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 2-3 Minuten Lesezeit  560 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Der Prolog des Johannesevangeliums ist eine der bekanntesten Passagen aus der Bibel. Am ersten Weihnachtsfeiertag wird dieser Text im Gottesdienst vorgelesen. "Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde nichts, was geworden ist", lauten die ersten Sätze. Unabhängig davon, ob er an Gott glaubt oder nicht, machen diese Sätze demjenigen, der sie hört oder liest, klar, dass Worte den Unterschied ausmachen. Ihnen wohnt Macht inne. Von ihnen geht alles aus. Aber derzeit ist wenig Achtsamkeit im Umgang mit Worten zu spüren - und noch weniger Ehrfurcht vor der Wirkmacht von Gesagtem.

Noch ist die Adventszeit einige Wochen entfernt, aber endlos weit entrückt scheinen wir der Besinnlichkeit, zu der wir dann finden sollen. Es sind hysterische Zeiten, die von Besinnungslosigkeit geprägt sind. Die öffentliche Debatte ist vielfach zu einem wüsten Geschrei geraten. Das Gesprächsklima ist vergiftet. Und: Einander wird nicht mehr wirklich zugehört. Die Bereitschaft, es auszuhalten, wenn den eigenen Auffassungen widersprechende Standpunkte entgegengehalten werden, ist gering. Beleidigungen und Beschimpfungen werden ausgesprochen, als seien es Meinungen. Aber sie sind es nicht. Sie sind Unrecht. Nicht manchmal oder vielleicht, sondern immer.

Was noch vor wenigen Jahren unsagbar war, wird nun geradezu hinausgeplärrt in die Welt. Oft berufen sich die Redner dann auf ihre Meinungsfreiheit. Welch ein Hohn! Denn in Wahrheit wird die Meinungsfreiheit von ihnen miss- und geradezu verachtet. Es wäre ja fast schon beruhigend, wenn man es auf Gedankenlosigkeit schieben könnte, was Parlamentarier, hohe Amtsträger, ja selbst ein US-Präsident von sich geben. Aber Gedankenlosigkeit hieße ja, dass sie sich nicht dessen bewusst sind, was sie da sagen. Das Gegenteil ist der Fall.

Bewusst wird die Macht des Wortes genutzt, um aufzuhetzen und um Tatsachen zu verdrehen. Oft zählt nicht mehr das, was wahr ist, sondern das, was gefühlt wird. Emotionen treten an die Stelle von Argumenten. Das erstickt jede gedankliche Auseinandersetzung mit einem Gegenüber im Keim. Der sachliche Streit wird unmöglich.

Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut. Wem dieses Recht verwehrt wird, der verdient es, dass man ihm zur Seite springt und für sein Recht kämpft. Aber Meinungsfreiheit bedeutet nicht, dass man alles sagen darf, was man will. Es muss die Wahrheit sein. Das Wort, mündlich wie schriftlich, kann Großes bewirken, Gutes wie Schlechtes. Wer etwas ausspricht, der muss die Verantwortung für seine Worte tragen. Das fällt leichter, wenn die Wortwahl behutsam ist. Zu einem inhaltlich ergiebigen Wortwechsel gehört die Geduld, sich Argumente anzuhören. Sie hin- und her zu wenden. Verantwortung? Behutsamkeit? Geduld? Das klingt altmodisch. Aber es sind Begriffe von hoher Aktualität. An die eigene Verantwortung denken allerdings die Wenigsten, die ihre eigene Befindlichkeit über alles andere stellen und mit ihren Worten schmähen, verunglimpfen und aufhetzen.

In diesen ohrenbetäubenden Zeiten findet gerade die Frankfurter Buchmesse, eine besondere Feier des geschriebenen Wortes, statt. Das Wort hat nichts von seiner Faszination und erst recht nichts von seinem Gewicht verloren. Das wird auf der Messe, auf der Verlage beeindruckende Zeugnisse des Umgangs mit Worten vorstellen, demonstriert. Lesen ist wichtig. Wer das Glück hat, sich gedanklich in ein Buch zu versenken, dem wird kunstvoll Erfahrung und Wegweisung vermittelt. Der in die Lektüre vertiefte Leser wird zum Nachdenken angeregt. Und Denken ist überhaupt das Wichtigste, um sich nicht von hohlen Worten und falscher Rede täuschen zu lassen.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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