Freitag, 25 Sep 2020
Unterzeichnung Hitler-Stalin-Pakt am 23 August 1939
Unterzeichnung Hitler-Stalin-Pakt am 23 August 1939 Foto: nara.gov / Gemeinfrei via (Wikimedia Commons)
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Lässt sich aus der Geschichte lernen? Die Frage ist so uralt wie offen. "Theoretisch ja, praktisch nein", lautet eine Antwort, für die es ungezählte empirische Belege gibt. Da wären zum Beispiel die fundamentalen Lehren, die sich aus der Vorgeschichte des Zweiten Weltkriegs ziehen ließen, der faktisch schon mit dem Hitler-Stalin-Pakt vom August 1939 eröffnet wurde. Direkt danach lief die deutsche Kriegsmaschinerie an. 80 Jahre ist es in diesen Tagen her, dass zwei Diktatoren und Massenmörder den Osten Europas mit ein paar Strichen auf einer Landkarte untereinander aufteilten.

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Foto: Michael Lucan / CC BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Viel Verantwortung, keine Normalität

Im Kreml stieß man mit Sekt darauf an. Wenig später überfiel die deutsche Wehrmacht Polen und eröffnete ihren Vernichtungsfeldzug gegen die eigenen Nachbarn, in denen die Nazis allerdings nichts als slawische Untermenschen sahen, was sie im Übrigen nicht davon abhielt, mit Stalin zu paktieren. Die Sowjetarmee marschierte kurz darauf in ihre "Einflusszone" ein, im Baltikum und in Ostpolen. Das historische Urteil ist eindeutig. Im Spätsommer 1939 nahm nicht nur ein einzigartiges Menschheitsverbrechen seinen Lauf. Das Geschehen kam auch einer brutalen Vergewaltigung jedes Völkerrechts gleich. Und die Moral von der Geschichte?

Niemals wieder, so könnte man die zentrale Lektion formulieren, dürfen stärkere Staaten in reiner Willkür über das Schicksal schwächerer Nationen entscheiden. Macht darf niemals vor Recht gehen, auch nicht zwischen den Völkern. Es ist ein klarer und recht simpler Lehrsatz, der in der praktischen Politik des frühen 21. Jahrhunderts aber kaum eine Rolle spielt. Man erinnere sich nur an den Einmarsch von US-Truppen im Irak im Frühjahr 2003, der mit dreisten Lügen über Massenvernichtungswaffen legitimiert wurde. In Wahrheit ging es auch nur am Rande darum, das diktatorische Regime eines Saddam Hussein zu stürzen. In erster Linie ging es um die Sicherung von Macht und Einfluss in der rohstoffreichen Region.

Oder man denke an Russland, das im Jahr 2014 nach einem offen völkerrechtswidrigen Eroberungskrieg die ukrainische Krim annektierte - ein Landraub wie aus dem Lehrbuch des Imperialismus. Schon lange vorher hatten die Machthaber in Moskau die postsowjetischen Staaten zum "nahen Ausland" erklärt und damit zur russischen Einflusszone. Und dann wäre da noch das finstere Treiben des diktatorisch regierten China, das in Hongkong, Tibet oder Taiwan die Rechte der Schwächeren schlicht leugnet. Hinzu kommen weltweite Infrastrukturprojekte wie die Neue Seidenstraße, mit denen sich das wirtschaftlich so rasant erstarkte Reich der Mitte vor allem eines sichert: Macht und Einfluss.

Da will ein Donald Trump natürlich nicht zurückstehen. Dass der Geschäftsmann im Weißen Haus, der den Dollarregen dem Bombenhagel vorzieht, gern Grönland kaufen würde, ist weit mehr als absurdes Theater. Dem US-Präsidenten ist es durchaus ernst mit seiner Idee, sich die potenziell rohstoffreiche Region anzueignen, die dank des von ihm selbst befeuerten Klimawandels zu einem neuen Eldorado werden könnte. Die Autonomie der Ureinwohner ist Trump offensichtlich völlig egal.

Nicht zuletzt denke man aber auch an all die Orbans, Salvinis und Johnsons in Europa, die darauf bestehen, dass der Nationalstaat das einzig selig machende politische Konstrukt ist. Vor diesem Hintergrund bleibt nur die bittere Erkenntnis, dass der Multilateralismus, also der friedliche Interessenausgleich zwischen Staaten, 80 Jahre nach dem "Teufelspakt" von Moskau dramatisch auf dem Rückzug ist. Was wir aus der Geschichte des 20. Jahrhunderts theoretisch hätten lernen können, ignorieren wir in der Praxis. Wir haben rein gar nichts begriffen.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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