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Das Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Institut der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung stellt Deutschland in einer neuen Studie ein Armutszeugnis aus: Die Ungleichheit steigt weiter, so der Befund. Allerdings kommen dabei wichtige Aspekte zu kurz – mit denen sich das Bild differenzierter darstellt.

Doch was als Suche nach einer gerechteren Sprechweise begonnen hat, ist leider eine regelrechte Ideologie geworden.
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Kommentar zur Gendersprache

Der Verteilungsbericht des Wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) stellt Deutschland ein Armutszeugnis aus: Trotz Rekordbeschäftigung erreicht die Ungleichheit einen Höchstwert, immer mehr Menschen sind von Armut betroffen. Unumstritten ist, dass die gemessene Einkommensungleichheit und die relative Armutsgefährdungsquote heute höher liegen als beispielsweise zu Beginn der 1990er Jahre. Nachdem sich seit 2005 die Verteilungsverhältnisse zunächst weitgehend stabilisiert hatten, zeigt sich auf Basis der Haushaltsbefragung des Sozio-oekonomisches Panels (kurz SOEP) seit 2010 ein neuerlicher leichter Anstieg der Ungleichheit.

Allerdings kommt in der Diskussion ein Aspekt zu kurz: Die jüngste Entwicklung hängt maßgeblich mit der gestiegenen Zuwanderung und Flüchtlingsmigration der letzten Jahre zusammen. Wenn die speziellen Stichproben der Geflüchteten im SOEP ausgeklammert werden, stellt der Wert im Jahr 2016 keinen Höchstwert mehr da.

Veränderte Stichprobe

Hinzu kommt: Die Stichprobe des SOEP hat sich in den vergangenen Jahren verändert. Durch eine neu ergänzte Migrationsstichprobe im Jahr 2013 wurde die Zuwanderung der Jahre 1995 bis 2010 besser abgebildet. Berechnungen zeigen, dass der Rückgang der Einkommen der unteren zehn Prozent zwischen 2012 und 2013 vor allem auf diese Veränderung der Stichprobe zurückgeht.

Eine Quelle ohne vergleichbare Stichprobenveränderungen im besagten Zeitraum bietet der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes. Im Mikrozensus werden die Einkommen zwar nicht so detailliert abgefragt wie auf Basis des SOEP, dafür ist es mit rund 830.000 Personen in etwa 370 000 privaten Haushalten die umfangreichste Haushaltsbefragung in Deutschland. Die Amtliche Sozialberichterstattung der Statistischen Ämter des Bundes und Länder dokumentiert für die Jahre 2005 bis 2018 auf Basis des Mikrozensus keine Veränderungen bei der Einkommensungleichheit (Abbildung).

Neue Bevölkerungsstruktur

Allerdings liegt auch die Armutsgefährdungsquote auf Basis des Mikrozensus im Jahr 2018 mit 15,5 Prozent oberhalb des Wertes des Jahres 2005 (14,7 Prozent). Gleichzeitig hat sich das Armutsrisiko bei Menschen ohne Migrationshintergrund leicht (von 11,6 Prozent auf 11,4 Prozent) und bei Menschen mit Migrationshintergrund von 28,2 Prozent auf 27,2 Prozent reduziert. "Der jüngste Anstieg der Armutsgefährdungsquote geht somit vorrangig auf eine veränderte Zusammensetzung der Bevölkerung zurück", sagt IW-Verteilungsexpertin Judith Niehues. Dass der aktuelle Ungleichheitsanstieg vorrangig mit der Migration der letzten Jahre zu tun hat, heißt keineswegs, dass er weniger relevant ist. Gleichwohl lässt sich die Entwicklung nicht einer zu geringen staatlichen Umverteilung anlasten.

Abbildung - Die Amtliche Sozialberichterstattung der Statistischen Ämter des Bundes und Länder dokumentiert für die Jahre 2005 bis 2018 auf Basis des Mikrozensus keine Veränderungen bei der Einkommensungleichheit.

Einkommen der Mitte steigen

Wichtig ist auch, dass durch Migration nicht etwa die Einkommen und Löhne der bereits hier Lebenden gedrückt wurden. Die Einkommen der jeweils ärmsten zehn Prozent sind im Durchschnitt gesunken, weil viele Menschen mit noch geringeren Einkommen hinzugestoßen sind. Gleichzeitig hat sich durch das steigende Medianeinkommen die Schwelle zur Armutsgefährdung erhöht. So ist die Armutsgefährdungsschwelle zwischen 2005 und 2016 gemäß SOEP preisbereinigt um knapp zehn Prozent gestiegen, gemäß Mikrozensus bis 2018 sogar um knapp 18 Prozent.

Dass für die aktuelle Entwicklung auf Basis des SOEP vorrangig die Ränder verantwortlich sind, ist insbesondere auch für den oberen Rand nicht ganz richtig. Die Berechnungen des WSI zeigen eindrücklich, dass zwischen 2005 und 2016 besonders die Einkommen des achten Dezils gestiegen sind. Hierzu zählen beispielsweise Singles mit einem monatlichen verfügbaren Einkommen zwischen rund 2.400 und 2.800 Euro im Jahr 2016. Selbst das Medianeinkommen ist im besagten Zeitraum stärker gestiegen als das durchschnittliche Einkommen der reichsten zehn Prozent. Profiteure der Entwicklung der letzten Jahre waren insbesondere Angehörige der Mittelschicht.

Download:
IW Trends - Einkommensentwicklung



Quelle: IW Köln
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