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Mindestens 15 Jahre lang haben Ärzte am ehemaligen Landeskrankenhaus Schleswig Medikamente vor deren Markteinführung getestet. Erstmals beschreibt ein ehemaliger Pfleger NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin, dass nicht-registrierte Medikamente kartonweise für die Ärzte bereitstanden: "Das war sogenannte Nummernmedizin. Die hatte noch keine Zulassung für den Handel. Die durfte nirgendwo verkauft werden, das war reiner Versuch." Eine Buchführung habe es nicht gegeben. Die Medikamente seien in einem Raum abseits der Krankenhausapotheke gelagert worden.

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Das belegen auch zahlreiche Studien, die NDR 1 Welle Nord und dem Schleswig-Holstein Magazin vorliegen. Sie dokumentieren, dass Ärzte im Zeitraum zwischen 1958 bis 1973 mehrere Medikamente vor Markteinführung verabreichten. Schleswiger Ärzte haben beispielsweise das Psychopharmakon "BAY 1521" schon im Jahr 1967 getestet und diskutiert. Das Medikament kam nach Angaben des Bayer-Konzerns erst zwei Jahre später unter dem Namen "Agedal" auf den Markt.

Das damals noch unbekannte Präparat wurde nach Angaben einer Studie allen neuen Patienten verabreicht - unabhängig von deren Krankheitsbild. Aus Sicht des Gießener Medizinhistorikers Volker Roelcke sei es den Schleswiger Ärzten offenbar darum gegangen, die teilweise heftigen Nebenwirkungen des Medikaments (z. B. Bewegungseinschränkungen) vor Markteinführung zu überprüfen: "Die Patienten werden eigentlich nur benutzt zu überprüfen, wie häufig und wie umfangreich Schäden auftreten, quasi wie Versuchsobjekte."

Wie umfangreich die Versuche mit nicht-registrierten Medikamenten gewesen sein müssen, belegen weitere Studien. Unter anderem haben die Schleswiger Ärzte im Jahr 1959 das Antiepileptikum "Tegretal" in der Kinderpsychiatrie getestet. Nach Angaben des Pharmakonzerns Novartis kam "Tegretal" aber erst ein Jahr später auf den Markt. Auch das Antipsychotikum "Taractan" kam erst ein Jahr nach den Schleswiger Versuchen auf den Markt. Das hat der Pharmakonzern Roche bestätigt. Nach den Recherchen von NDR 1 Welle Nord und Schleswig-Holstein Magazin haben Schleswiger Ärzte an mindestens 824 Patienten nicht-marktreife Medikamente getestet.

Der Medizinhistoriker Volker Roelcke geht davon aus, dass zusätzlich zu den publizierten Versuchen zahlreiche weitere Tests stattgefunden haben, die es nicht bis zur Publikationsreife gebracht haben: "Das Patientenwohl wurde zurückgestellt, und der Fortschritt der Wissenschaft ist vorrangig, und eben auch finanzielle Interessen oder eben Karriereinteressen der beteiligten Akteure."



Quelle: NDR


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