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Radikale AfD-Ausgrenzung hilft nicht weiter

Neugewählte nationalsozialistische Abgeordnete begeben sich in den Reichstag (30. August 1932)Foto: Bundesarchiv, Bild 102-13804 / CC-BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

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Radikale AfD-Ausgrenzung hilft nicht weiter

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Die Vorsitzende des Deutschen Historikerverbandes, Eva Schlotheuber, rät davon ab, Rechtspopulisten etwa der AfD als "Nazi" zu bezeichnen. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte sie, der Begriff suggeriere, "dass die Rechte seit der Zeit des Nationalsozialismus gleich geblieben ist und sich nicht weiterentwickelt hat". Er verdecke eher aktuelle Strategien, Ziele und Netzwerke der neuen Rechten, als dass er sie entlarve, kritisierte die Düsseldorfer Historikerin. "Nicht zuletzt wird die Zeit des Nationalsozialismus verharmlost, wenn ,Nazi' zunehmend als politischer Kampfbegriff herhalten muss", mahnte die Professorin.

Dessen ungeachtet sei es wichtig, beispielsweise rassistische Bemerkungen als solche offen zu benennen und zu kritisieren. Auch habe sich in den vergangenen 70 Jahren "gezeigt, dass eine klare Abgrenzung besser vor einem Rechtsdrift schützt als der Versuch der politischen Einbindung". Insofern könne sie nachvollziehen, wenn unter Verweis auf den Aufstieg der NSDAP in den 1930er-Jahren ein harter Kurs gegen die AfD und eine Ausgrenzung in den Parlamenten gefordert werde. Trotzdem helfe das letztlich nicht weiter. "Man muss akzeptieren, dass die AfD im Bundestag und außerhalb inzwischen eine relevante politische Kraft ist. Die Frage muss lauten: Warum? Was verschafft ihr diesen Zuspruch?" Nötig sei eine "ehrliche und tiefergehende Analyse der aktuellen Situation, die nicht die (Ideal-)Vorstellung von unserer Gesellschaft, sondern die Wirklichkeit in den Blick nimmt", meinte Schlotheuber. Beides stimme derzeit nicht überein. Statt sich um eigene aktuelle Probleme wie das Veröden von Kleinstädten oder den Umgang mit alten Menschen zu kümmern, würden "Putin oder Trump zur Negativfolie" aufgebaut. "Diesen Widerspruch spüren die Menschen", meinte Schlotheuber.

Auch grundsätzlich hält die Verbandsvorsitzende direkte historische Vergleiche für schwierig und warnte vor Leichtfertigkeit. "Die Zeitumstände sind immer einmalig und wiederholen sich nicht", gab sie zu bedenken. Daher würden notwendigerweise Äpfel mit Birnen verglichen. Der Blick in die Geschichte könne gleichwohl nützlich sein, "wenn er Ebenen aufdeckt, die wir bisher nicht wahrgenommen haben. Mit der neuen Perspektive merken wir dann: Oh, da ist ja etwas dran, so habe ich es noch nicht gesehen." Positionen der Gegenwart ließen sich auf diese Weise demaskieren.



Quelle: ots/Neue Osnabrücker Zeitung
340 Wörter im Bericht.

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