Mittwoch, 30 Sep 2020
Der Sport als Kulturgut wird die Corona-Krise überleben, ja locker wegstecken.
Der Sport als Kulturgut wird die Corona-Krise überleben, ja locker wegstecken. Foto: Marvin Ronsdorf
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Krise? Welche Krise? Der Sport hält nicht nur gesund, er ist putzmunter. Die Welt der Leibesübungen ist - ähnlich wie die Kunst - resistent gegen all die Symptome, unter denen wir aktuell so massiv leiden. Blickt man auf die Straßen, Plätze, Parks, sieht man Menschen, die joggen, radeln, sich dehnen und strecken, an ihrer Gesundheit arbeiten. Sie sollten das derzeit besser in geschlossenen Räumen und ganz für sich allein tun, aber das ist ein anderes Thema.

Kevin Kühnert
Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung / CC BY 2.0 (via Flickr)

Keine Revolution, aber Reformen

Der Sport als Kulturgut wird die Corona-Krise überleben, ja locker wegstecken. Eines hoffentlich nahen Tages werden wir uns wieder in Fitnessstudios und Gymnastikgruppen treffen, im Sportverein Geselligkeit leben und erleben, in den Skigebieten am Lift anstehen oder am Rande von Fußballplätzen Gemeinschaft pflegen. Am liebsten würde man hinzufügen: ...als wäre nichts geschehen. Davon kann leider keine Rede sein. Gewiss, auch der Amateursport leidet derzeit - wie sämtliche Bereiche der Gesellschaft - unter der Corona-Krise, er ächzt unter den ökonomischen Belastungen im Zuge der Pandemie. Aber er darf auf seine enormen strukturellen Selbstheilungskräfte vertrauen. Am Behauptungswillen der Sportfamilie hat es noch nie gemangelt. Sie praktiziert von jeher Solidarität, ohne sie krampfhaft beschwören zu müssen.

Völlig anders und dramatisch stellt sich indes die Lage auf den oberen Etagen des organisierten Sports dar. Er gibt ein jämmerliches Bild ab. Als wären Konfusion und Gier im Leitbild und Regelwerk als oberste Prinzipien verankert. Die Krise reißt den Verbänden und Vereinen die Maske vom Gesicht. Profisport verfolgt Profitinteressen, mit all den Begleiterscheinungen einer globalisierten Ökonomie. Dagegen ist wenig bis nichts einzuwenden. Allerdings entlarvt er sich in diesen bewegten Zeiten selbst. Das Gerede von Mitmenschlichkeit, Fair Play und Völkerverständigung entpuppt sich als hohle Phrase, je mehr die Gewinnmaximierung bedroht ist.

Das Internationale Olympische Komitee (IOC) hat die Stirn, die Entscheidung über die Austragung ihres Premiumprodukts hinauszuzögern, bis die Krise eine Absage oder zumindest Verschiebung der Spiele in Tokio diktieren wird. Die Herren der fünf Ringe spielen mit dem Schicksal und den Hoffnungen von Sportlerinnen und Sportlern, die vier Jahre lang auf diesen womöglich einmaligen Höhepunkt ihrer Karriere hingearbeitet haben. Die Qualifikationskriterien sind in vielen Disziplinen ad absurdum geführt. Faire Wettkämpfe sind angesichts der eingeschränkten Trainingsmöglichkeiten eine Illusion. Ganz abgesehen davon, ob der gesundheitliche Aspekt eine sportliche Völkerwanderung von Athleten und Zuschauern gen Fernost ratsam erscheinen lässt. Die Fragezeichen sind riesengroß. Das IOC verharrt in einer Art Schockstarre, während der Ausrichter Tokio trotzig Durchhalteparolen verbreitet.

Im nationalen Profifußball ist derweil zumindest die Spitze des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) allzu spät zur Besinnung gekommen, wie die ad hoc einberufene Pressekonferenz von Verbandschef Fritz Keller und Direktor Oliver Bierhoff am Mittwoch verdeutlichte. Mehr als eine Geste ist es nicht, aber mehr ist aktuell auch nicht zu erwarten. Das unwürdige Gezerre um mögliche Geisterspiele hat uns Fans und Konsumenten drastisch vor Augen geführt, dass wir nur mehr schmückendes Beiwerk oder eine Art folkloristische Komponente sind. Der Profifußball schwebt in eigenen Sphären, wähnt sich in seiner Hybris gesellschaftlichen Realitäten enthoben.

Diese Wahrnehmung wird über die Krise hinaus nachwirken, auch wenn die milliardenschwere Unterhaltungsbranche längst wieder ihrem normalen Geschäftsbetrieb nachgehen wird. In der Corona-Krise legt der Sport notgedrungen eine Atempause ein. Er sollte sie nutzen, um sich wieder auf seine eigentlichen Werte zu besinnen. Gut: Es ist die Zeit der frommen Wünsche.

Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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