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Die Ganztagsschule ist das Wundermittel der deutschen Politik. Gut, sie kann keine Kriege verhindern und den Klimawandel nicht stoppen - das nicht. Aber die meisten anderen großen Probleme löst sie scheinbar mit links. Gehen erst mal alle Kinder in die Ganztagsschule, wird alles gut, glauben viele. Genauer: So wollen es viele glauben. Eltern können endlich ganz entspannt Job und Familie unter einen Hut bringen. Alleinerziehende können Geld verdienen, sind nicht auf staatliche Hilfen angewiesen und müssen keine Angst vor Altersarmut haben. Kinder aus bildungsfernen Familien werden endlich solide gefördert, Kinder aus Zuwandererfamilien werden im Handumdrehen integriert. Und endlich ist genug Zeit, um Kinder zu souveränen Mediennutzern in der digitalen Welt zu erziehen. Klingt super? Klar. Hat aber oft wenig mit dem Alltag zu tun.

Es geht schlicht und einfach um die Glaubwürdigkeit der handelnden Personen.
Foto: Landtag Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf

SPD stellt erneut Anfrage zu Heinsberg-Studie

Dort, wo Ganztagsschulen längst die Regel sind, wissen Eltern und Lehrer, dass das Wundermittel im Alltag zwar etwas mehr zeitlichen Spielraum für berufstätige Eltern schafft - darüber hinaus aber oft zu wenig bewirkt. Weil nicht allein die Länge des Schultages entscheidend ist für bessere Bildung und echte Entlastung der Eltern. Entscheidend sind andere Faktoren. Kleine Gruppen, motivierte Fachkräfte, wenig Unterrichtsausfall, gutes Schulessen.

Dort, wo Ganztagsschulen noch eher selten sind, gibt es zwei Gefühlslagen: Vor allem im Westen der Republik, wo Ganztagsplätze noch rar sind, schauen viele Eltern neidisch nach Berlin, Hamburg oder in die ostdeutschen Bundesländer mit ihrer flächendeckenden Ganztagskultur. Doch viele sind auch skeptisch: Ein Großteil der Eltern mit Schulkindern lehnt die verpflichtende Ganztagsschule als Modell für alle Schulen ab. Nicht einmal ein Viertel möchte, dass alle Schulen in Deutschland Ganztagsschulen werden. Eins der wichtigsten Argumente: Zwei Drittel der Eltern sagen, dass ihre Kinder den Nachmittag lieber zu Hause als in der Schule verbringen, 45 Prozent befürchten einen Verlust gemeinsamer Zeit in der Familie. Die Folge: Viele Mütter verschieben mal zähneknirschend, mal aber auch aus Überzeugung die Rückkehr in den Job.

Grundsätzlich gilt: Die Ganztagsschule kann sehr viel erreichen - aber nur dann, wenn sie mehr ist als vormittags Schule und nachmittags betreutes Herumlungern. Doch das alles kostet viel Geld. Zumal dann, wenn ab 2025 sämtliche Eltern mit Kindern im Grundschulalter einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz bekommen sollen. Es geht um Milliarden, die vor allem die Länder zahlen müssen.

Eine neue Studie hat nun ausgerechnet, dass der Staat einen großen Teil der Kosten für den Ganztagsausbau wieder reinholt - durch die wachsende Erwerbsbeteiligung der Mütter. Doch diese Rechnung hat einen Haken: Sie geht nur auf, wenn es überhaupt genug Personal für die Nachmittagsbetreuung gibt.

Erzieher? Lehrer? War da was? Richtig. Die fehlen jetzt schon. Beim Lehrermangel hoffen nun viele auf die Langzeitfolgen der aktuellen Personalkrise: Die Länder bilden endlich wieder mehr aus, in wenigen Jahren stehen deswegen wieder deutlich mehr junge Lehrkräfte zur Verfügung. Bei den Erziehern und Sozialpädagogen dagegen ist vollkommen unklar, wie der wachsende Bedarf künftig gedeckt werden soll - nicht nur in den Ganztagsschulen, sondern auch in den Kitas. Die Sorge ist deswegen groß, dass im Tauziehen um die Fachkräfte der Mangel bloß immer wieder neu verteilt, aber nie behoben wird.

Sicher ist dabei eins: Wenn Bund und Länder keine Antwort auf die Frage finden, wer den neuen Dienst am Nachmittag übernimmt, wird das Wundermittel Ganztag so wirksam wie weiße Salbe.



Quelle: ots/Berliner Morgenpost
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