Foto: TKK
 2-3 Minuten Lesezeit  517 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Zum Tag der Organspende nehmen traditionell die Werbebemühungen der Transplantationsbefürworter stark zu. Unkritisch und ohne jede Reflektion werden die Schicksale kranker Menschen nach den Regeln des Produktmarketings emotional ausgeschlachtet, um Bürger zur Organspende zu bewegen. Lästige Details, wie die Hirntoddefinition werden nur oberflächlich angesprochen. Sogar der deutsche Ethikrat sieht sich nicht in der Lage eine einheitliche Position zum Hirntod zu verabschieden. Undifferenziert wird seitens der Medien verbreitet, dass ohne Transplantation der Tod die automatische Folge ist.

Insbesondere Alleinerziehende fühlten sich vielfach im Stich gelassen.
Foto: PDPics

Zusammenhalt in der Corona-Krise - Der Staat muss mehr tun

Gerade im Fall der Nierenkranken gibt es die bewährte und wirksame Therapie der Dialyse. Diese ist zwar mit Mühen und Einschränkungen verbunden, führt aber in der deutlich überwiegenden Zahl der Fälle zu guten Ergebnissen und oft einer sehr guten Lebenserwartung. Dennoch wird das "Totschlagargument" des drohenden Todes auch bei Nierenkranken angewendet, um Bürger zur Organspendebereitschaft aufzufordern, insbesondere auch zur Bereitschaft zur Lebendspende, wenn es sich um einen nahen Angehörigen und sehr guten Freund handelt.

Die durch Studien bestätigten Risiken, die ein Nierenlebendspender eingeht, lassen keine Zweifel an der ethischen Grenzwertigkeit dieser Therapieform. Beinahe die Hälfte der Nierenlebendspender wird selbst nierenkrank und muss die entsprechenden körperlichen und kognitiven Einschränkungen ertragen. Das Risiko schließlich selbst auf die Dialyse angewiesen zu sein, steigt gegenüber einer gesunden Vergleichsgruppe bis zum 11fachen. Bis zu einem Viertel der Spender erkrankt an einem behandlungsbedürftigen Bluthochdruck. Über 40 % der Spender leidet nach einigen Jahren an weiteren Herz-Kreislauferkrankungen. Bis zu 30 % der Spender leiden vorübergehend oder dauerhaft an dem Fatigue-Syndrom, einer schweren körperlich lähmenden Erkrankung, die bis zu Berufsunfähigkeit führen kann und die bis heute durch das Versicherungsrecht des neuen Transplantationsgesetzes nicht abgedeckt ist. So zumindest die Auffassung der zuständigen Unfallkassen, die das neue Gesetz in seiner Intention schlicht missachten.

Nicht zuletzt die gesetzlich vorgeschriebenen, aber nach wie vor fehlenden verbindlichen Richtlinien für die Organentnahme am lebenden Menschen, machen die Praxis der häufigen Grenzüberschreitungen der Kliniken erst möglich.

Bei diesen spendenbedingten Erkrankungen verwundert es nicht, dass die Sterblichkeit der ehedem gesunden Menschen nach dem Nierenverlust gegenüber einer ebenfalls gesunden Vergleichsgruppe um 40 % ansteigt. Auch dies wird durch eine aktuelle Studie belegt, aber in der öffentlichen und individuellen Aufklärung bisher unterschlagen.

Vor diesem Hintergrund lesen sich Aussagen wie z. B. "(Lebend-)Organspende ist eine Sache der Ehre" in empörender Form als völlig deplatziert (SLOD-Symposium in Erfurt im Juni 2015). Hier wird genau der emotionale und moralische Druck gegenüber potentiellen Spendern aufgebaut, der bei der Entscheidung Pro oder Contra der Nierenlebendspende nichts verloren hat. Die Fakten verlangen eine nüchterne Abwägung der Chancen und Risiken allein aus Sicht des potentiellen Spenders. Er allein trägt die Entscheidung, ob er auf seinen grundgesetzlich verankerten Anspruch auf körperliche Unversehrtheit verzichtet, um einem emotional nahestehenden Menschen eine mögliche Erleichterung zu verschaffen. Die hohen gesundheitlichen Risiken durch die dann notwendigen Medikamente gegen die Abstoßung des gespendeten Organs auf Seiten der Organempfänger werden ebenfalls unvollständig kommuniziert.

