Freitag, 10 Jul 2020
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Künstliche Kniegelenke einsetzen oder Bauchspeicheldrüsenkrebs entfernen: Solch komplizierte Operationen führten sechs Berliner und zwölf Brandenburger Kliniken im Jahr 2017 in geringerer Anzahl durch als gesetzlich vorgeschrieben ist.

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Das hat eine Analyse der jüngsten verfügbaren Qualitätsberichte aller regionalen Krankenhäuser durch das Nachrichtenportal rbb|24 und das rbb-Verbrauchermagazin SUPER.MARKT ergeben. Viele der betroffenen Kliniken geben an, dass für sie Ausnahmeregelungen gelten. Gesetzlich vorgeschrieben sind Mindestmengen für sechs besonders schwere Operationen. Sie sollen sicherstellen, dass OP-Teams und Intensivstationen ausreichend Erfahrung mit diesen Eingriffen haben. In Berlin und Brandenburg betraf die Vorgabe im Jahr 2017 laut rbb-Datenanalyse rund 10.600 durchgeführte Operationen. Rund 200 dieser Eingriffe wurden in Krankenhäusern durchgeführt, die die Mindestmengen-Vorgaben nicht erreichten. In solchen Krankenhäusern kommt es bei der jeweiligen Operation laut Studien im Schnitt deutlich häufiger zu Komplikationen und auch Todesfällen.

Fast doppelt so hohes Sterberisiko bei schwerer Pankreas-OP

Besonders erhöht ist das Sterberisiko beim Pankreas-Karzinom, besser bekannt als Bauchspeicheldrüsen-Krebs. In spezialisierten Pankreas-Zentren, wo routinierte Operateure behandeln, sterben laut einer Langzeitstudie im Schnitt 6,5 Prozent der Patienten. In Krankenhäusern, die unter der Mindestmenge bleiben, sterben im Schnitt 11,5 Prozent - das ist fast jeder achte Patient. "Das ist viel zu hoch für diese Operation, und das ist ethisch nicht vertretbar", kommentiert Prof. Michael Heise, Chefarzt der Chirurgie des Sana-Klinikums Lichtenbergs auf Anfrage des rbb diese Zahlen.

Herzberger Klinik räumt ein: Kein Bedarf für schwere Pankreas-OP vorhanden

Mehrere Kliniken in Berlin und Brandenburg führten im Jahr 2017 Pankreas-Operationen unterhalb der Mindestmenge durch. Die meisten beriefen sich darauf, dass es ungeplante Notfall-Eingriffe gewesen seien. Das Elbe-Elster Klinikum in Herzberg hingegen bot die Leistung planmäßig an. Es führte die Operation im Jahr 2017 weniger als sechs Mal durch - deutlich unter der Mindestmenge von zehn Operationen pro Jahr. "Wir haben festgestellt, dass der regionale Bedarf für Pankreaschirurgie und deren weiterführende Behandlungen vorhanden ist. Jedoch ist für den Teil der mindestmengenrelevanten Eingriffe der Bedarf nicht vorhanden", räumt die Klinikleitung schriftlich ein.

Obwohl die Mindestmenge unterschritten wurde, handelte die Klinik legal, denn sie hatte diese Operation nach einem Chefarzt-Wechsel in der chirurgischen Abteilung im Jahr 2016 neu in den Leistungskatalog aufgenommen. Kliniken, die das tun, können die Mindestmengen für einen Übergangszeitraum unterschreiten.

Gesundheitsökonom fordert Konzentration auf spezialisierte Kliniken

Der Gesundheitsökonom Prof. Reinhard Busse von der TU Berlin kritisiert diesen Ausnahmegrund. Denn es finde gegenwärtig keine ausreichende Prüfung durch die Krankenkassen statt, ob es für die Versorgung der Patienten überhaupt notwendig sei, dass Kliniken komplizierte Operationen neu anbieten. "Das jetzt überhaupt noch zusätzliche Krankenhäuser dazukommen, liegt ja nicht daran, dass wir einen Mangel an Krankenhäusern hätten, wo diese Pankreas-Operationen stattfinden. Ganz im Gegenteil, wir müssten das auf wenige, spezialisierte Kliniken konzentrieren", sagt Busse. Er fordert: Nur zertifizierte Krebs-Zentren sollten künftig noch die Erlaubnis erhalten, diese schwere OP durchzuführen.

Inzwischen haben nach rbb-Recherchen die Landesverbände der gesetzlichen Krankenkassen der Klinik in Herzberg wie auch dem Klinikum Niederlausitz die Abrechnungserlaubnis für die schwere Pankreas-OP entzogen. Beide Kliniken bestätigten das auf Anfrage. "Die Patientensicherheit geht absolut vor. Und eine belegbare höhere Sterblichkeit bei diesen Patienten kann nicht in Kauf genommen werden dafür, dass Krankenhäuser diese Leistung erbringen", begründet Klinik-Expertin Dagmar Schmidt von der AOK Nordost den Schritt.

Mehr Informationen zum Thema und eine interaktive Karte mit allen Kliniken, die die Mindestmengen nicht erfüllen, gibt es auf rbb|24. Am Montagabend um 20:15 Uhr sendet SUPER.MARKT im rbb-Fernsehen einen ausführlichen Bericht.



Quelle: ots/Rundfunk Berlin-Brandenburg
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