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Wegen ihrer Berichterstattung über ein mögliches Sexualdelikt gegen ein deutsch-russisches Mädchen aus Berlin Marzahn sehen sich Redakteure der Berliner Zeitung seit Tagen rüden Gewaltandrohungen aus dem Internet und den sozialen Netzwerken ausgesetzt.

Der einstmals unbeliebte Franke hat heute deutschlandweit höhere Akzeptanzwerte als sein rheinischer Kollege.
Foto: European People's Party / CC BY 2.0 (via Wikimedia Commons)

Söder regiert, Laschet reagiert

Seit einigen Tagen werden Kollegen der Berliner Zeitung in den sozialen Netzwerken massiv beschimpft und bedroht. Es gibt Posts, die den Kollegen schwere Gewalt androhen. Anlass ist die Berichterstattung über das Verschwinden eines 13-jährigen Mädchens. Das Mädchen ist inzwischen wieder aufgetaucht. Was genau passiert ist, ist bis heute unklar.

Die Berliner Zeitung hat von Anfang an ausführlich berichtet. Die Unterstellungen gegen die Zeitung und ihre Redakteure im Übrigen auch gegen die Polizei: Lügen und Vertuschen. Es gibt Posts, die beleidigende Adjektive beinhalten, es gibt aber auch Posts, die den Kollegen rohe Gewalt androhen. Wir sind darüber entsetzt und schockiert. Nicht, weil es uns trifft. Sondern weil wir wissen, dass wir keine Ausnahme sind.

Viele Politiker, bekannte Wirtschaftsleute, Schauspieler, die sich sozial oder politisch engagieren, sehen sich inzwischen einer Öffentlichkeit in den sozialen Netzwerken gegenüber, die die Grenze streitbarer Auseinandersetzung weit überschritten hat. Verbale Gewalt ist Gewalt und damit strafbar, und deshalb nehmen wir sie ernst. Wann immer strafrechtlich Relevantes auftaucht, erstatten wir Anzeige.

Nicht erst seit heute. Was ist da los? Warum vervielfältigen soziale Netzwerke immer öfter übelsten Dreck? Gab es die Pöbler schon seit jeher, hatten sie nur keinen Resonanzboden? Verstärken sie sich gegenseitig und schrauben sich hoch in immer noch brutaleren, ekelhaften Formulierungen? Gibt es Agitatoren, die gezielt versuchen, Stimmungen zu verstärken und auszunutzen, um auszutesten, wie viel Widerhall die Brutalisierung der Sprache und der Drohungen im Netz bekommt? Vermutlich stimmt alles oder von allem etwas.

Stammtische hat es schon immer gegeben, an denen sich Menschen am Abend die Köpfe heißgeredet und bei entsprechendem Alkoholkonsum wüste Beschimpfungen ausgestoßen haben. Man war unter sich, also zu viert oder fünft. Das Netz, der große virtuelle Stammtisch, hat die Kneipe womöglich nicht ersetzt, eher ergänzt. Im Netz, im Schutz der Anonymität, fallen alle Grenzen. Die Anonymität im Netz enthemmt. Offenbar rechnet keiner, der dort schreibt, mit Konsequenzen. Im Netz greift der Rechtsstaat nicht. Es gibt zwar Kläger und Richter, allein sie bleiben hilflos, weil sich die Beschuldigten unter Tarnkappen verbergen dürfen. Viele Adressen bei Facebook sind nicht nachvollziehbar. Jeder kann sich dort unter Fantasienamen anmelden. Und natürlich gibt es viele strategisch arbeitende Provokateure, die gezielt versuchen, Stimmungen aufzuheizen, Misstrauen gegen die Polizei zu schüren, Politiker und die Politik zu diskreditieren und Journalisten unglaubwürdig zu machen.

Nun sagen viele: Was kümmert uns das Netz? Ignorieren wir diesen Dreck einfach! Nutzen wir die schönen Seiten, die grenzenlosen Möglichkeiten der Kommunikation, die Chance, weltweit Kontakte zu knüpfen, Informationen auszutauschen, uns zu organisieren. Aber ganz so einfach ist es leider nicht, wenn aus den sozialen unsoziale Netzwerke werden, in denen Menschen sich als Freiwild fühlen müssen. Das Netz hat einen rohen Teil unserer Gesellschaft zum Vorschein gebracht. Aber es beschleunigt auch die Verrohung. Es ermutigt die Radikalen und die Dummen, es macht Verschwörungstheorien zu Wahrheiten und Wahrheiten zu Lügen. Die brutale Sprache, die Respektlosigkeit, die Willkür, die Bösartigkeit, all das ist ein Angriff auf unsere Zivilisation. Und deshalb kann man sich aus dem Netz nicht das Schöne aussuchen und das Unschöne einfach wegklicken. Deshalb müssen wir uns wehren gegen das Böse im Netz.

Bei der Berliner Zeitung - wie bei allen klassischen Medien - arbeiten ausgebildete Journalisten. Sie sind der Wahrheit verpflichtet. Zu ihrem Beruf gehören Eigenschaften wie Genauigkeit und Sorgfalt. Sie müssen kritisch nach allen Seiten sein, dürfen nichts schreiben, was sie nicht belegen können. Sie müssen kennzeichnen, was bewiesen, was Vermutung und was Gerücht ist. Wir sind streitbar, wir pflegen auch die klare Sprache. Aber wir verletzen niemals mit Absicht die Integrität einer Person. Und ja, wir machen auch Fehler, aber wir gestehen sie ein, machen sie kenntlich und korrigieren sie. Das ist unser Programm gegen Desorientierung, gegen Brutalisierung und Verrohung. Dafür nehmen wir uns das Recht und die Zeit zum Nachdenken, zum Abwägen, zum Überprüfen. Und wir hoffen sehr, dass Sie, unsere Leser, das zu schätzen wissen.

Brigitte Fehrle - Chefredakteurin der Berliner Zeitung



Quelle: Berliner Zeitung


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