Samstag, 15 Aug 2020
Doch was als Suche nach einer gerechteren Sprechweise begonnen hat, ist leider eine regelrechte Ideologie geworden.
Doch was als Suche nach einer gerechteren Sprechweise begonnen hat, ist leider eine regelrechte Ideologie geworden. Foto: Tim Mossholder
 2-3 Minuten Lesezeit  543 Worte im Text  vor 73 Tagen

Fast 30 Jahre ist es her, da wurden in einem Germanistik-Seminar an meiner Universität "lila Karten" verteilt. Die hoben die Studentinnen in die Höhe, wenn der Dozent mal wieder sein zumeist weibliches Auditorium nur mit der männlichen Anrede begrüßte: "Liebe Studenten". Sprache prägt das Bewusstsein und mit Sprache lässt sich Politik machen. Das war damals in den 90ern schon den Freiburger Studentinnen klar. Genauso wie die Einsicht, dass Menschen nun mal nicht neutral sind, sondern Männer und Frauen. "Der Arzt, der seine Tochter operiert" kann rein grammatikalisch auch die Mutter der Patientin sein, weil eine Berufsbezeichnung nicht auf das biologische Geschlecht verweist. Aber wer stellt sich hier tatsächlich eine Frau im weißen Kittel vor?

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Foto: FlughafenSTR / CC0 (via Wikimedia Commons)

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Das Anliegen von Alice Schwarzer und Co., Frauen sichtbar zu machen und ihnen zu gleichen Rechten zu verhelfen, ist spürbar vorangekommen. Mehr Frauen in Führungspositionen sind dafür ein Gradmesser, mehr Männer, die Elternzeit nehmen, ein anderer. Welchen Anteil daran die Sprache hat, ist schwer zu sagen. Auf jeden Fall bilden die heutigen Sprech- und Hörgewohnheiten das ab, was zwar nicht sprachlich richtiger ist, aber als gerechter empfunden wird. "Liebe Bürgerinnen und Bürger, liebe Wählerinnen und Wähler" - wehe dem Politiker, der der weiblichen Hälfte der Bevölkerung keine Beachtung schenkt. Egal, ob nur als politisch korrekte Floskel oder ernst gemeint.

Doch was als Suche nach einer gerechteren Sprechweise begonnen hat, ist leider eine regelrechte Ideologie geworden: Das Geschlecht (englisch "gender") ist dabei so wichtig geworden, dass es den Verfechtern nicht mehr ausreicht, von Frauen und Männern zu sprechen. Denn damit würde man ja diejenigen ausschließen, die sich keinem Geschlecht eindeutig zugehörig fühlen.

Der Gesetzgeber trägt diesem Umstand, der oft mit großem persönlichen Leid verbunden ist, mit der Kennzeichnung "divers" auf dem Personalausweis Rechnung. Eine gute Lösung. Doch muss deshalb die Sprache nachziehen - oder vielmehr: zum Gendern geprügelt werden? Das Deutsche kennt nun mal nur Bürgerinnen und Bürger, aber keine Transgender-Bürger. Da muss schon nachgeholfen werden mit dem großen Binnen-I, dem Unterstrich oder Gender-Sternchen. Und das passiert in deutschen Amtsstuben bereits sehr gründlich.

Das sogenannte Gendern hat viele Behördentexte oder Briefe aus dem Rathaus unleserlicher gemacht. Zumeist ohne großes Aufsehen wurden diese - Entschuldigung! - Verrenkungen von der Kommunalpolitik als Teil der Gleichstellungsarbeit missverstanden und durchgewunken. Wer legt sich schon wegen ein paar Formularen mit der Gleichstellungsbeauftragten an? Dabei wird bei diesem Gendern nicht zu einem bewussteren Sprachgebrauch angeregt, sondern die deutsche Sprache künstlich und massiv "von oben" verändert. Die "lila Karte" war da harmlos. Der ganze Irrsinn der sprachlichen Umerziehung macht inzwischen auch vor dem gesprochenen Wort nicht halt, wie jüngst bei "Anne Will" zu bestaunen war. Als die Moderatorin wiederholt von "Steuerzahler-Innen" sprach, hätte man ihr am liebsten zugerufen: "Ja gibt es denn auch Steuerzahler-Außen?" Viele Zuschauer und auch Zuschauerinnen haben dieses pseudo-korrekte Gehabe als störend empfunden. Zum Glück. Es ist ja auch kein richtiges Deutsch.

Die deutsche Sprache ist lebendig, weil sie sich im Gebrauch wandelt. Wer ihr "am grünen Tisch" sozusagen mit Unterstrichen und Sternchen zu Leibe rückt, schadet ihr. Das hat schon die misslungene Rechtschreibreform von 1998 gezeigt.

Wir sollten es einfach aushalten lernen, dass sich mit unseren alltagssprachlichen Mitteln nicht jede Minderheit umarmen lässt. Damit unser Deutsch die schöne und kluge Sprache der Dichterinnen und Denker bleibt.

Quelle: ots/Westfalen-Blatt
#mehrGesellschaft
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