Mittwoch, 08 Jul 2020
Foto: Wilhelm Rosenkranz / CC BY 2.0 (via Flickr)
 2-3 Minuten Lesezeit  555 Worte im Text  vor 243 Tagen

Der 9. November 1989 ist für Deutschland ein Datum, das sich ins Gedächtnis eingebrannt hat: Jeder weiß noch, wo er war und was er gerade tat, als die unglaubliche Meldung die Runde machte: Die Mauer ist auf! Das ist erst 30 Jahre her. Ja: erst. Die DDR gab es länger. 41 Jahre lang war das Land geteilt, ein halbes Menschenleben. Zum Jubiläum des Mauerfalls wird viel darüber gesprochen, was im Verhältnis Ost-West alles nicht funktioniert. Dabei gibt es allen Grund, stolz zu sein und sich an das Prickeln des magischen Augenblicks zu erinnern, als die ersten DDR-Bürger vor Glück weinend über den Grenzübergang Bornholmer Straße legal rübermachten.

empty alt
Foto: Joseph Redfield Nino / CC0 (via Pixabay)

Laschet wirbt mit Bundesregierung für West-Ost-Schüleraustausch

Die Wiedervereinigung ist eine Erfolgsgeschichte. Wunder darf man aber nicht erwarten. Welches andere Land der Welt hätte den Willen und die Kraft besessen, über 16 Millionen Menschen nahtlos ins Sozialversicherungssystem einzugliedern, neue Infrastruktur auf einer Fläche von mehr als 100 000 Quadratkilometern zu schaffen, ganze Altstädte zu sanieren? Die "blühenden Landschaften", die Helmut Kohl einst versprochen hat, gibt es nicht überall in Ostdeutschland - und nicht überall im Westen. Die Verödung einzelner Landstriche kennt auch Bayern, graue Innenstädte auch Nordrhein-Westfalen.

Es gibt zählbare Erfolge: Sachsen führt seit Jahren das Pisa-Bildungsranking an. Aus Leipzig ist "Hypezig" geworden, ein Kultur- und Wirtschaftsstandort. Das Bruttoinlandsprodukt im Osten ist seit der Wiedervereinigung von 30 auf heute 75 Prozent des westdeutschen Niveaus gestiegen. Sogar im deutschen Glücksatlas haben die neuen Bundesländer Boden gutgemacht. Zwar finden wesentlich mehr Ostdeutsche, dass die Herkunft aus Ost oder West die Identität prägt - aber wie bei den Westdeutschen sind ihnen andere Faktoren für die eigene Verortung in der Gesellschaft wichtiger: die soziale Schicht, das Einkommen, die Nationalität, die politische Einstellung. Warum erwarten wir überhaupt, dass Thüringer und Saarländer mehr miteinander gemeinsam haben sollten als beispielsweise Bayern und Bremer?

Von den deutschen Gebieten nördlich und südlich des Weißwurstäquators wird keine vollständige Harmonisierung oder gar Assimilierung in irgendeine Himmelsrichtung erwartet. Jeder darf seine regionalen Schrullen mit Lust und Liebe pflegen. Klischees sind unvermeidlich, doch sie dürfen nicht zu Vorurteilen gerinnen. Naziaufmärsche haben dazu verleitet, ein monochromes Bild von "Dunkeldeutschland" zu malen. Doch der pauschale Vorwurf des Faschismus ist der Ost-West-Beziehung nie zuträglich gewesen.

Der Irrglaube, dass Faschismus stets auf der anderen Seite stattfand, hatte schon einmal Folgen: In der DDR sah man die NS-Vergangenheit mit der Entnazifizierung als erledigt an, in eigener Sache wurde die Schuldfrage nicht gestellt. Möglicherweise einer der Gründe, warum rechte Parolen im Osten noch besser ankommen als in der Alt-BRD. Die Aufarbeitung der DDR-Geschichte ist wegen des Eiltempos, mit dem die Einheit übers Land brauste, ebenfalls auf der Strecke geblieben. Selbst für Schüler im Osten, sagte kürzlich ein Vertreter des Deutschen Geschichtslehrerverbands, sei die DDR bereits so weit entfernt wie die Antike.

