Bild: tschoof / CC BY-SA 2.0 via Flickr
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Wenn deutschtürkische Verbände in Berlin gegen die geplante Armenienresolution des Bundestags protestieren, dann ist das ihr gutes Recht. Ob sie sich mit der - zahlenmäßig eher dürftigen - Veranstaltung aber einen Gefallen getan haben, steht auf einem anderen Blatt.

Der Begriff "Social Distancing" ist ja eindeutig. Aber wird es nur beim räumlich gemeinten Abstand voneinander bleiben? Oder wird die Distanzierung tiefer gehen?
Foto: Samuel Austin

Folgen der Corona-Krise

Der Protest gegen die Einstufung der Massaker an den Armeniern vor 100 Jahren als Völkermord dokumentiert zum einen die doppelte Identität mancher Deutschtürken, denen die Verehrung ihrer vermeintlichen Heimat ein hohes Gut ist, obwohl die meisten unter ihnen dort nicht geboren wurden. Solche Art von Verbundenheit kennen wir aus Einwanderungsgesellschaften wie den USA, wo etwa Iren und Griechen ihre Heimatfeste feiern, als kämen sie direkt aus Dublin oder Piräus. Tatsächlich sind sie leidenschaftliche Amerikaner.

Es ist gegen diese Art Folklore überhaupt nichts einzuwenden, solange die Beteiligten damit die fundamentalen Werte ihrer tatsächlichen Heimat nicht ins Gegenteil verkehren wollen. Genau in diese Gefahr aber begeben sich diese heimattreuen Deutschtürken. Denn ihr Protest vermittelt den fatalen Eindruck, von der Türkei ferngesteuert zu sein. In seinem Ziel unterscheidet er sich nicht von den Vorstellungen Ankaras. Vor allem aber plädieren die Demonstranten in einem Land, das die Schuld an der Schoah trägt und sich zumindest darum bemüht, sich dieser Verantwortung zu stellen, für die Leugnung der Geschichte, wenn sie wehtut.

Das ist die Vorstellung eines bornierten Geschichtsbildes, in dem nicht sein darf, was dem nationalen Narrativ widerspricht. Das steht nicht nur historischen Kenntnissen entgegen, es wendet sich auch gegen ein Gesellschaftsbild, das zur Stiftung einer eigenen Identität nicht auf Feindbilder zurückgreifen muss.

Die deutschtürkischen Verbände arbeiten tagtäglich für die Integration ihrer Migranten. Wenn sie in der Armenierfrage das Gegenteil davon tun, stärkt das nicht ihre Glaubwürdigkeit.



Quelle: ots/taz - die tageszeitung


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