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Besserwisser nerven nicht, weil sie falsch liegen. Sondern weil sie etwas tatsächlich besser wissen, aber nicht, wann es mal gut ist, das zu betonen. Europas Politiker, Ökonomen und Intellektuelle haben definitiv oft genug erklärt, warum Trump nicht US-Präsident sein sollte. Warum seine Art keine ist, sein Protektionismus allen schadet und er die Gleichberechtigung um Jahrzehnte zurückwirft. Ja, das alles musste einmal, vielleicht auch zweimal gesagt werden. Aber nun, da Trump auf all die klugen Köpfe einfach nicht hören will und sein "America first"-Mantra in die Tat umsetzt, wird es Zeit für Europa, eine Gegenstrategie zu entwickeln.

Gregor Gysi
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Ich hätte 1989 Nein sagen sollen, Politiker zu werden

Darauf zu hoffen, das Amt werde den Politnovizen schon einfangen, ist weder eine Strategie noch zu erwarten. Dass sich Trump etwas von der Kritik aus Übersee annimmt - eine naive Vorstellung. Natürlich konnte und mochte sich in Europa niemand ausmalen, dass ein im eigenen Land als Politclown verhöhnter Haudrauf das mächtigste Land der Welt führen könnte. Oder dass einmal China den von Amerika bedrohten Freihandel verteidigen würde. Im Ergebnis sagt das aber vor allem etwas über die mangelnde Vorstellungskraft der Europäer aus, die schon den Austritt der Briten aus ihrem angestaubten Klub nicht für möglich gehalten hatten.

Dass sie Trump ernst nehmen wollen, sagen Politiker in Berlin und Brüssel ja durchaus. Doch sie meinen das als Handreichung, wollen ihn erst einmal kennenlernen und diplomatisch weich kochen. Daraus spricht noch immer die Hoffnung, Trump werde seine Drohungen nicht wahr machen. Ihn wirklich ernst zu nehmen hieße aber, eben damit nicht zu rechnen. Wenn der neue US-Präsident auf jede diplomatische Konvention pfeift, darf Europa ihn auch nicht wie jeden anderen behandeln. Den richtigen Ton trifft als einer der wenigen der scheidende SPD-Chef Sigmar Gabriel. Die Amerikaner sollten eben bessere Autos bauen, wenn sie nicht so viele BMWs auf ihren Straßen sehen wollen, entgegnete er Trumps Drohung mit Strafzöllen. Ob Gabriel derlei als Außenminister noch sagen kann? Na, hoffentlich.

Einem Trump begegnet man besser mit breiter Brust. Europas Politiker sollten sich kein Beispiel an den Unternehmensbossen nehmen, die für Audienzen anstehen, um Trump milde zu stimmen. Politisch klüger wäre es, jetzt den Handel mit anderen Regionen auszubauen, um Einbußen in den USA mit neuen Absatzmärkten vorzubeugen. Freihandelsabkommen fehlen Europa etwa in der Wachstumsregion Südostasien, in Südamerika gilt es einige zu erneuern, auch mit Mexiko. Europa sollte jetzt in jene Regionen gehen, mit denen Trump bricht. Schottet er Amerika ab, wird Europa ihn davon nicht abhalten. Wenn der alte Kontinent aber so überzeugt ist, dass Trump alles falsch macht, sollte er das genaue Gegenteil tun und sich selbst weiter öffnen.

Weil "America first" kurzfristig durchaus Erfolge wie Industrie-Jobs zeitigen kann und Nachteile erst mittelfristig sichtbar werden, muss Europa bereit sein, das eine gewisse Zeit auszuhalten. Nationalisten in Frankreich, Polen, Holland und hierzulande werden jeden Trump-Erfolg für ihre Propaganda nutzen. Gleichzeitig muss die EU Austrittsverhandlungen mit den Briten führen, die sich ihrerseits Trump zuwenden. Wann, wenn nicht jetzt soll die EU ihre Reihen schließen und endlich als Einheit auftreten. Als solche wäre sie wehrhaft, könnte etwa die Steueroasen für US-Konzerne in Europa trockenlegen. Dafür müssten Partner wie Irland oder Luxemburg freilich ihren nationalen Egoismen abschwören. Die gibt es keineswegs nur in Trumps Amerika.



Quelle: ots/Westdeutsche Allgemeine Zeitung


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