Papst Franziskus
Papst Franziskus Foto: Jeffrey Bruno / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)
 2-3 Minuten Lesezeit  558 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Papst Franziskus war ein paar Monate im Amt, als er im Herbst 2013 die Katholiken in aller Welt zu den Themen Ehe und Sexualität befragen ließ. Die Umfrage legte die Kluft zwischen den lehramtlichen Vorstellungen Roms und der Wirklichkeit der Gläubigen offen.

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Diesen Spalt zwischen Anspruch und Realität hat Franziskus nun mit seinem nachsynodalen Schreiben "Amoris Laetitia - Über die Liebe in der Familie" ein Stück weit geschlossen. Das Schreiben ist der vorläufige Schlusspunkt eines drei Jahre dauernden Prozesses, in dem sich die katholische Kirche mit Franziskus mühsam auf die Menschen zuzubewegen versucht. Auf zwei Synoden hatte Franziskus die Bischöfe zum Thema diskutieren lassen, dann forderten die zerstrittenen Hirten ein Machtwort vom Papst. Jetzt liegt es vor.

Franziskus hat darin die Entscheidung getroffen, keine Entscheidungen zu treffen. Der Papst enttäuscht diejenigen, die sich auf die strittigen Fragen wie den Umgang mit Homosexualität oder die Zulassung wiederverheirateter Geschiedener zur Kommunion klare Antworten erhofften. Franziskus erfüllt diesen Wunsch klugerweise nicht. Er öffnet seiner Kirche einen viel größeren Raum: Wenn der Papst feststellt, dass nicht jede Diskussion über die Doktrin einer lehramtlichen Klärung bedarf, bedeutet das eine nur schwer wieder rückgängig zu machende Wende in der Haltung Roms. Galt dem Vatikan bislang die Einheit von Lehre und Seelsorge als höchstes Gut, so hat Franziskus nun der in der Praxis längst existierenden Vielfalt die theologische Legitimation erteilt. Die vom Papst angekündigte "heilsame Dezentralisierung" wird Realität. Fortan haben die Bischofskonferenzen die Zügel in der Hand, auch wenn es um die praktische Auslegung moralischer Normen auf dem Gebiet der Sexualität geht. Die als besonders konservativ bekannten afrikanischen oder polnischen Bischöfe können künftig ganz andere Schlussfolgerungen aus den Geboten ziehen als beispielsweise die deutschen Bischöfe. Als etwa die Diözese Freiburg vor drei Jahren eine umstrittene Handreichung zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen erließ, wurde diese von der Glaubenskongregation kassiert. Das ist so künftig nicht mehr möglich. Das Schreiben "Über die Liebe in der Familie" bedeutet eine neue, ungewohnte Freiheit für die Kirche, mit der sie erst einmal zurecht kommen muss. Bislang mussten Bischöfe, die aus der Reihe scherten, eine Maßregelung aus Rom erwarten. Diese Zeiten sind nun auch auf dem umstrittenen Gebiet der Sexualmoral vorbei.

Dennoch hält auch Franziskus an einigen konservativen Fixpunkten fest, er verurteilt weiterhin Abtreibung, die Gender-Theorie oder die Homo-Ehe. Dem einzelnen Gläubigen räumt der Papst aber wesentlich mehr Spielraum bei seinen Entscheidungen ein. Wie ein roter Faden zieht sich die Aufwertung des menschlichen Gewissens durch das Schreiben. Franziskus betont die Rolle des Gewissens, etwa wenn es um die Entscheidung zur Empfängnisverhütung oder den Zugang zur Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene geht. Auch hier sind künftig die Weichen gestellt: Die Gläubigen sehen sich mit den strengen Regeln konfrontiert, die letzte Entscheidung treffen sie richtigerweise in ihrem Inneren. Für den konservativen Flügel in der katholischen Kirche ist "Amoris Laetitia" ein Albtraum, da die Kirchenführung ausdrücklich ihre Eigenschaft als letzte Kontrollinstanz in Sachen Sex aus der Hand gibt.

Tatsächlich deutet sich ein Dilemma für die Kirche an: Papst Franziskus hebt weiterhin die Einheit von Lehre und Praxis hervor, lässt aber gleichzeitig den verschiedenen Interpretationen der Lehre freien Lauf. Das Zerrbild von Normen und ihrer Befolgung könnte so künftig noch groteskere Formen annehmen. Die ehrliche Konsequenz aus "Amoris Laetitia" wäre deshalb eine Änderung der Lehre, also des Gebots der Unauflöslichkeit der Ehe. Zu diesem Wagnis fehlt aber auch diesem Papst der Mut.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung


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