Entscheidet sich ein Mensch zur Organlebendspende, ist ihm der größtmögliche medizinische und versicherungsrechtliche Schutz ohne "Wenn und Aber" zu garantieren. Entscheidet er sich dagegen, hat jeder Vorwurf zu unterbleiben. Hier handelt ein Mensch aus natürlichem und berechtigtem Selbstschutz.

Eine Organspende ist keine Frage der Ehre, sondern der Vernunft.



Quelle: IGN


#mehrGesellschaft
Der Sozialverbands-Präsident wirft der Bundesregierung vor, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass ärmere Menschen stärker von der Pandemie betroffen sind.
Foto: Jordan Whitt

Mitte der Gesellschaft rutscht in Armut ab

Kurz vor der Vorstellung des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung hat der Sozialverband Deutschland vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich gewarnt. "In den...
Man hätte das viel früher vorbereiten können und müssen", sagte Landsberg
Foto: Alfred Derks

Lockerungen für Geimpfte bundeseinheitlich regeln

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, drängt auf bundeseinheitliche Regelungen im Umgang mit Geimpften. "Die Aufhebung von Einschränkungen für bereits geimpfte...
Die Realität dagegen: Brandenburg und Sachsen gehören, was den Anteil der Erstgeimpften gegen Corona angeht, zu den Schlusslichtern in Deutschland.
Foto: WorldInMyEyes

Das dauert noch

Geimpfte können trotz Corona-Beschränkungen wieder mehr Freiheit genießen: Einkaufen oder Essen gehen zum Beispiel oder einen Kurzurlaub antreten. Das ist die Verheißung. Die Realität dagegen:...
Die Lage im Nahen Osten ist explosiver, als es zuletzt - auch überdeckt von der die ganze Welt beschäftigenden Corona-Krise - erschienen sein mag.
Foto: Wikimedia Images

Zurück auf der Tagesordnung: Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern

Der Frust der Palästinenser hat sich seit vielen Jahren aufgestaut. Nicht nur, dass ihre vor zwei Dekaden noch berechtigte Hoffnung, eines Tages in einem eigenen Staat leben zu können, teils durch...
Beim Netto-Vergleich liegen die Altersbezüge der freien Berufe aber noch immer 1,8-mal so hoch wie die durchschnittliche gesetzliche Rente.
Foto: pasja1000

Renten aus Versorgungswerken doppelt so hoch wie gesetzliche Renten

Die Altersrente der Versorgungswerke freier Berufe wie Ärzte, Apotheker, Notare oder Rechtsanwälte liegt mehr als doppelt so hoch wie die Altersrente gesetzlich Versicherter. Zahlten die...
Impfpass mit Eintragungen der beiden Impfungen
Foto: Superikonoskop / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Gefälschte Impfpässe: Polizeigewerkschaft fordert für Polizisten Zugang zu Impfdaten des RKI

In der Debatte um gefälschte Impfpässe und Impfbescheinigungen fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) für Polizisten den Zugang auf die Impf-Datenbank des Robert-Koch-Instituts (RKI). Der...
Es geht jedoch nicht nur um alte Schummeleien oder Schludrigkeiten. Vielmehr geht es darum, dass Giffey im September Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden will.
Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons)

Die Glaubwürdigkeit von Franziska Giffey

Ob Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aufgrund der Plagiate in ihrer Dissertation nun doch der Doktortitel entzogen wird oder nicht, könnte eine zu vernachlässigende Randnotiz sein....
Back To Top