#zeitfokus.

Dienstag, 26 Mai 2020
Foto: rawpixel / CC0 (via Pixabay)
 2-3 Minuten Lesezeit  526 Worte im Text  vor 235 Tagen

Frauen, die abtreiben, geht es besser. Zu diesem Ergebnis kamen im Juni Forscher aus den USA. Sie hatten zwei Jahre lang Frauen begleitet, die sich in Abtreibungskliniken über die Möglichkeit eines Schwangerschaftsabbruchs informiert hatten. Die Frauen, die sich für die Abtreibung entschieden hatten, litten seltener an Angstzuständen als die, die das Kind unfreiwilligerweise austrugen. Und: Sie waren gesundheitlich allgemein in besserer Verfassung. In den 1970er Jahren begannen Frauen in Deutschland damit, sich für ein Recht auf Schwangerschaftsabbruch einzusetzen. Dass heute Abtreibungen gesetzlich möglich sind, ist ihr Verdienst. Doch es gibt Tendenzen, die eher wie eine Rolle rückwärts wirken als wie ein Schritt nach vorne.

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Foto: The White House / Public Domain (via Flickr)

Das Fass ist übergelaufen

Seit 2003 ist die Zahl der Arztpraxen und Kliniken, die Abtreibungen im Bundesgebiet durchführen, um 40 Prozent zurückgegangen. Viele Ärzte scheuen sich, Schwangerschaftsabbrüche anzubieten, aus Angst vor militanten Abtreibungsgegnern, die vor Praxen und Krankenhäusern demonstrieren und damit Mitarbeiter und Patienten verschrecken. Natürlich ist es wichtig, ungeborenes Leben, ein Wesen, das sich nicht verteidigen kann, zu schützen. Doch da ist auch die werdende Mutter, die die schweren Momente einer Schwangerschaft durchmachen muss, die das Kind unter Schmerzen zur Welt bringen muss und die vor allem - bestenfalls gemeinsam mit dem Vater - dafür sorgen muss, dass es dem Kind gut geht und es ein würdevolles Leben führen kann. Die Entscheidung, ob sie der Verantwortung für das Kind gewachsen ist, kann nur die Frau alleine treffen. Aufgabe des Staates ist es, Unterstützung anzubieten.

Es ist gut, dass es Beratungsgespräche gibt, die Schwangeren, die abtreiben wollen, die möglichen Langzeitfolgen ihres Handelns nahebringen. Es ist gut, dass in solchen Gesprächen nach Lösungen gesucht wird, wie ein Leben mit Kind doch zu schultern sein könnte. Aber der Druck, dem sich abtreibungswillige Frauen in manchen Beratungsstellen ausgesetzt sehen, ist ein Unding. Es geht nicht, dass Frauen in einer Notsituation mit Fotos von Embryos weiter verunsichert werden. Eine freie und offene Gesellschaft muss die Entscheidung der werdenden Mutter respektieren. Ein Beispiel aus Argentinien zeigt, was passiert, wenn radikale Überzeugungen gegen die Bedürfnisse einer Schwangeren abgewogen werden. Ein 69-Jähriger hat dort eine Elfjährige bei einer Vergewaltigung geschwängert. Das Kind entschied sich mit seinen Eltern für die dem Mädchen per Gesetz zustehende Abtreibung - nur gab es in der ganzen Provinz keinen Arzt, der die Abtreibung durchführen wollte. Als das Mädchen in der 23. Woche war, wurde das Baby per Notkaiserschnitt auf die Welt geholt. Die elfjährige Mutter überlebte die OP nur knapp - ihr Körper war nicht reif für eine Schwangerschaft. Eine unbeteiligte Ärztin sagte später, mit der Schwangerschaft sei das Mädchen regelrecht gefoltert worden. Gebracht hat das alles nichts. Der Fötus starb. Im US-Bundesstaat Alabama wurde im Mai das schärfste Abtreibungsgesetz der Vereinigten Staaten verabschiedet, nicht einmal nach Vergewaltigungen ist es Frauen dort noch möglich, eine Schwangerschaft zu beenden - 36 Jahre nachdem der Oberste Gerichtshof Abtreibungen erlaubt hatte.

Zugegeben: Das sind extreme Beispiele. Doch sie zeigen, wohin es führt, wenn die Moral über die - auch gesundheitlichen - Interessen der Frauen gestellt wird. Niemand sollte sich anmaßen, über den Kopf einer Schwangeren hinweg für sie zu entscheiden. Die Wahl, eine Schwangerschaft austragen, aber auch beenden zu können, ist ein Merkmal einer freien, frauenfreundlichen Gesellschaft. Daran zu rütteln, ist rückschrittlich.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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