Donnerstag, 26 Nov 2020
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Stuttgart, 18. Mai 2015. Ein großes Transparent vor dem Staatsministerium in Stuttgart zeigt das baden-württembergische Landeswappen - darüber steht: "Wir können alles. Außer Babynahrung. Alete: ein Unternehmen des Landes Baden-Württemberg". Ein Aktivist mit Winfried-Kretschmann-Maske nimmt den "Goldenen Windbeutel" entgegen, den Negativpreis für Lebensmittelhersteller. Eine wandelnde Alete-Trinkmahlzeit demonstriert vor dem Amtssitz des Ministerpräsidenten mit einem Schild: "Herr Kretschmann, ich will keine Werbelüge mehr sein!" Mit dieser Aktion in Stuttgart hat die Verbraucherorganisation foodwatch heute gegen Verbrauchertäuschung und ungesunde Babyprodukte der Marke Alete protestiert. Das Unternehmen war von Nestlé zum Jahreswechsel 2014/2015 verkauft worden - seitdem ist das Land Baden-Württemberg in einem bemerkenswerten Konstrukt mittelbarer Teilhaber an Alete und damit beteiligt am Geschäft mit verfehlten Babyprodukten.

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Foto: Couleur / CC0 (via Pixabay)

Zum Jahreswechsel

"Die Wirtschaftspolitik der Regierung Kretschmann geht zu Lasten von kleinen Kindern und Familien", erklärte Oliver Huizinga, Experte für Kinderlebensmittel bei foodwatch. "Baden-Württemberg profitiert davon, dass Alete Babyprodukte verkauft, die für Babys völlig ungeeignet sind - genau die Art Produkte, von denen die Landesregierung in Eltern-Broschüren sogar ausdrücklich abrät." In einer E-Mail-Aktion unter www.foodwatch.de/alete-aktion haben bereits rund 15.000 Menschen Winfried Kretschmann aufgefordert, Schluss zu machen mit ungesunden Alete-Produkten unter Beteiligung des Landes Baden-Württemberg.

Besonders die Alete "Mahlzeiten zum Trinken ab dem 10. Monat" stehen in krassem Widerspruch zu kinderärztlichen Empfehlungen. Weil Alete sie dennoch als babygerecht vermarktet, wählten die Verbraucher sie im Herbst 2014 zur "dreistesten Werbelüge des Jahres". Der damalige Alete-Eigentümer Nestlé erhielt dafür den "Goldenen Windbeutel" - stellvertretend für die neuen Alete-Eigner reichte foodwatch den Negativpreis an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten weiter. Herr Kretschmann war bei der seit langem angekündigten Aktion nicht anwesend. Die Tore seines Staatsministeriums blieben für die foodwatch-Aktivisten zu: Auch kein Mitarbeiter der Landesregierung stand für das angefragte Gespräch zur Verfügung oder nahm den Goldenen Windbeutel entgegen. Aus der Sprechanlage sagte eine Stimme nur: "Hier haben Sie keinen Zutritt."

Bereits im Vorfeld der Aktion hatte die Landesregierung gegenüber Medien erklärt, dass sie sich nicht für die Produktpolitik bei Alete verantwortlich fühle. foodwatch kritisierte, dass sich die Landesregierung aus der Verantwortung stehlen wolle. Richtig ist:

1. Das Land ist mittelbarer Teilhaber an Alete. Es profitiert vom Erfolg des Unternehmens - der auch mit dem Verkauf von ungesunden Babyprodukten zustande kommt.

2. Alete ist derjenige Babynahrungshersteller, dessen Produkte nach Einschätzung von foodwatch am häufigsten im Widerspruch zu Ernährungsempfehlungen für Säuglinge stehen: Von fünf Produkten, wie Alete sie herstellt, rät die baden-württembergische Landesregierung sogar selbst ausdrücklich ab (eine Übersicht siehe tinyurl.com/kzn72pf).

3. Winfried Kretschmann hat foodwatch um den Jahreswechsel 2014/15 schriftlich mitteilen lassen, dass die Landesregierung die Kritik an den Alete-Trinkmahlzeiten teile - und versprochen, über die Aufsichtsräte des Alete-Eigners tätig zu werden "mit dem Ziel einer verbraucherfreundlichen Lösung". Es ist also falsch, wenn die Landesregierung als Reaktion auf den Goldenen Windbeutel nun behauptet, sie habe keinerlei Einflussmöglichkeiten: Noch in ihrem Schreiben an foodwatch hat sie sich zu dieser Verantwortung ganz offensichtlich bekannt. (Die vollständige Korrespondenz entnehmen Sie unserer Pressemappe: tinyurl.com/qz2bqde)

"Das Land ist als mittelbarer Teilhaber mitverantwortlich für diese Produkte. Herr Kretschmann muss sich entscheiden: Entweder kann er die Alete-Produktpolitik zum Guten beeinflussen, oder er muss sich mit seinen Landesbanken aus der Beteiligung zurückziehen. Es ist nicht zu rechtfertigen, dass sich Baden-Württemberg am Geschäft mit ungesunder Babynahrung beteiligt." foodwatch forderte Alete erneut auf, die Trinkmahlzeiten und andere im Widerspruch zu den Ernährungsempfehlungen für Säuglinge stehende Babyprodukte vom Markt zu nehmen. Vom Land Baden-Württemberg erwartet die Verbraucherorganisation, dass es seinen Einfluss geltend mache - oder seine mittelbare Beteiligung an Alete beende.

In der Online-Wahl der dreistesten Werbelüge des Jahres 2014 war die Alete "Mahlzeit zum Trinken ab dem 10. Monat" mit großem Vorsprung als "Gewinner" hervorgegangen - mehr als 72.000 von rund 158.000 Stimmen entfielen auf das Produkt. foodwatch verlieh dem damaligen Eigentümer Nestlé im Oktober den Goldenen Windbeutel. Im Zuge des Eigentümerwechsels erneuerte foodwatch seine Kritik gegenüber der neuen Alete-Geschäftsführung, dem Mehrheitseigner (der BWK GmbH Unternehmensbeteiligungsgesellschaft, an der L-Bank, LBBW und eine LBBW-Tochter beteiligt sind), sowie gegenüber Ministerpräsident Kretschmann. Bis heute jedoch sind die Trinkmahlzeiten unverändert im Handel und werden weiterhin fälschlicherweise wie babygerechte Produkte vermarktet. Kinderärzte kritisieren seit langem, dass Trinkbreie Karies, Überfütterung und ein ungesundes Essverhalten fördern können. Das baden-württembergische Verbraucherschutzministerium schreibt in einer Broschüre explizit über Mahlzeiten zum Trinken: "Diese flüssigen Breie eignen sich auf Grund der Vielfalt der Geschmackszutaten und des etwas höheren Energiegehalts weder für Säuglinge noch für das ältere Kind. Milchzahnkaries, aber vor allem schlechtes Essverhalten können die Folge sein." (Quelle: tinyurl.com/lmguunx, S. 11).

Auch zahlreiche ärztliche und ernährungswissenschaftliche Fachgesellschaften raten ausdrücklich von Trinkbreien für gesunde Säuglinge ab: die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ), der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ), die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE), das Forschungsinstitut für Kinderernährung (FKE), die Schweizerische Gesellschaft für Pädiatrie (SGP) und die Österreichische Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde (ÖGKJ).



Quelle: foodwatch


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