Sonntag, 20 Sep 2020
Dr. Katarzyna Mol-Wolf, (41), Chefredakteurin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMOTION
Dr. Katarzyna Mol-Wolf, (41), Chefredakteurin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMOTION Foto: EMOTION
 2-3 Minuten Lesezeit  443 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Hamburg (ots) - "Es gibt so einen Satz, der mein Blut immer wieder in Wallung bringt: 'Bei Euch scheint ja die moderne Rollenverteilung super zu funktionieren.' 'Ja, natürlich', seufze ich dann. Ich bin Unternehmerin, mein Mann Manager, beide in Vollzeit tätig. Wir haben eine dreijährige Tochter und teilen uns mal mehr, mal weniger gerecht den Haushalt. Was für ein Privileg! Aber auch täglich eine Herausforderung an die eigene Organisationsleistung - was alle berufstätigen Mütter sofort unterschreiben würden.

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Foto: Bundesarchiv R 165 Bild-244-47 / CC BY-SA 3.0 DE

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warnt vor neuem Nationalismus

Was mich in diesen Momenten wütend macht, ist der Gedanke an die vielen arbeitenden Frauen in diesem Land, die sich abstrampeln, da sie versuchen, ihr Leben für ihre Kinder und Männer bestmöglich zu leben und alle Rollen perfekt auszufüllen. Als Dank werden sie dann kritisiert, als Rabenmütter oder Egoistinnen abgestempelt, vor allem, wenn sie auch noch arbeiten - weil sie müssen, oder weil sie einfach ihren beruflichen Weg weitergehen möchten. Wozu denn sonst die ganze Ausbildung? Oder der Gedanke an die Frauen, die sich bewusst dafür entscheiden, ganz für ihre Kinder da zu sein, aber dann, wenn sich der Mann trennt, ohne Versorgung dastehen. Oder auch der Gedanke an die Männer, die uns Frauen mehr unterstützen möchten, beruflich zurückstecken oder gar Zuhause bleiben, dann aber ihre Männlichkeit rechtfertigen müssen oder gleich als Softies gelten und an Attraktivität einbüßen. Moderne Rollenbilder werden heute in der Theorie akzeptiert und gern genutzt, um die Fortschrittlichkeit unseres Landes zu demonstrieren, in dem der Anteil von berufstätigen Frauen in Unternehmen immer noch zu wünschen übrig lässt. Die Realität sieht anders aus. Und da die modernen Rollenbilder noch nicht funktionieren, scheinen viele von uns auf dem Weg nach vorn mit der Mutterschaft in einem schwarzen Loch zu verschwinden. Wann begreifen wir, dass wir als Gesellschaft endlich anfangen müssen, diese fortschrittlichen Rollenbilder auch wirklich zu leben? D.h. auch den bügelnden Hausmann richtig gut zu finden. Oder die berufstätige Frau, die sich mal auf dem Spielplatz zeigt, nicht mit strafenden Blicken zu belasten, sondern einfach mal hilfsbereiter zu sein. Auch wir Frauen müssen dazulernen, uns gegenseitig weniger zu kritisieren als zu stärken. Denn wir dürfen die gut ausgebildeten Frauen, auch wenn sie Mütter werden, nicht verlieren. Und dazu müssen wir alle endlich mehr Großzügigkeit und Toleranz anderen Rollenmodellen gegenüber zeigen. Und zwar nicht nur in der Theorie. Denn noch liegt die Realität weit zurück und fordert ein fortschrittlicheres Handeln."

Katarzyna Mol-Wolf ist Chefredakteurin und Herausgeberin der Frauenzeitschrift EMOTION. Die 41-Jährige lebt mit Mann und Tochter in Hamburg. Die gebürtige Breslauerin ist Autorin der Autobiografie "Mit dem Herz in der Hand", in der sie von dem Neuanfang mit ihrer Mutter in Deutschland nach der Flucht aus Polen 1981 erzählt.



Quelle: Katarzyna Mol-Wolf / EMOTION


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