Nur Unwissenden kann man erzählen, die DDR sei kein Unrechtsstaat gewesen, ihnen voller Ostalgie vom tollen Zusammenhalt und der Vollbeschäftigung vorschwärmen. Es war nicht alles schlecht, das ist wahr. Aber noch sehr viel mehr war überhaupt nicht gut. Die DDR war ein undemokratischer, repressiver, am Ende bankrotter Staat. Wenn dies nicht mehr von Generation zu Generation weitergegeben wird, muss Geschichtsunterricht die fatalen Lücken schließen. Alle Schüler, ob Ost oder West, sollten wissen, was Hohenschönhausen war. Sie sollten aber auch die schönen Bilder vom 9.11.1989 kennen, als Deutschland anfing, wieder zueinanderzufinden.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
#mehrGesellschaft
Es gehe jetzt darum, "mit Wumms" aus der Krise zu kommen, so Olaf Scholz
Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Kein Wumms für die Menschen

So richtig glauben die Menschen in diesem Land nicht an den "Wumms", den das vergangene Woche von der Koalition beschlossene Konjunkturpaket bringen soll. Zumindest nicht an den "Wumms" im eigenen...
Deutschland ist nicht durch und durch rassistisch, aber es gibt gefährliche rassistische Tendenzen.
Foto: Euku / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Rassismus in Deutschland: Schwarze Abgeordnete fordern "mehr Bereitschaft zuzuhören"

Die beiden schwarzen Abgeordneten Aminata Touré und Karamba Diaby haben an die Gesellschaft appelliert, sich intensiver mit Rassismus auseinanderzusetzen und bei rassistischen Vorfällen nicht...
Treffend spricht Brandenburgs Innenminister Michael Stübgen davon, dass hier der Flügel längst der ganze Vogel geworden sei.
Foto: Vincent Eisfeld / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die AfD macht sich selbst verdächtig

Die Beobachtung ihres gesamten Landesverbandes durch den Verfassungsschutz hat sich die Brandenburger AfD selbst zuzuschreiben. Wenn zum einen der AfD-Landeschef Andreas Kalbitz selbst dem eigenen...
Der Begriff Rasse gehört, um es klar zu formulieren, auf den Müllhaufen der Geschichte.
Foto: Gemma Chua-Tran

Nicht unantastbar

Kritiker wittern eine Scheindebatte. Sie sprechen von Symbolpolitik ohne Gehalt, die sich wie so oft darin erschöpft, das gute Gewissen zu streicheln. Und sie warnen davor, ohne Not Hand an die...
Besonders lange dauert dabei die sogenannte Kundenphase von der Antragstellung bis zum Eingang der vollständigen Antragsunterlagen.
Foto: succo / CC0 (via Pixabay)

Arbeitslosengeld: Im Schnitt 49 Tage von Antragstellung bis Auszahlung

Wer seinen Job verliert und Arbeitslosengeld beantragt, muss im Schnitt 49 Kalendertage bis zur Auszahlung warten. Das geht aus einer Antwort des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der...
"Ich fürchte die Signalwirkung für Funktionäre vom Schlage des zurückgetretenen Schalker Aufsichtsrats-Chefs Tönnies, die eigentlich über große Vermögen verfügen, aber im Notfall mit dem Klingelbeutel vor der Politik stehen."
Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung / CC BY 2.0 (via Flickr)

Kevin Kühnert gegen NRW-Landesbürgschaft für Schalke 04

Der stellvertretende SPD-Bundesvorsitzende Kevin Kühnert hat sich kritisch zu Plänen in Nordrhein-Westfalen geäußert, dem Fußball-Bundesligisten Schalke 04 mit einer Bürgschaft zu helfen. Kühnert...
Werde der Werkvertrag verboten, stünden einige Unternehmen "vermutlich kurzfristig vor erheblichen Personalproblemen".
Foto: Jai79 / CC0 (via Pixabay)

Geplantes Verbot von Werkverträgen: Fleischwaren-Präsidentin zweifelt an Durchsetzungsfähigkeit

Sarah Dhem, Präsidentin des Bundesverbandes der Fleischwarenindustrie, ist skeptisch, dass das von der Bundesregierung angekündigte Verbot von Werkverträgen in der Fleischwirtschaft so umgesetzt...
Back To Top