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Die Flüchtlingskrise als Zeitenwende - Warum es um viel mehr geht als um Obergrenzen

Rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Europa ist zerstritten. In Frankreich, Ungarn oder Polen feiern Rechtspopulisten Wahlerfolge. Und in Deutschland? Die Stimmung kippt auch hierzulande. Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, käme die AfD laut Umfragen auf 13 Prozent. Die Schwesterparteien CDU und CSU sind zerstritten, und die Kanzlerin verliert in der Flüchtlingsfrage mehr und mehr an Vertrauen.

Geschrieben von Redaktion am . Veröffentlicht in Themen.
Foto: Christian Michelides / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Rund 60 Millionen Menschen sind weltweit auf der Flucht. Europa ist zerstritten. In Frankreich, Ungarn oder Polen feiern Rechtspopulisten Wahlerfolge. Und in Deutschland? Die Stimmung kippt auch hierzulande. Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, käme die AfD laut Umfragen auf 13 Prozent. Die Schwesterparteien CDU und CSU sind zerstritten, und die Kanzlerin verliert in der Flüchtlingsfrage mehr und mehr an Vertrauen.

Lautet die Lösung also doch Obergrenzen statt Willkommenskultur?

Nein, sagt der Gießener Politikwissenschaftler Claus Leggewie. Die Probleme lägen tiefer. An der Flüchtlingskrise würden die globalen und nationalen Verwerfungen jetzt nur sichtbar. Die Fehler der Vergangenheit holten uns nun ein: Der mangelnde Wille zu einem geeinten Europa, der Raubbau an den weltweiten Ressourcen, Krieg und Terror als Folge einer auf wirtschaftlichen Profit angelegten Außenpolitik und eine immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich. Die Angst vor den Fremden und der Ruck nach rechts seien Ausdruck einer tief verunsicherten Gesellschaft, die den eigenen Abstieg fürchtet. Leggewie ist überzeugt: Die globale Lage ist ernst und birgt einen ungeheuren sozialen Sprengstoff. Er hat schon vor einigen Jahren in seinem Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" diesen gesellschaftlichen Wandel beschrieben und sieht sich mehr denn je in seinen Annahmen bestätigt: Die Demokratien könnten dabei unter die Räder kommen.

Auch der Publizist und Historiker Philipp Blom betont, uns stehe eine "Zeitenwende" von historischem Ausmaß bevor. Er hat sich intensiv mit der Epoche vor dem Ersten und Zweiten Weltkrieg beschäftigt und kennt sich aus mit großen Umbrüchen. Künftig, so Blom, gehe es nicht mehr um "rechte" oder "linke" Politik, sondern um die Frage, ob sich freiheitliche oder autoritäre Politikstrukturen durchsetzen. Und in Europa könne man eine Entwicklung hin zu autoritären Politikstrukturen bereits erkennen, wenn man beispielsweise den Blick auf Polen richtet. Und er warnt: Die Errungenschaften der Aufklärung sind erst ein paar Generationen alt und könnten schneller verschwinden, als wir glauben.

Vor welcher Zeitenwende stehen wir da gerade? "ttt" hat Claus Leggewie und Philipp Blom getroffen und mit ihnen über die Flüchtlingskrise und die großen politischen Herausforderungen der Zukunft gesprochen.

"ttt - titel thesen temperamente" (hr) am Sonntag, 31. Januar 2016, um 23:05 Uhr



Quelle: ots/ARD