Mittwoch, 30 Sep 2020
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Mehr als 1,3 Milliarden Euro fließen aus der gewerblichen Wirtschaft jedes Jahr an deutsche Hochschulen - doppelt so viel wie noch vor zehn Jahren.

Sebastian Kurz
Foto: Kremlin.ru / CC-BY 4.0 (via Wikimedia Commons)

Gefragt ist die Kunst des Kompromisses

Die tageszeitung, die Antikorruptionsorganisation Transparency International Deutschland e.V. und die bundesweite Studierendenvertretung fzs (freier zusammenschluss von studentInnenschaften) ziehen Bilanz zu zwei Jahren Hochschulwatch. Das Internetportal sammelt fragwürdige Einflussnahmen auf Hochschulen.

Zunehmende Verflechtung von Wirtschaft und Wissenschaft

Hochschulwatch dokumentiert mehr als 10.000 Verbindungen zwischen der gewerblichen Wirtschaft und Hochschulen in Deutschland. Darunter sind Daten zu allen Unternehmen, die über ihre Vertretung in Hochschulräten über Hochschulpolitik mitentscheiden sowie zu etwa 900 Stiftungsprofessuren. An der Hochschule Kempten sitzen beispielsweise sieben Vertreter von Unternehmen im Hochschulrat, die gleichzeitig auch den Namen eines Hörsaals gesponsert haben.

Anna Lehmann, Bildungsredakteurin der taz: "Die Zahl der Stiftungsprofessuren hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Für Unternehmen sind sie ein beliebtes Mittel, um Einfluss zu nehmen, auf welchen Gebieten geforscht wird. Die FH Flensburg hat zum Beispiel mit dem Verband der norddeutschen Wirtschaft einen Vertrag über die Einrichtung einer Stiftungsprofessur für Windenergie geschlossen. Der dazugehörige 16köpfige Beirat, der über das von den Stiftern zur Verfügung gestellte Geld entscheidet, wird allerdings von den Stiftern und weiteren Branchenvertretern dominiert, die Fachhochschule stellt selbst nur eine Vertreterin. Ein klares Indiz dafür, dass die Freiheit von Forschung und Lehre durch wirtschaftsgeleitete Interessen gefährdet ist."

Intransparenz bei Drittmitteln und Sponsoringverträgen

Drittmittelverträge von Hochschulen mit Förderern aus der Wirtschaft müssen in der Regel in Deutschland nicht veröffentlicht werden. Dass es auch anders geht, zeigt das geplante Transparenzgesetz in Rheinland-Pfalz. Dortige Hochschulen müssen laut Gesetzentwurf bald Informationen über Drittmittelgeber offenlegen. Die Transparenz von Sponsoringverträgen mit Hochschulen ist in nur fünf Bundesländern sichergestellt. Beispielsweise in Niedersachsen sind Hochschulen neuerdings verpflichtet, fortlaufend Sponsoringberichte zu veröffentlichen.

Edda Müller, Vorsitzende von Transparency Deutschland: "Unabhängigkeit und Transparenz der Finanzströme sind ein hohes Gut der Wissenschaft. Wir fordern eine Veröffentlichungspflicht aller Kooperationsverträge zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sowie regelmäßige Sponsoringberichte aller Hochschulen. Außerdem müssen Hochschulen Teil der Informationsfreiheitsgesetze sein."

Isabella Albert, freier zusammenschluss von studentInnenschaften: "Hochschulen werden immer weiter zu Produzenten von Arbeitskräften degradiert. Ein Studium ist keine Berufsausbildung und kann in keinem Fall nur die Interessen eines bestimmten Unternehmens bedienen. Die Drittmittel an unseren Hochschulen führen aber genau dazu."

Quelle: Transparency International Deutschland


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