Jens Spahn
Jens Spahn Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)
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Die Ärztegewerkschaft Marburger Bund hat den Gesetzentwurf von Gesundheitsminister Jens Spahn für eine Reform der Notfallversorgung scharf kritisiert. "Der Plan des Gesundheitsministers birgt auch die Gefahr, dass die Versorgung schlechter wird", sagte die Marburger-Bund-Vorsitzende Susanne Johna im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Im Krankenhaus sei stets ein Facharzt in Rufbereitschaft, der jederzeit eingreifen könne. Die Kassenärztlichen Vereinigungen besetzten ihre Notdienste häufig mit sogenannten Pool-Ärzten, die noch nicht Fachärzte sind. "In Notfallzentren unter Leitung der Kassenärzte wäre eine durchgehende Facharzt-Betreuung also nicht garantiert. Das wäre ein Rückschritt."

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Grund der Kritik ist Spahns Vorhaben, "integrierte Notfallzentren" auf den Geländen der Krankenhäuser zu errichten, und zwar unter Leitung der Kassenärztlichen Vereinigungen. "Was er nicht sagt: Welche Ärzte sollen denn da arbeiten?", kritisierte Johna. Die von den Kassenärztlichen Vereinigungen vertretenen niedergelassenen Ärzte "können wohl kaum eine Rund-um-die-Uhr-Versorgung sicherstellen, sie haben ja schließlich noch ihre Praxen", so die Marburger-Bund-Chefin. "In der Realität wird es also ohne die Klinikärzte nicht funktionieren. Aber möchten die wirklich in den Notfallzentren arbeiten, in denen keine Tarifregeln gelten? Viele Krankenhäuser suchen selbst händeringend nach Ärzten. Die meisten Klinikärzte werden gar nicht abkömmlich sein, sie werden auf den Stationen gebraucht." Der Gesetzentwurf Spahns habe deswegen "eine große Schlagseite", klagte Johna.

Entscheidend sei, dass ein Patient in einem standardisierten Verfahren richtig zugewiesen werde, ob am Telefon oder an den Rettungsstellen der Krankenhäuser. "Dafür brauchen wir keine neuen, wirtschaftlich unabhängigen Betriebe, in denen das Risiko besteht, dass Krankenhausärzte ausgenutzt werden", so der Einwand der Ärztegewerkschaftschefin.

Als Grund für die vielfach überlasteten Rettungsstellen sieht Johna ein fehlendes Gesundheitswissen der Patienten. Es sei "ein riesiges Problem, dass die Gesundheitskompetenz in der Bevölkerung vielfach verloren gegangen ist. Früher hat man Großeltern oder Eltern gefragt, was zu tun sei. Heute fehlt oft dieses Erfahrungswissen", beklagte die Marburger-Bund-Chefin und forderte: "Wir müssen die Gesundheitskompetenz der Menschen dringend stärken, für Aufklärung sorgen. In der Schule sollten wir mindestens im Biologieunterricht Gesundheit zum festen Bestandteil des Lehrplans machen. Und in Ganztagsschulen muss Gesundheitsförderung auch im Nachmittagsprogramm eine viel größere Rolle spielen. Wenn wir die Kompetenzen der Schüler stärken, hilft das allen."

Den Vorschlag Spahns, Ärzte durch eine Delegation von Aufgaben an Pfleger zu entlasten, sieht Johna ebenfalls kritisch. "Die Pflegekräfte sind aber ebenfalls überlastet und könnten schon daher kaum ärztliche Aufgaben übernehmen. Der Fokus muss darauf liegen, die Ärzte von bürokratischen Pflichten zu entbinden", sagte sie. "Wir brauchen eine Generalinventur der Verwaltungslast, die Ärzten und Pflegern inzwischen aufgebürdet wird."

Viele Dokumentationspflichten gebe es doch nur, um zu verhindern, dass irgendjemand wegen irgendetwas klagen könnte. "Es werden massenhaft Datengräber geschaffen, von denen kein einziger Patient profitiert", beklagte die Gewerkschaftschefin. "Wenn Ärzte vier Stunden hinterm Schreibtisch sitzen, um Daten zu erfassen, ist das ein Skandal, denn hier wird Arzt-Zeit aufgefressen, die den Patienten gehören sollte." Konkret forderte Johna: "Die Abrechnungen müssen deutlich vereinfacht werden."

Weiterhin wurde die Forderungen von Ärztepräsident Klaus Reinhardt nach einer Hausarzt-Pflicht für Kassenpatienten scharf kritisiert. "Der Vorschlag von Herrn Reinhardt geht in die falsche Richtung. Eine Zuteilung von Medizin über den Geldbeutel halte ich nicht für sinnvoll", sagte Marburger-Bund-Chefin Susanne Johna. "Es wäre wenig hilfreich, eine Hausarztpflicht vorzuschreiben und Patienten daran zu hindern, direkt etwa zu einem Augenarzt oder einem Orthopäden zu gehen, wenn ihre Augen entzündet sind oder wenn sie sich den Fuß verstaucht haben." Auch die Hausarztpraxen seien unterbesetzt, gab Johna zu bedenken. "Wenn wir alle Patienten zuerst zu ihnen schicken, werden wir die Probleme noch vergrößern." Reinhardt, Präsident der Bundesärztekammer, hatte unlängst höhere Kassenbeiträge für Patienten, die ohne Überweisung zum Facharzt gehen, gefordert.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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