vergleich von Rang 164 auf Rang 146. Dem Landkreis Goslar, der im Vergleich zu 2004 um 204 Plätze auf Rang 332 abrutschte, werden Zukunftsrisiken bescheinigt.
- Verflechtungen beachten Der Landkreis Osterode weist eine besonders hohe Pendlerverflechtungsintensität mit den Landkreisen Göttingen und Northeim auf. Das geht aus Berechnungen des Niedersächsischen Instituts für Wirtschaftsforschung (NIW) hervor. Demnach bestätigen die Arbeitsmarktverflechtungen insgesamt die Zuordnung der Landkreise Göttingen, Northeim und Osterode zu einer Region Südniedersachsen.
- Gewachsene Strukturen in Wirtschaft und Verwaltung nicht zerschlagen Der Landkreis Osterode ist derzeit in eine Vielzahl von Strukturen und Verflechtungen eingebunden, die auf Südniedersachsen ausgerichtet sind. Dies betrifft die regionale Wirtschaftsförderung, Infrastrukturprojekte, kommunale Gewerbeflächenplanungen bis hin zur Einbindung in regional organisierte Verbands- und Verwaltungseinrichtungen. Eine Fusion der Landkreise Goslar und Osterode würde ein Aufbrechen dieser Strukturen/Verflechtungen erfordern und auf Jahre die Entwicklung der Wirtschaft im Landkreis Osterode hemmen. Diese Feststellung wird von einer großen Mehrheit der Wirtschaft im Landkreis Osterode getragen.
- Fachkräftebedarf sichern – regionale Standortqualitäten nutzen Durch die Einbindung in den Verflechtungsraum des Oberzentrums Göttingen bietet sich für die Unternehmen im Landkreis Osterode eine relativ hohe Standortattraktivität, die insbesondere bei der Gewinnung von Fachkräften zum Tragen kommt. Göttingen ist weit über den regionalen Bereich hinaus bekannt als moderner Wissenschafts- und Wirtschaftsstandort, verfügt über hervorragende Verkehrsanbindungen und übt insbesondere auf jüngere Fachkräfte von außerhalb eine hohe Anziehung aus. Diese Standortqualitäten nutzen auch teilweise der Region Südniedersachsen insgesamt.
Die Industrie- und Handelskammer Hannover appelliert mit Nachdruck an den Kreistag Osterode, eine Entscheidung zur möglichen Fusion des Landkreises Osterode a.H. mit benachbarten Landkreisen nach sachgerechten Kriterien zu fällen. Ein solcher Beschluss, der auch für die Unternehmen eine langfristige Bindungswirkung hat, darf nicht nach kurzfristigen politischen Opportunitäten gefasst werden.





















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