Foto: Marco Oetjen / CC0 (via Pixabay)
 2-3 Minuten Lesezeit  563 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Ob Störche, Klima oder Küken: Immer öfter gehen Menschen im Dienst einer guten Sache viel zu weit. Die aktuellen Debatten drohen Maß und Ziel zu verlieren.

Ein Beispiel: Die "Fridays for Future"-Initiative - vielleicht beflügelt von der Aussicht, dass Galionsfigur Greta Thunberg nun auch noch mit dem Friedensnobelpreis geadelt wird - will mit flächendeckenden Demos den Regensburger Innenstadtverkehr lahmlegen. Wer das für unangemessen hält, ist in ihren Augen vermutlich ein Eisbärenhasser.

Noch maßloser verhalten sich die selbsternannten Storchenschützer, die nicht vor existenzschädigenden Verleumdungen und persönlichen Drohungen zurückschrecken. Es war natürlich falsch, ein Nest ohne Ausnahmegenehmigung vom Ramspauer Kirchendach zu holen. Doch für die Prüfung dieses Vergehens und eine mögliche Strafe ist immer noch die Justiz zuständig. Der Pranger war ein Instrument des finsteren Mittelalters. Wer ihn im digitalen Zeitalter wieder aus der historischen Folterkammer holt, hat mit Recht und Gesetz selbst nicht viel am Hut. Moralische Empörung scheint in diesen Tagen die geltende Währung in allen gesellschaftlichen und politischen Debatten zu sein. Und für immer mehr Menschen scheint sie zum Freibrief zu werden. Sie ziehen in den Krieg, den Schild eines unanfechtbaren Motivs hocherhobenen Hauptes und stolz vor sich hertragend. Und wenn Überzeugungen nicht reichen, müssen starke Wörter her. Dann wird aus dem Kükentöten ein "Kükenmord", ein "grausamer" natürlich.

Mit Vernunft hat das nicht mehr viel zu tun. Es geht darum, möglichst starke Emotionen zu schüren. Das lässt die Wellen kurz hochschlagen, doch wirklich nachhaltig ist die Erregung nicht. Fakten statt Gefühle sagen, dass es in Deutschland rund 40 Millionen Legehennen gibt. Sie versorgen die Verbraucher mit jährlich 12 Milliarden Eiern. Die gute Nachricht: Der Anteil an Eiern aus ökologischer Haltung steigt langsam, aber stetig. 2017 lag er bei 10,5 Prozent. Weitere 17,7 Prozent der Hennen dürfen bereits fröhlich unter freiem Himmel picken. Offensichtlich ist ein Teil der Verbraucher bereit, die höheren Preise für Freiland-Eier hinzulegen. Einem weitaus größeren Teil der Käufer ist es jedoch reichlich schnuppe, von wo das Ei in ihrem Omelette stammt. Hauptsache, es ist nicht zu teuer. Bio-Produkte, die - hoffentlich - umweltfreundlich und unter Tierwohlaspekten produziert werden, machten 2017 lediglich 5,1 Prozent des Lebensmittelumsatzes in Deutschland aus. Beim Fleisch ist der Bio-Anteil noch geringer: Geflügel 1,4 Prozent, Rotfleisch 1,8 Prozent, Fleisch- und Wurstwaren sogar nur 1,2 Prozent. Die gefühlte Menge an empörten Verbrauchern und die Zahl der tierfreundlichen Kaufentscheidungen klaffen also weit auseinander.

Fast so weit wie die Zahl der glühenden Klimaschützer und die Zahl der gecancelten Urlaubsflüge: Der Reisekonzern TUI meldete erst vergangene Woche, dass die Deutschen - Greta wird es grausen - unverdrossen ferne Urlaubsziele ansteuern. Allerdings: Dafür gibt es keine Plastik-Umrührstäbchen mehr im Flieger.

