Sonntag, 29 Nov 2020
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Der Einsatz von Antibiotika bei Mastferkeln und Mastschweinen ist in den vergangenen Jahren deutlich zurückgegangen, bei anderen Masttieren jedoch kaum. Damit hat das Bundeslandwirtschaftsministerium sein selbst gesetztes Ziel nur teilweise erreicht. Das geht aus einem bislang internen Evaluierungsbericht hervor, der NDR und Süddeutscher Zeitung (SZ) vorliegt.

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Foto: Erich Westendarp / CC0 (via Pixabay)

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Vor fünf Jahren, im April 2014, war eine Reform des Arzneimittelgesetzes in Kraft getreten. Die Bundesregierung wollte damit den Einsatz von Antibiotika bei Masttieren deutlich verringern. Denn je häufiger Antibiotika in Ställen eingesetzt werden, desto mehr Bakterien entstehen, bei denen die Mittel nicht mehr wirken – und die wiederum können auch bei Menschen zu schwer behandelbaren Infektionen führen.

Nun hat das Bundeslandwirtschaftsministerium überprüft, ob die Gesetzesänderung den gewünschten Erfolg gebracht hat. Aus dem Evaluierungsbericht wird deutlich, dass sie nicht bei allen Tierarten wie gewünscht gegriffen hat. Demnach ist der Antibiotika-Einsatz bei Mastferkeln und -schweinen innerhalb von drei Jahren deutlich zurückgegangen - um mehr als 40 Prozent beziehungsweise um insgesamt etwa 90 Tonnen (Mastferkel: 2. Halbjahr 2014: 87,5 t + 2. Halbjahr 2017: 47,2 t / Mastschweine: 2. Hj. 2014: 115,0 t + 2. Hj. 2017: 65,2 t).

Dagegen hat sich bei Hühnern, Puten und Rindern kaum etwas verbessert. Die Verbrauchsmengen blieben hier „nahezu unverändert“, stellt der Bericht fest (Masthühner: 2. Hj. 2014: 29,7 t + 2. Hj. 2017: 29,5 t / Mastputen: 2. Hj. 2014: 38,1 t + 2. Hj. 2017: 36,7 t / Mastkälber: 2. Hj. 2014: 26,0 t + 2. Hj. 2017: 25,0 t / Mastrinder: 2. Hj. 2014: 1,7 t + 2. Hj. 2017: 0,4 t)

Seit der Gesetzesänderung müssen Landwirte, die eine Mindestzahl an Mastkälbern, Mastrindern, Mastschweinen, Masthühnern oder Mastputen halten, alle sechs Monate ihre Antibiotika-Einsätze melden. Wer deutlich über dem Durchschnitt liegt, kann von den Behörden dazu verpflichtet werden, Gegenmaßnahmen zu ergreifen, etwa die Haltung zu verbessern.

Bei Mastkälbern und Mastrindern habe das Gesetz „nicht den Effekt einer deutlichen Reduzierung des Antibiotikaeinsatzes erbracht“, schreibt das Bundeslandwirtschaftsministerium. Und in Bezug auf Masthühner und Mastputen heißt es, die beobachtete Entwicklung habe „nicht die an das Antibiotikaminimierungskonzept gestellte Erwartung“ erfüllt. Die Gründe hierfür ließen sich aus den vorliegenden Daten nicht ermitteln und bedürften weiterer Untersuchung.

Beim Geflügel gehört nach wie vor knapp die Hälfte der eingesetzten Menge an Antibiotika zu sogenannten kritischen Wirkstoffen, die auch als Reserve-Antibiotika bezeichnet werden. Sie wurden von der Weltgesundheitsorganisation WHO als besonders wichtig für die Behandlung von Menschen eingestuft.

