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Die Unzufriedenen

Russen, die sich nach Freiheit sehnen, gehen nach Berlin

Schriftsteller und Kolumnist Wladimir Kaminer (54) sieht einen Exodus junger, oppositioneller Menschen aus Russland. "Wem das Regime nicht gefällt, Koffer packen und auf Wiedersehen", laute das Motto der Staatsorgane, sagte Kaminer ("Russendisko") im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Meinung.
"Die Politiker kommen und gehen, die Länder bleiben und sind auf gute Nachbarschaft angewiesen. Eine alte russische Weisheit sagt: Man muss die Fliegen und die Bouletten auseinanderhalten."
"Die Politiker kommen und gehen, die Länder bleiben und sind auf gute Nachbarschaft angewiesen. Eine alte russische Weisheit sagt: Man muss die Fliegen und die Bouletten auseinanderhalten."
Foto: Katsiaryna Endruszkiewicz

Schriftsteller und Kolumnist Wladimir Kaminer (54) sieht einen Exodus junger, oppositioneller Menschen aus Russland. "Wem das Regime nicht gefällt, Koffer packen und auf Wiedersehen", laute das Motto der Staatsorgane, sagte Kaminer ("Russendisko") im Gespräch mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung".

Immerhin halte der Kreml die Grenzen offen, "die Unzufriedenen können jederzeit ausreisen". Im vergangenen Jahr hätten rund 100.000 vor allem junge Menschen Russland verlassen, nachdem die Reste der liberalen Opposition um Alexej Nawalny gnadenlos zerschlagen worden seien, sagte der Schriftsteller, der selbst im Sommer 1990 die damalige Sowjetunion verließ, nach Berlin kam und in der damals noch existenten DDR humanitäres Asyl erhielt.

Viele Emigranten gingen heute in die Ukraine, so Kaminer. "Kiew ist gleich um die Ecke, und man hat dort das Gefühl, gar nicht ausgewandert zu sein. Menschen mit Geld, die sich um ihr Kapital sorgen, gehen nach London, die britischen Gesetze sind den wohlhabenden Einwanderern gegenüber sehr freundlich. Menschen, die sich nach Freiheit sehnen, gehen nach Berlin." Berlin sei in den Augen vieler Russen die Heimat der europäischen Diversität, LGBTQ, Love Parade, russenaffine Bevölkerung und ein starker Sozialstaat. "Dabei ist Berlin keine typische deutsche Metropole", betonte Kaminer. "Die Stadt ist im ständigen Wandel. Berlin will sich jedes Jahr neu erfinden und zeigt kaum Spuren von deutscher Ordnungsliebe, Spießigkeit und Fremdenfeindlichkeit."

Die Neuankömmlinge würden das politische Leben Berlins bereichern, sagte der Schriftsteller der NOZ weiter. "Hier können sie jederzeit gegen Putin protestieren - ohne Angst zu haben, gleich verhaftet zu werden. Sie eröffnen russische Geschäfte, Bars und Restaurants." Mehrheitlich stünden die Russen in Berlin auf der ukrainischen Seite in diesem Konflikt, so der Schriftsteller. "Die Politiker kommen und gehen, die Länder bleiben und sind auf gute Nachbarschaft angewiesen. Eine alte russische Weisheit sagt: Man muss die Fliegen und die Bouletten auseinanderhalten."

Trotz anhaltender Kriegspropaganda in Ost und West hätten die meisten Russen ohnehin "keine Lust auf Krieg", sagte Kaminer über seine Landsleute. "Nachdem sie in der Heimat monatelang mit Fake News bombardiert wurden, der Westen wolle Russland angreifen und die Ukraine als 'Platzdarm' dafür benutzen, haben die Russen im Januar ihre Bankkonten geleert, Rekordsummen abgehoben und irgendwo zu Hause sicher verstaut." Auf die aktuelle Umfrage "Was schätzen sie mehr: Lebensmittelversorgung oder die Wiederherstellung der verloren gegangenen Größe des Landes?" hätten sich 76 Prozent der befragten Russen für Lebensmittel ausgesprochen.

Quelle: Neue Osnabrücker Zeitung

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