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Corona-Ziele

Aufgeschoben

Wenn kein kleines Wunder geschieht, pandemisch und politisch, steuert Deutschland allen bisherigen Beteuerungen zum Trotz erneut auf einen harten Corona-Winter mit strengen Beschränkungen zu. Das liegt zum einen an der ohnehin zu erwartenden Herbst- und Winterwelle. Das Coronavirus trifft auf eine sehr mobile und trotz Impfungen sehr "empfängliche" Bevölkerung, die noch keinen breiten Immunschutz hat. Der zweite Grund ist aber ein politischer: Noch immer haben Bundesregierung und Länderchefs kein grundsätzliches, langfristiges Corona-Ziel entwickelt.

Geschrieben von Christian Matz am . Veröffentlicht in Themen.
Weiter darauf zu setzen, dass dieses Auf-Sicht-Fahren irgendwie gut geht, ist jedenfalls keine gute Strategie.
Foto: Matteo Jorjoson

Wenn kein kleines Wunder geschieht, pandemisch und politisch, steuert Deutschland allen bisherigen Beteuerungen zum Trotz erneut auf einen harten Corona-Winter mit strengen Beschränkungen zu. Das liegt zum einen an der ohnehin zu erwartenden Herbst- und Winterwelle. Das Coronavirus trifft auf eine sehr mobile und trotz Impfungen sehr "empfängliche" Bevölkerung, die noch keinen breiten Immunschutz hat. Der zweite Grund ist aber ein politischer: Noch immer haben Bundesregierung und Länderchefs kein grundsätzliches, langfristiges Corona-Ziel entwickelt.

Sollen die Inzidenzzahlen dauerhaft möglichst niedrig gehalten werden, worauf vor allem das Kanzleramt pocht? Dann wird es in der kalten Jahreszeit nicht ohne harte, längere, kollektive Beschränkungen gehen. Vor dieser klaren Ansage drückt sich die Politik. Oder ist man dazu bereit, höhere Infektionszahlen in Kauf zu nehmen, da die schweren Krankheitsverläufe wegen der Impfungen auf viel niedrigerem Niveau steigen?

Auch diese klare Ansage fehlt. Schon jetzt haben in Deutschland praktisch alle Älteren - die generell ein sehr viel höheres Covid-19-Risiko als Jüngere tragen - ein Impfangebot bekommen. Irgendwann in naher Zukunft wird man sagen müssen: Wer jetzt noch nicht hat, der will offenbar nicht. Sondern der geht bewusst das Risiko ein, sich zu infizieren. Eigentlich müsste dann der Fokus, trotz der möglichen (aber unklaren) Long-Covid-Folgen, weg gehen von Kollektivmaßnahmen. Und viel stärker hin zu mehr Eigenverantwortung.

Der Plan der Politik hingegen ist offensichtlich ein anderer. Zwar hat die Bund-Länder-Runde am Dienstag eine Reihe von Beschlüssen getroffen; auch ohne offizielle Impfpflicht soll Ungeimpften das normale Leben so schwer und teuer wie möglich gemacht werden, was die Impfquote tatsächlich erhöhen dürfte. Die erwähnte Grundsatzentscheidung aber - soll der Fokus künftig auf der Inzidenz oder der Krankheitslast liegen? - ist damit noch immer aufgeschoben. Völlig unverständlich.

Wie widersprüchlich die Runde agiert, wird allein schon daran deutlich, dass die Teilnehmer seit Wochen betonen, dass die Aussagekraft der Inzidenz sinkt - und nun wird die Pflicht zum Testen genau daran gekoppelt, an den Wert 35. Warum nicht 10, warum nicht 50, 100 oder 200? Das ist nicht nachvollziehbar und auch nicht zu erklären. Auch nicht zu verstehen ist, dass der Zugang etwa in der Innengastronomie ab der Inzidenz 35 noch stärker beschränkt wird als jetzt - aber in Fußballstadien wieder bis zu 25000 Menschen dürfen.

Andere europäische Länder, die seit Wochen eine teils zigfache höhere Inzidenz als Deutschland haben, sind bei der Grundsatzfrage schon weiter. Großbritannien hat fast alle Corona-Maßnahmen bereits beendet, auch Dänemark (Inzidenz derzeit: 109) hat dies für den 1. Oktober angekündigt. Die Niederlande, Spanien und Frankreich etwa haben ebenfalls seit längerem dreistellige Infektionszahlen; die französische Regierung hat deshalb massiv den Druck erhöht auf diejenigen, die sich nicht impfen lassen wollen. Deutschland hingegen hat sehr lange über die Impfungen bei Kindern diskutiert und dabei das größere Problem, nämlich die Zahl der impfunwilligen Erwachsenen, völlig unterschätzt.

Jetzt hofft man darauf, dass die Anreize fürs Impfen und die Auflagen fürs Testen wirken. Diese Strategie trägt vermutlich tatsächlich bis zu nächsten Bund-Länder-Runde. Aber ob man damit auch durch den restlichen Winter kommt? Weiter darauf zu setzen, dass dieses Auf-Sicht-Fahren irgendwie gut geht, ist jedenfalls keine gute Strategie.

Quelle: ots/Allgemeine Zeitung Mainz

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