2 - 3 Minuten Lesezeit   537 Worte im Text   vor 31 Tagen

Hinfahren und hinsehen

Foto: William Warby / CC0 (via Unsplash)

Meinung
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Hinfahren und hinsehen

.

Vorweg sei ausnahmsweise ein persönliches Bekenntnis erlaubt. Als Polen-Korrespondent habe ich mich viele Jahre lang vor einem Besuch in der KZ-Gedenkstätte Auschwitz "gedrückt". Das geschah eher unbewusst als bewusst. Erst 2019 schaffte ich es dann nach Auschwitz. Anlass war der erste Besuch von Angela Merkel in der KZ-Gedenkstätte. Auch die Kanzlerin hatte also 14 Jahre im Amt für diese Reise gebraucht! Und es geht den meisten Deutschen so.

Von den 2,3 Millionen Besuchern des ehemaligen Vernichtungslagers kamen 2019 nicht einmal 100 000 aus der Bundesrepublik. Briten, Italiener, Spanier: Sie alle reisen öfter an und sehen hin. Israelis und Polen sowieso. Was steckt dahinter: Verdrängung, Scham, Ignoranz? Schon vor einem halben Jahrhundert haben die Psychologen Margarete und Alexander Mitscherlich mit Blick auf den Holocaust über die deutsche "Unfähigkeit zu trauern" geschrieben. Allerdings ist seither viel an Aufarbeitung passiert. In Büchern und Filmen, in der Kunst und in den Schulen, in politischen Reden und in Entschädigungstaten. In einigen Prozessen konnte spätes Recht gesprochen werden. Im Herzen Berlins erinnert ein Mahnmal an die deutsche Schuld und das unsagbare Leid der Opfer.

Viele Menschen in der Bundesrepublik haben inzwischen durchaus eine Fähigkeit zu trauern entwickelt, und das ist keine Kleinigkeit. Allerdings hat man uns Deutsche vielleicht ein paar Mal zu oft dafür gelobt. 75 Jahre nach Kriegsende neigen wir dazu, uns viel darauf einzubilden, dass wir uns dem Grauen der eigenen Geschichte gestellt haben, und so drohen wir wieder in den Verdrängungsmodus zu verfallen. Verständlich ist das. Als verspäteter Auschwitz-Reisender nehme ich selbst für mich in Anspruch, dass es auch heute noch (oder womöglich mehr denn je) ein hohes Maß an Überwindung kostet, als Deutscher genau hinzusehen. Aber das darf nicht als Ausrede dienen. Die Gefahr nämlich ist groß, dass wir "diese ganze Sache" am Ende doch auf sich beruhen lassen, frei nach der Devise: Wir haben in Deutschland so oft betont, dass es niemals einen Schlussstrich geben darf, dass er sich nun wie von selbst zieht.

Das Bitterste aber ist, dass der zeitliche Abstand den Hasserfüllten Auftrieb gibt und auch jenen professionellen Schlussstrichziehern, die alles zu einem "Vogelschiss in 1000 Jahren deutscher Geschichte" erklären wollen. Namentlich dies: Mindestens 1,1 Millionen Menschen starben zwischen 1940 und 1945 allein im KZ Auschwitz-Birkenau, meist an qualvoller innerer Erstickung, verursacht durch das Schädlingsvernichtungsmittel Zyklon B, während der "schale, widerliche Geruch verbrannter Leichen das Lager zudeckte wie ein Teppich" (Zeitzeugin Olga Lengyel).

Heute debattieren wir in Deutschland oft mit hohem Erregungspotenzial über alltäglichen Rassismus. Die einen hetzen gegen "Messermänner und Kopftuchmädchen" und rufen "Ausländer raus". Die anderen twittern sofort "#Nazis raus" und schwingen die vielzitierte "Auschwitz-Keule". Tatsächlich sollten auch die Gutwilligen ihre Wortwahl lieber einmal öfter überprüfen. Im Gedenken an die NS-Opfer ist nicht immer nur der blanke Hass unerträglich. Auch manche wohlmeinende Formulierung zeugt von einem erschreckenden Unernst.

