Lesezeit: 4 Min

50 Jahre nach Woodstock braucht Amerikas Gesellschaft eine neue Bewegung gegen Ungerechtigkeit und Hass

Foto: James M Shelley / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Meinung
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

50 Jahre nach Woodstock braucht Amerikas Gesellschaft eine neue Bewegung gegen Ungerechtigkeit und Hass

.

Das Woodstock-Festival fand genau vor 50 Jahren statt. Eigentlich standen kommerzielle Interessen hinter der Idee, die damals besten Bands und Musiker zusammenzubringen. Und es gab schreckliche organisatorische Pannen, weil man kurzfristig an einen anderen Ort ausweichen musste und offenbar keiner wusste, wie man die Anreise von 400 000 Menschen organisiert und sie versorgt. Aber es wurden dann doch Tage des Friedens und der Musik, wie die Veranstalter versprochen hatten.

Die Festival-Besucher mögen auf dem Höhepunkt der Hippie-Bewegung zu viele Drogen genommen und unbeschwerten Sex gehabt haben, aber sie wollten auch, dass sich etwas ändert im Land. Sie fühlten sich als Teil von etwas Großem. Blickt man heute auf dieses Land, möchte man ihm wieder etwas Großes, wieder ein Woodstock wünschen. "Viele Probleme, über die wir uns damals Sorgen gemacht haben, sind zurück", sagt Mit-Organisator Michael Lang und meint damit vor allem die Spaltung der US-Gesellschaft etwa in Bezug auf den Umgang mit Migranten und das Rassen-Thema. Er meint auch seinen Präsidenten Donald Trump, dem der Klimawandel egal ist. Dabei gab es 1969 in den Staaten schon Anfänge der Umweltbewegung, die Hippies zog es in die Natur.

Gleichzeitig waren Hoffnungen zerstoben. Die Bürgerrechtsbewegung stand noch unter dem Schock der Morde an Martin Luther King und Bobby Kennedy ein Jahr zuvor. Und dann war da dieser Krieg, den die Vereinigten Staaten in Vietnam führten. Am Ende hatten dort 58 000 US-Soldaten ihr Leben verloren, 150 000 waren verwundet worden, hunderttausende traumatisiert. Auch heute befinden sich die USA in einer Art Krieg, einem Wirtschaftskrieg. Gegner sind vor allem China und die EU, die Waffen sind Zölle. Kein US-Soldat kommt dabei tot im Sarg zurück, daher ist es schwierig, einen Ansatz für eine neue Bewegung für Frieden und Freiheit zu finden. Und trotzdem blickt die Nation wieder auf Särge. Offener Rassismus bricht sich in Gewaltakten und Amokläufen Bahn, zuletzt in El Paso und Dayton mit 29 Toten. Das politische Klima in den USA ist heute wie vor 50 Jahren vergiftet.

Trump arbeitet unbeirrt an einem Amerika, das vor allem an sich denkt und von weißen, möglichst reichen Männern beherrscht wird. Damit hält er seine Wähler- und Fan-Basis. Allzu laxe Waffengesetze will der Präsident nicht angehen, für die Opfer dieser Politik zeigt er wenig Empathie. Ungerechtigkeit, Gewalt, Hass sind also wieder da 50 Jahre nach Woodstock. Die Folk-Sängerin Joan Baez stand damals mitten in der Nacht auf der Bühne, schwanger im sechsten Monat. Sie sang "We Shall Overcome" (Wir werden es überwinden), das wohl bekannteste Protestlied. Das machte nicht nur denjenigen unter den 400 000 Mut, die noch wach waren. Das ganze Festival gab trotz seiner Unzulänglichkeiten, einer Portion Pech mit dem Wetter, aber einer zutiefst friedlichen Ausstrahlung zumindest kurzzeitig denjenigen Rückenwind, die sich in Frauen-, Bürgerrechts- und Friedensbewegungen engagierten.