Friedrich Ostendorff, agrarpolitischer Sprecher der Grünen, kritisiert deshalb die Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU). Sie müsse dafür sorgen, dass Reserveantibiotika „endlich raus aus der Mast“ kämen. Sie dürften nicht in der Tiermast eingesetzt werden, „weil sie eine Bedrohung für die Humanmedizin, für uns Menschen sind, wenn wir im Krankheitsfall diese Stoffe benötigen“, sagt Ostendorff.

Eines dieser Reserve-Mittel ist Colistin. Viele Ärzte kritisieren den Einsatz dieses Mittels bei Tieren grundsätzlich. Dennoch wird es in der Hühner- und Putenmast weiterhin sehr oft verwendet. Auffällig ist zudem, dass die Halter von Hühnern und Puten zwar weniger Einsätze dieses Mittels gemeldet haben, die insgesamt verabreichte Menge der Medikamente jedoch nicht gesunken ist. Deshalb geht das Ministerium davon aus, dass Colistin neuerdings erheblich höher dosiert wird, sogar „erheblich höher“, als in den Zulassungsbedingungen vorgesehen. Ob dies allerdings gegen die Grundsätze des sorgfältigen Antibiotikaeinsatzes bei Tieren verstoße, könne nicht beurteilt werden, heißt es in dem Bericht.

Das Landwirtschaftsministerium hat auch die Größe der Betriebe untersucht. Insgesamt werden demnach Tiere in großen Betrieben häufiger mit Antibiotika behandelt als in kleinen und mittleren – egal, bei welcher Tierart. Nach Ansicht des Grünen-Politikers Ostendorff ist das Problem vor allem die hohe Tierdichte in den großen Ställen. Er fordert deshalb, den Tieren mehr Platz zu geben. Dann seien weniger Antibiotika notwendig.

Aus dem Evaluierungsbericht geht zudem hervor, dass einige Betriebe möglicherweise eine Lücke in dem neuen Gesetz ausnutzen. Eine Gruppe von Bundesländern hat für den Bericht des Landwirtschaftsministeriums ihre Erfahrungen beigesteuert. Demnach werden Kälber „recht häufig auf Sammelstellen oder bei Viehhandelsunternehmen antibiotisch versorgt und dann vorbehandelt in Mastbetriebe verbracht“. Und in den Sammelstellen und den Handelsunternehmen wird nicht erfasst, welche und wie viele Antibiotika die Tiere bekommen. Denn sie gelten offiziell nicht als Tierhaltungs-Betriebe, da die Tiere dort weniger als einen Tag lang verbleiben. Deshalb unterliegen sie auch nicht der Mitteilungspflicht für Antibiotika-Einsätze.

Auch sogenannte Baby-Ferkelerzeugerbetriebe müssen die Medikamentengaben nicht melden. Und dort werden offenbar häufig Antibiotika gegeben, obwohl es gar nicht nötig wäre. Die Bundesländer schreiben: „Berichten zufolge sollen Mastbetriebe oft – unabhängig von einer diagnostizierten Erkrankung – nur mit Antibiotika behandelte Tiere von Erzeugerbetrieben abnehmen.“ Von dem Gesetz gänzlich ausgenommen sind zudem einige andere Tierhaltungen – etwa von Legehennen oder Milchkühen.

Das Bundeslandwirtschaftsministerium teilte auf Anfrage von NDR und SZ mit, aus den Ergebnissen des Berichts werde es gegebenenfalls gesetzgeberische Schlussfolgerungen ziehen. Generell arbeite es intensiv an der Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika in der Tierhaltung. Das Ministerium verweist darauf, dass die Abgabemengen in den vergangenen Jahren bereits deutlich gesunken sind. Es arbeite jedoch an einer „weiteren Minimierung“. Insbesondere die Anwendung sogenannter Reserveantibiotika müsse restriktiver werden. Es gebe Untersuchungen zur Geflügelmast, die die Vermutung nahe legen würden, „dass zu viele Antibiotika eingesetzt werden“.



Quelle: NDR
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