Foto: 12019 / CC0 (via Pixabay)
 2-3 Minuten Lesezeit  537 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Kurz vor den Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen am kommenden Sonntag ist die Betroffenheit groß. Prominente Köpfe aus Politik und Wirtschaft sorgen sich um den Wahlausgang und stellen betreten fest, dass Ostdeutschland viel zu lange vernachlässigt wurde und die Wirtschaftskraft in Ost und West auch 30 Jahre nach der Wende weit auseinanderklafft.

Endlich darf wieder mit bis zu 50 Freunden Hochzeit, Geburtstag oder Jubiläum gefeiert werden.
Foto: Mitchell Orr

Verantwortungsvoll die neue Freiheit nutzen

So hat sich nun Industriepräsident Dieter Kempf zu Wort gemeldet und befunden: "Wir haben den Menschen in Ostdeutschland viel zu wenig zugehört und auch zu wenig hingeguckt." Jetzt, da die Politik um Stimmen und die Wirtschaft um Stabilität bangt, verwundern solche reumütigen Äußerungen kaum. Doch sie verraten mehr von der Sorge um eigene - in Kempfs Fall ökonomische - Einbußen, als von sozialem Engagement und einem ernsthaften Willen, die Verhältnisse im Osten dem Osten zuliebe zu verändern. Und vor allem greifen sie in ihrer Analyse zu kurz. Dabei trifft ein Teil von Kempfs jüngsten Ausführungen durchaus zu. Der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie hat recht, wenn er sagt, dass der Internetzugang, die Dorfkneipe, der Bäcker oder der Arzt in Teilen Ostdeutschlands, besonders in den ländlichen Regionen, vernachlässigt wurden. Doch diese längst bekannten Versäumnisse gibt es nicht nur im Osten. Strukturschwache Gegenden finden sich im Ruhrgebiet, im Saarland und selbst im wirtschaftlich starken Bayern.

Doch mit dem Fokus auf diese Gegenden lässt sich aktuell nicht Politik in eigener Sache machen - schließlich wird dort jetzt nicht gewählt. Worüber Kempf und Co. dieser Tage dagegen lieber nicht sprechen, ist das viel grundlegendere Problem eines Stadt-Land-Gefälles, das das ganze Land überzieht. Der Internetzugang ist nur dort stabil und schnell, wo die Wirtschaft angesiedelt ist und die leistungsfähigen Teile der Gesellschaft sitzen, also um die urbanen Zentren. Der Bäcker oder Metzger vor Ort wird verdrängt von effizienteren Discounter-Ketten und Großanbietern. Landkrankenhäuser und öffentlicher Nahverkehr werden nur dort erhalten und ausgebaut, wo sie am Ende noch Rendite abwerfen. Die Dorfkneipe und das Gasthaus um die Ecke machen am Ende dicht , weil die Gäste ausbleiben: Zu viele sind in die Städte abgezogen. Es gibt einen Zusammenhang zwischen all diesen Bereichen: Er liegt in der Ökonomisierung all unserer Lebens- und Gesellschaftsbereiche. Diese Entwicklung wurde über viele Jahre hinweg von Politik und Wirtschaft vorangetrieben - nicht selten gerade von denjenigen, die nun betroffen auf den ländlichen Osten blicken und sich wundern, dass junge Menschen in Scharen abgewandert sind.