Wo sind heute die Impulse für eine Bewegung, die Lösungen befördert? Wer organisiert das neue Woodstock? Die Kommunikation wäre ungleich einfacher als 1969. Die sozialen Medien etwa sind nicht nur eine leider zu oft genutzte Plattform für Hassbotschaften, sondern wären ideal für eine breit angelegte Kampagne für Frieden und Ökologie, gepaart mit dem Aufruf zur Solidarität - mit Minderheiten, Rassen, der Weltgemeinschaft insgesamt. Woodstock bleibt natürlich auch wegen seiner musikalischen Höhepunkte in Erinnerung. Zu wenige davon sind durch den gleichnamigen Film und den Soundtrack überliefert. Aber Jimmy Hendrix' Version der US-Nationalhymne, Joe Cockers "With a Little Help from My Friends" oder das irrwitzige Gitarrenspiel von "Ten Years After"-Frontman Alvin Lee haben sich ins Gedächtnis eingebrannt. Der Titel, den Lee auch sang: "I'm Going Home" - eine Aussage, die sich Donald Trump zu Eigen machen könnte.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
604 Wörter im Bericht.

Meinung (Top 10/365)

  • Geteiltes Echo auf Kretzschmars Äußerungen
    Montag, 14. Januar 2019

    Politikexperten in Sachsen-Anhalt reagieren teils kritisch, teils verständnisvoll auf die Aussagen des Ex-Handballprofis Stefan Kretzschmar zu fehlender Meinungsfreiheit in Deutschland. Das...

  • Ex-BGH-Richter Neskovic hält Hartz-IV-Sanktionen für verfassungswidrig
    Donnerstag, 10. Januar 2019

    Der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Wolfgang Neskovic, sieht die Hartz-IV-Sanktionen mit dem Grundgesetz in Konflikt: "Seit der bahnbrechenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtshofs...

  • Stich ins Herz der Demokratie - Hassreden bereiten in Polen den Boden für Gewalt
    Montag, 14. Januar 2019

    Ein möglicherweise psychisch kranker Mann sticht den Bürgermeister von Danzig nieder und tötet ihn: Die schreckliche Nachricht aus Polen fügt sich auf erschütternde Weise in eine Zeit der Shitstorms und...

  • Von der Leyens EU-Ambitionen
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Falls die Strippenzieher in der EU geglaubt hatten, mit ihren jüngsten Personalentscheidungen dem europäischen Gedanken und der Demokratie einen Dienst zu erweisen - sie erreichten das genaue...

  • Zwist der Ministerpräsidenten mit Scholz über Flüchtlingskosten
    Donnerstag, 21. März 2019

    Es ist auf den ersten Blick nicht zu entscheiden, ob vier oder fünf Milliarden Euro die Summe sind, mit der der Bund die Integrationskosten der Länder und Kommunen angemessen mildern sollte, und wie...

  • Der nächste Schritt - Krieg?
    Mittwoch, 08. Mai 2019

    Genug ist genug, sagen die iranischen Machthaber und setzten - ein Jahr nachdem die USA einseitig das völkerrechtlich verbindliche Atomabkommen gekündigt und Sanktionen verschärft haben - Teile des...

  • Weisheiten von gestern
    Freitag, 08. Februar 2019

    Ideologien sterben nicht durch ihre Widerlegung - man zieht sie schlicht aus dem Verkehr. Dieses Schicksal wird wohl auch den sogenannten Neoliberalismus ereilen. Er verschwindet langsam. Aber...

  • Korruptionssumpf Regensburg - Übrig blieb davon nichts
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Endlich Gewissheit. Nach 60 Prozesstagen verlässt Joachim Wolbergs das Landgericht Regensburg ohne Strafe. Die Richter wischten in der Urteilsbegründung Anklagepunkt um Anklagepunkt vom Tisch. Übrig blieb...

  • Grüne: Schlechter Tag für die Freiheit des Internets
    Dienstag, 26. März 2019

    Die Grünen im Europäischen Parlament haben mit scharfer Kritik auf die Billigung der Urheberrechtsreform durch das Europaparlament reagiert. Der Spitzenkandidat der deutschen Grünen für die...

  • Die Demokratie muss sich wehrhaft zeigen
    Mittwoch, 26. Juni 2019

    Durch das Geständnis im Fall Lübcke wird zur erschütternden Gewissheit, dass zum ersten Mal in der Nachkriegszeit ein rechtsextremistisch motivierter Mord an einem Staatsvertreter verübt wurde....