Lesezeit: 3 Min

Casting-Show bei der SPD

Foto: Mehr Demokratie / Kurt & Rafael Wilhelmi / CC BY-SA 2.0 (via Flickr)

Meinung
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Casting-Show bei der SPD

.

Auf den ersten Blick sah das nicht sonderlich dynamisch aus. Wie reagiert die SPD auf den Schock nach dem Nahles-Rücktritt? Mit einer Interims-Troika. Beim letzten Mal, mit Sigmar Gabriel, Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück, lief das ja suboptimal. Doch die Botschaft, die das neue Übergangs-Dreigestirn Malu Dreyer, Manuela Schwesig und Thorsten Schäfer-Gümbel überbrachte, ist eine andere. Die sterbende Volkspartei, die nach den brutalen Rückschlägen bei den Wahlen in Europa und in Bremen auf der Palliativstation des Parteiensystems liegt, scheint bereit zu sein, auf das Morphium aus Selbsttäuschung und Weiter-so zu verzichten, die Kanüle herauszureißen, um mit vollem Risiko zurück ins politische Leben zu rennen.

Als Demokrat möchte man der SPD zurufen: Seid nicht mehr so verdammt ängstlich. Ihr habt nichts mehr zu verlieren! Wenn der Vorstand in drei Wochen den Mut aufbringt, sich für eine Frau-Mann-Doppelspitze per Mitgliedervotum zu entscheiden, könnte das die SPD vitalisieren. Die Regionalkonferenzen der CDU, als Annegret Kramp-Karrenbauer, Friedrich Merz und Jens Spahn im Ringen um den Parteivorsitz nach 18 Jahren Merkel über die Dörfer tingelten, waren Festspiele der Demokratie. Dabei durften die CDU-Mitglieder noch nicht mal abstimmen. Das erledigte ein Parteitag in Hamburg, wo Merz mit der schlechtesten Rede seiner Karriere den Sprung nach ganz oben vergeigte. In der CDU bereuen das viele schon. AKK scheint noch nicht einmal einem Youtuber wie Rezo gewachsen zu sein.

Die SPD muss die Courage haben, die alte Garde bald in Rente zu schicken. Andrea Nahles hat selbst den Anfang gemacht, den Exit aus der Politik gewählt. Sie wurde, wie schon gesagt, Opfer ihrer eigenen Machtspielchen und einer Stimmung in Partei und Bundestagsfraktion, die teils verletzend, bösartig und hoffnungslos ist. Wenn die SPD so weitermacht, ist bei knapp 16 Prozent noch lange nicht Schluss. Dann geht es Richtung zehn Prozent. Bei den Landtagswahlen in Thüringen und Sachsen werden die Sozialdemokraten kämpfen müssen, um über die Fünf-Prozent-Hürde zu kommen.

"Zukunft wird aus Mut" gemacht. Den Nena-Songtext nahmen die Grünen in die Hand, um von Erfolg zu Erfolg zu rocken. So einfach wird es für die SPD nicht. Sie kann nicht über Nacht 155 Jahre Parteigeschichte über Bord werfen. Aber sie muss sich fix klar werden, wofür sie künftig stehen will. Die Grünen abkupfern? Wird schiefgehen. Gewählt wird das Original. Aber was ist mit der Arbeitswelt der Zukunft, der Macht der Digitalkonzerne, der Sorge um die Schwächsten der Gesellschaft? Es gibt genug Platz für die SPD. Dafür benötigt sie unverbrauchte Gesichter. Das Establishment scheint verstanden zu haben. Dreyer bleibt in Mainz, Weil in Hannover, Schwesig in Schwerin. Olaf Scholz winkte beim Interimsvorsitz ab. Keine Zeit! Er ist ja Finanzminister und Vizekanzler (mit Riesenapparat). Dass ein Sigmar Gabriel drei Hüte aufhatte, geschenkt. Scholz wäre in der aufgeheizten No-GroKo-Stimmung als Versöhner sowieso nicht vermittelbar. Er muss die Regierungsgeschäfte mit der Union ordentlich zu Ende bringen. Weihnachten dürfte diese Koalition Geschichte sein.