Das Kükenschreddern wird, so hat es nun das Gericht beschlossen, über kurz oder lang ein Ende haben müssen. Gut so. Wenn jedes Ei zunächst auf das Geschlecht des Kükens untersucht werden muss, wird das aber vermutlich die Preise in die Höhe treiben. Oder wir importieren einfach Billigware aus dem Ausland, wo man es mit den männlichen Flauschküken nicht ganz so gut meint wie die Deutschen. Und wo die Hennen vielleicht noch in Käfigen brüten, statt draußen zu flattern.

Deutschland trägt nur zwei Prozent zum weltweiten CO2-Ausstoß bei. Unser Anteil an der weltweiten Empörung liegt deutlich darüber. Ob hochmoralischer Impetus uns den nötigen Schwung gibt, die hochgesteckten Ziele zu erreichen, ist längst nicht ausgemacht. Das gesellschaftliche Klima belastet er auf alle Fälle.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
#mehrNachrichten
Wenn Klimaschutz lediglich auf dem Papier stattfindet, ist das staatlich subventionierter Klimabetrug.
Foto: Goran Horvat

Bund zahlt halbe Milliarde Euro Förderung für Hybrid-Autos

Die Bundesregierung hat Kauf oder Leasing von sogenannten Plug-in-Hybridfahrzeugen in den vergangenen fünf Jahren mit mehr als einer halben Milliarde Euro subventioniert. Seit 2016 wurden bei...
ThyssenKrupp Quartier in Essen
Foto: Armin von Preetzmann / CC BY 2.0 (via Wikimedia Commons)

Geduldsprobe: Thyssenkrupp

Verkehrte Welt: Thyssenkrupp hat mit Rückenwind von der Konjunktur das zweite Quartal mit einem stolzen operativen Gewinn abgeschlossen und vor diesem Hintergrund die Prognose zum zweiten Mal in...
Deutschland hat sich bei den Militärausgaben auf den siebten Platz in der Welt hochgekämpft - und ist stolz darauf.
Foto: Stephen Leonardi

Ernstfall: Wettrüsten der Großmächte

Von wegen Krise: Der Rüstungswettlauf hat trotz Pandemie Konjunktur, die weltweiten Ausgaben haben bereits wieder eine Höhe wie im ersten Kalten Krieg erreicht. Parallel dazu herrscht zwischen den...
Profitstreben und Pflege vertragen sich nicht gut. Gespart wird am Menschen.
Foto: Mufid Majnun

Ein krankes System: Die Pflege-Branche ist selbst ein Pflegefall

Mangel an Fachpersonal, mitunter niedrige Löhne und harte Arbeitsbedingungen - schon vor Corona waren die Probleme in der Pflege bekannt. Die Pandemie hat diese lange bekannten Probleme verschärft,...
Mittel- und langfristig braucht es einen neuen Anlauf im Friedensprozess.
Foto: Hosny Salah

Hamas muss sofort Weg für Waffenruhe freimachen

Der SPD-Außenpolitiker Nils Schmid blickt mit Sorge auf den Konflikt im Nahen Osten. Schmid sagte der "Heilbronner Stimme": "Die Hamas muss den Beschuss Israels sofort einstellen, und den Weg für...
Einer möglichen Ampelkoalition aus Grünen, SPD und FDP steht Lindner skeptisch gegenüber.
Foto: INSM / CC BY-ND 2.0 (via Flickr)

Lindner setzt auf "Modernisierungskoalition" mit seiner FDP

FDP-Chef Christian Lindner sieht nach der Kür der Kanzlerkandidaten von Grünen und Union gute Chancen für seine Partei, in einer nächsten Bundesregierung mitzuregieren. "Armin Laschet haben wir als...
Die Urteile in den Rechtssachen Apple und Amazon zeigen, dass das Wettbewerbsrecht nur bedingt taugt.
Foto: Steve Morgan / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Urteil über Amazons Steuerdeals: Rechtens, nicht gerecht

Erst Apple, nun Amazon: Erneut erleiden Europas Wettbewerbshüter eine krachende Niederlage vor Gericht. Weil die Konzerne mehr als zweifelhafte Steuerdeals mit Irland und Luxemburg ausgehandelt...
Back To Top