Meine These lautet: Die gegenwärtige Debatte wäre eine vollkommen andere, wenn jeder und jede Deutsche bereits einmal die KZ-Gedenkstätte in Auschwitz besucht hätte. Deshalb sei mir zum Abschluss ausnahmsweise ein Appell erlaubt: Fahren Sie hin und sehen Sie hin. Denn zur Wahrheit gehört auch, dass der Massenmord in Auschwitz nicht erst im KZ begann, sondern in den Köpfen von Menschen. Von Deutschen.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung

Meinung (Top 10/365)

  • Von der Leyens EU-Ambitionen
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Falls die Strippenzieher in der EU geglaubt hatten, mit ihren jüngsten Personalentscheidungen dem europäischen Gedanken und der Demokratie einen Dienst zu erweisen - sie erreichten das genaue...

  • Zwist der Ministerpräsidenten mit Scholz über Flüchtlingskosten
    Donnerstag, 21. März 2019

    Es ist auf den ersten Blick nicht zu entscheiden, ob vier oder fünf Milliarden Euro die Summe sind, mit der der Bund die Integrationskosten der Länder und Kommunen angemessen mildern sollte, und wie...

  • Der nächste Schritt - Krieg?
    Mittwoch, 08. Mai 2019

    Genug ist genug, sagen die iranischen Machthaber und setzten - ein Jahr nachdem die USA einseitig das völkerrechtlich verbindliche Atomabkommen gekündigt und Sanktionen verschärft haben - Teile des...

  • Korruptionssumpf Regensburg - Übrig blieb davon nichts
    Mittwoch, 03. Juli 2019

    Endlich Gewissheit. Nach 60 Prozesstagen verlässt Joachim Wolbergs das Landgericht Regensburg ohne Strafe. Die Richter wischten in der Urteilsbegründung Anklagepunkt um Anklagepunkt vom Tisch. Übrig blieb...

  • Grüne: Schlechter Tag für die Freiheit des Internets
    Dienstag, 26. März 2019

    Die Grünen im Europäischen Parlament haben mit scharfer Kritik auf die Billigung der Urheberrechtsreform durch das Europaparlament reagiert. Der Spitzenkandidat der deutschen Grünen für die...

  • Die Demokratie muss sich wehrhaft zeigen
    Mittwoch, 26. Juni 2019

    Durch das Geständnis im Fall Lübcke wird zur erschütternden Gewissheit, dass zum ersten Mal in der Nachkriegszeit ein rechtsextremistisch motivierter Mord an einem Staatsvertreter verübt wurde....

  • Ultrakonservative im Iran wittern Chance zur Machtübernahme
    Dienstag, 26. Februar 2019

    Die Rücktrittsankündigung des iranischen Außenministers Mohammed Dschawad Sarif ist für den iranisch-deutschen Schriftsteller und Publizisten Bahman Nirumand Ausdruck eines sich intensivierenden...

  • Future Combat Air System (FCAS) - Das nächste Milliardengrab?
    Montag, 17. Juni 2019

    Die heute von Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) unterzeichneten Verträge für das milliardenschwere Rüstungsvorhaben eines europäischen Kampfjets stoßen bei der Opposition auf...

  • Integration soll gemeinnützig werden
    Donnerstag, 11. April 2019

    Vereine, die Integrationsarbeit leisten, sollen nach dem Willen von Bremens zuständiger Senatorin Anja Stahmann (Grüne) künftig steuerliche Vorteile genießen. In der "Neuen Osnabrücker Zeitung"...

  • Freiheit ist anstrengend
    Donnerstag, 02. Mai 2019

    Kann es 80 Millionen verschiedene Wahrheiten geben? Wohl kaum. Aber 80 Millionen unterschiedliche Wahrnehmungen, die hält mittlerweile jeder für möglich, der in den Sozialen Medien unterwegs ist....