Eine neue Generation muss Verantwortung übernehmen. Viele schauen auf Kevin Kühnert. Ob er nur linkes Stagediving oder mehr kann, muss der 29-Jährige zeigen. Traut er sich? Gut für die Partei wäre es, wenn noch andere (Frauen!) nach oben kämen, die bislang keiner auf dem Schirm hatte. Bühne frei für eine Castingshow. Entweder es wird ein Hit - oder der Vorhang für die SPD fällt für immer.



Quelle: ots/Berliner Morgenpost
553 Wörter im Bericht.

Meinung (Top 10/365)

  • Geteiltes Echo auf Kretzschmars Äußerungen
    Montag, 14. Januar 2019

    Politikexperten in Sachsen-Anhalt reagieren teils kritisch, teils verständnisvoll auf die Aussagen des Ex-Handballprofis Stefan Kretzschmar zu fehlender Meinungsfreiheit in Deutschland. Das...

  • Ex-BGH-Richter Neskovic hält Hartz-IV-Sanktionen für verfassungswidrig
    Donnerstag, 10. Januar 2019

    Der ehemalige Richter am Bundesgerichtshof, Wolfgang Neskovic, sieht die Hartz-IV-Sanktionen mit dem Grundgesetz in Konflikt: "Seit der bahnbrechenden Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtshofs...

  • Stich ins Herz der Demokratie - Hassreden bereiten in Polen den Boden für Gewalt
    Montag, 14. Januar 2019

    Ein möglicherweise psychisch kranker Mann sticht den Bürgermeister von Danzig nieder und tötet ihn: Die schreckliche Nachricht aus Polen fügt sich auf erschütternde Weise in eine Zeit der Shitstorms und...

  • Von der Leyens EU-Ambitionen
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Falls die Strippenzieher in der EU geglaubt hatten, mit ihren jüngsten Personalentscheidungen dem europäischen Gedanken und der Demokratie einen Dienst zu erweisen - sie erreichten das genaue...

  • Zwist der Ministerpräsidenten mit Scholz über Flüchtlingskosten
    Donnerstag, 21. März 2019

    Es ist auf den ersten Blick nicht zu entscheiden, ob vier oder fünf Milliarden Euro die Summe sind, mit der der Bund die Integrationskosten der Länder und Kommunen angemessen mildern sollte, und wie...

  • Der nächste Schritt - Krieg?
    Mittwoch, 08. Mai 2019

    Genug ist genug, sagen die iranischen Machthaber und setzten - ein Jahr nachdem die USA einseitig das völkerrechtlich verbindliche Atomabkommen gekündigt und Sanktionen verschärft haben - Teile des...

  • Weisheiten von gestern
    Freitag, 08. Februar 2019

    Ideologien sterben nicht durch ihre Widerlegung - man zieht sie schlicht aus dem Verkehr. Dieses Schicksal wird wohl auch den sogenannten Neoliberalismus ereilen. Er verschwindet langsam. Aber...

  • Korruptionssumpf Regensburg - Übrig blieb davon nichts
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Endlich Gewissheit. Nach 60 Prozesstagen verlässt Joachim Wolbergs das Landgericht Regensburg ohne Strafe. Die Richter wischten in der Urteilsbegründung Anklagepunkt um Anklagepunkt vom Tisch. Übrig blieb...

  • Grüne: Schlechter Tag für die Freiheit des Internets
    Dienstag, 26. März 2019

    Die Grünen im Europäischen Parlament haben mit scharfer Kritik auf die Billigung der Urheberrechtsreform durch das Europaparlament reagiert. Der Spitzenkandidat der deutschen Grünen für die...

  • Die Demokratie muss sich wehrhaft zeigen
    Mittwoch, 26. Juni 2019

    Durch das Geständnis im Fall Lübcke wird zur erschütternden Gewissheit, dass zum ersten Mal in der Nachkriegszeit ein rechtsextremistisch motivierter Mord an einem Staatsvertreter verübt wurde....