Wir sind weit davon entfernt, diesen Trend kritisch zu überdenken und einen Gang zurückzuschalten. So sagte etwa der Chef des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle, Reint Gropp, es müsse mehr Geld in ostdeutsche Städte fließen, um die Ost-Wirtschaft anzukurbeln und auf West-Niveau anzuheben. So zu tun, als wäre mehr wirtschaftlicher Aufschwung die Lösung aller Probleme, verkennt die Tatsache, dass viele Menschen gerade von dieser Durch-Ökonomisierung abgeschreckt sind. Zuhören und Hingucken, wie das Herr Kempf nun tun will, ist etwas anderes, als den Wirtschaftsmotor anzufeuern. Die Entscheidung an der Wahlurne wird längst nicht nur durch Wirtschaftslage und materielle Bedingungen bestimmt. Politische, soziale, historische Faktoren spielen am Wahltag eine Rolle - und das Gefühl, von den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsträgern ernstgenommen zu werden. Kurzfristige Betroffenheitsbekundungen vermitteln dieses Gefühl sicher nicht. Die Defizite liegen hier nicht allein im Osten, sondern auch bei jenen, die im Westen von oben herab über ihn urteilen.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
#mehrGesellschaft
Beim Netto-Vergleich liegen die Altersbezüge der freien Berufe aber noch immer 1,8-mal so hoch wie die durchschnittliche gesetzliche Rente.
Foto: pasja1000

Renten aus Versorgungswerken doppelt so hoch wie gesetzliche Renten

Die Altersrente der Versorgungswerke freier Berufe wie Ärzte, Apotheker, Notare oder Rechtsanwälte liegt mehr als doppelt so hoch wie die Altersrente gesetzlich Versicherter. Zahlten die...
Es geht jedoch nicht nur um alte Schummeleien oder Schludrigkeiten. Vielmehr geht es darum, dass Giffey im September Regierende Bürgermeisterin von Berlin werden will.
Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 DE (via Wikimedia Commons)

Die Glaubwürdigkeit von Franziska Giffey

Ob Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) aufgrund der Plagiate in ihrer Dissertation nun doch der Doktortitel entzogen wird oder nicht, könnte eine zu vernachlässigende Randnotiz sein....
Die Realität dagegen: Brandenburg und Sachsen gehören, was den Anteil der Erstgeimpften gegen Corona angeht, zu den Schlusslichtern in Deutschland.
Foto: WorldInMyEyes

Das dauert noch

Geimpfte können trotz Corona-Beschränkungen wieder mehr Freiheit genießen: Einkaufen oder Essen gehen zum Beispiel oder einen Kurzurlaub antreten. Das ist die Verheißung. Die Realität dagegen:...
Man hätte das viel früher vorbereiten können und müssen", sagte Landsberg
Foto: Alfred Derks

Lockerungen für Geimpfte bundeseinheitlich regeln

Der Hauptgeschäftsführer des Städte- und Gemeindebundes, Gerd Landsberg, drängt auf bundeseinheitliche Regelungen im Umgang mit Geimpften. "Die Aufhebung von Einschränkungen für bereits geimpfte...
Der Sozialverbands-Präsident wirft der Bundesregierung vor, nicht rechtzeitig erkannt zu haben, dass ärmere Menschen stärker von der Pandemie betroffen sind.
Foto: Jordan Whitt

Mitte der Gesellschaft rutscht in Armut ab

Kurz vor der Vorstellung des Armuts- und Reichtumsberichts der Bundesregierung hat der Sozialverband Deutschland vor einer zunehmenden Spaltung der Gesellschaft in Arm und Reich gewarnt. "In den...
Impfpass mit Eintragungen der beiden Impfungen
Foto: Superikonoskop / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Gefälschte Impfpässe: Polizeigewerkschaft fordert für Polizisten Zugang zu Impfdaten des RKI

In der Debatte um gefälschte Impfpässe und Impfbescheinigungen fordert die Deutsche Polizeigewerkschaft (DPolG) für Polizisten den Zugang auf die Impf-Datenbank des Robert-Koch-Instituts (RKI). Der...
Die Lage im Nahen Osten ist explosiver, als es zuletzt - auch überdeckt von der die ganze Welt beschäftigenden Corona-Krise - erschienen sein mag.
Foto: Wikimedia Images

Zurück auf der Tagesordnung: Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern

Der Frust der Palästinenser hat sich seit vielen Jahren aufgestaut. Nicht nur, dass ihre vor zwei Dekaden noch berechtigte Hoffnung, eines Tages in einem eigenen Staat leben zu können, teils durch...
Back To Top