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Von einem Leben in der Mitte der Gesellschaft sind viele Behinderte noch weit entfernt

Foto: Martin Büdenbender / CC0 (via Pixabay)

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Von einem Leben in der Mitte der Gesellschaft sind viele Behinderte noch weit entfernt

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Bis zu 300 Millionen Euro könnte es kosten, wenn Sozialminister Hubertus Heil seine Pläne durchsetzen kann. 300 Millionen Euro zur Entlastung von Eltern und Kindern pflegebedürftiger oder behinderter Menschen. Sie sollen, so die Idee aus dem Sozialministerium, in Zukunft nur noch dann an den Kosten für Pflege und sogenannte "Eingliederungshilfen" - beispielsweise dem Umbau einer barrierefreien Wohnung, einer notwendigen Haushaltshilfe oder einem Gebärdensprachdolmetscher - beteiligt werden.

Die Reformidee wirft ein Schlaglicht auf die Lebenswirklichkeit von Behinderten und Pflegebedürftigen in Deutschland. Noch immer hängen deren Versorgungs- und Lebensqualität wie auch ihre Zukunftschancen allzu oft von der Finanzstärke ihrer Angehörigen ab. Dabei ist die Unterstützung behinderter Menschen durch den Staat eben kein altruistisches Almosen. Sondern eine Pflicht, der Deutschland in vielen Bereichen noch nicht ausreichend gerecht wird.

Im März 2009 ist in Deutschland die UN-Behindertenrechtskonvention in Kraft getreten. Deutschland hat sich darin unter anderem verpflichtet, "Menschen mit Behinderungen (...) ihre volle Einbeziehung in die Gemeinschaft und Teilhabe an der Gemeinschaft zu erleichtern". Und sich so eine Reform verordnet, die Menschen mit Behinderung weg aus der Isolation der Förderschulen und Behindertenwerkstätten, der Wohnheime und Pflegeeinrichtungen direkt in die Mitte der Gesellschaft führen sollte. Zehn Jahre später allerdings fällt die Bilanz ernüchternd aus. Nur die wenigsten der rund 7,8 Millionen Menschen mit einer schweren Behinderung in Deutschland leben mitten in der Gesellschaft. Die meisten stehen am Rand, irgendwo im Niemandsland zwischen Inklusion und Überforderung oder Förderung und Isolation.

Beispiel Schulen: In vielen Regionen schließen gut ausgestattete Förderschulen im Namen der Inklusion, während Regelschulen unter einer Mehrbelastung ächzen, deren Anforderungen sie ohne ausreichend Finanzmittel und ausreichend qualifiziertes Personal nur schwer gerecht werden können.

Beispiel Arbeitsmarkt: Arbeitgeber sind verpflichtet, pro 20 Mitarbeiter einen Menschen mit Handicap einzustellen. Tun sie das nicht, müssen sie eine Ausgleichsabgabe von 125 bis 320 Euro pro Monat bezahlen. Viele tun das, so liegt die Arbeitslosenquote bei Menschen mit Behinderung bundesweit mit etwa zwölf Prozent mehr als doppelt so hoch wie bei Menschen ohne Behinderung. Dabei bleibt vielen Menschen mit Behinderung der Zugang zum regulären Arbeitsmarkt ohnehin verwehrt: Sie sind in Behindertenwerkstätten beschäftigt und arbeiten für ein Entgelt weit unter dem gesetzlichen Mindestlohn, im Jahr 2016 waren es durchschnittlich etwa 180 Euro. Pro Monat.

Dass Menschen mit gerichtlich bestellter Betreuung bei der kommenden Europawahl überhaupt wählen dürfen, mussten sie erst vor dem Bundesverfassungsgericht erstreiten. Barrierefreiheit ist bislang weder in den Städten noch im Internet eine Selbstverständlichkeit, und Gebärdendolmetscher findet man im deutschen Fernsehen nur in Spartenprogrammen. Integration ist kein Selbstläufer, sie muss erarbeitet werden. Sie kann nur dann erfolgreich sein, wenn es gelingt, die differenzierte Förderung und Anerkennung, die Menschen mit Behinderung bislang in Förderschulen und Behindertenwerkstätten zuteil wird, auch an regulären Schulen und Arbeitsplätzen zur Normalität werden zu lassen. Und dazu gehört selbstverständlich auch, Angehörige dabei zu unterstützen, das Leben mit ihren behinderten Kindern oder Eltern so unkompliziert wie möglich zu gestalten.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
474 Wörter im Bericht.

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