Foto: Erik Tjallinks
 2-3 Minuten Lesezeit  441 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Immer mehr Personen eines Jahrgangs machen Abitur, die Studienzahlen steigen jährlich. Doch längst nicht "jeder" studiert. Vor allem Arbeiterkinder finden vergleichsweise selten den Weg an die Hochschule. Warum das so ist, weiß Steffen Schindler. Der Bamberger Soziologe forscht zu sozialer Ungleichheit beim Bildungserwerb.

Seine Chancen auf den CDU-Vorsitz will Armin Laschet derzeit nicht bewerten.
Foto: Olaf Kosinsky / CC BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Parteitaktisches Kalkulieren: Alle Rechte wieder in Kraft setzen

Trotz der Rekordzahl von derzeit über 2,5 Millionen Studierenden in Deutschland gelingt Arbeiterkindern vergleichsweise selten der Weg an die Hochschule. "Der Zugang zur Hochschule ist sozial selektiv", betont Prof. Dr. Steffen Schindler, Inhaber der Juniorprofessur für Soziologie mit dem Schwerpunkt Bildung und Arbeit im Lebensverlauf. Dies belegen auch Umfrageergebnisse, beispielsweise die jüngste Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerkes: Von 100 Kindern aus Akademikerfamilien studieren über drei Viertel. Von 100 Kindern aus Facharbeiterfamilien hingegen gelangt gerade einmal ein Viertel an die Hochschule.

Hochschulreife für die Berufsausbildung

Ganz anders erscheint auf den ersten Blick der Anteil von Arbeiterkindern mit Hochschulreife. In diesem Bereich haben Schülerinnen und Schüler aus bildungsfernen Familien aufgeholt. Seit den achtziger Jahren ist die Zahl der Arbeiterkinder mit Hochschulreife konstant gestiegen. Doch bis an die Hochschule setzt sich der Trend nicht fort. "Viele Arbeiterkinder entscheiden sich trotz Hochschulreife gegen ein Studium", so Schindler. Drei Fünftel und damit mehr als die Hälfte der Arbeiterkinder mit Hochschulreife studiert anschließend nicht. "Die Hochschulreife hat sich zur faktischen Zugangsvoraussetzung für viele Ausbildungsberufe entwickelt", erklärt Schindler. Viele Berufsausbildungen, für die vor ein paar Jahrzehnten noch Haupt- oder Realschulabschluss ausreichend waren, setzen heute die Hochschulreife voraus. "Somit liegt für viele Arbeiterkinder in Hinblick auf die Berufsausbildung der Schritt zur Hochschulreife nahe, der weitere Schritt zum Studium aber nicht", fasst Schindler seine Ergebnisse zusammen.

Und weshalb streben so viele Arbeiterkinder in die Berufsausbildung? Hier argumentiert die Bildungssoziologie mit dem Statuserhalt, einem Modell, das seit mehreren Jahrzehnten als etabliert gilt. "Es geht Schulabsolventen darum, den Status ihrer Eltern zu reproduzieren", fasst Schindler den Ansatz zusammen. "Wenn der Statuserhalt das Ziel ist, reicht für Arbeiterkinder die Berufsausbildung", folgert Schindler. Umgekehrt erklärt der Ansatz die starke Studienbereitschaft von Akademikerkindern.

Chancengleichheit bei der Hochschulreife? Fehlanzeige!

Trotz der steigenden Zahl von Arbeiterkindern mit Hochschulreife - auf den zweiten Blick zeigt sich: Von wahrer Chancengleichheit kann auch beim Erwerb der Hochschulreife nicht die Rede sein. Seit den 60er Jahren wurden in Deutschland neue Möglichkeiten geschaffen, die Hochschulreife zu erwerben - außerhalb des klassischen Gymnasiums. Erlangen Arbeiterkinder die Hochschulreife, dann meist über diese alternativen Wege, über Fachschulen, Kollegs und berufsbildende Schulen. Zumeist vergeben diese Einrichtungen die Fachhochschulreife. "Die Aussage, die Arbeiterkinder hätten bei der Hochschulreife aufgeholt, trifft somit nur mit Einschränkungen zu", betont Schindler. Die meisten Arbeiterkinder erwerben eine Fachhochschulreife, verfügen damit aber über kein volles Abitur. Der Anteil von Arbeiterkindern an den klassischen Abiturientenzahlen ist hingegen anhaltend gering.



Quelle: Otto-Friedrich-Universität Bamberg


#mehrNachrichten
Profitstreben und Pflege vertragen sich nicht gut. Gespart wird am Menschen.
Foto: Mufid Majnun

Ein krankes System: Die Pflege-Branche ist selbst ein Pflegefall

Mangel an Fachpersonal, mitunter niedrige Löhne und harte Arbeitsbedingungen - schon vor Corona waren die Probleme in der Pflege bekannt. Die Pandemie hat diese lange bekannten Probleme verschärft,...
Laut einem ARD-Bericht wird Amazon-Mitarbeitern verwehrt, sich mit einer FFP2-Maske zu schützen.
Foto: Medien-gbr / CC BY-SA 3.0 (via Wikimedia Commons)

Grenzenlose Profitgier

Der DGB drängt darauf, die Gesundheit von Arbeitnehmern besser zu schützen, und nimmt dabei den Versandhändler Amazon ins Visier. DGB-Vorstandsmitglied Stefan Körzell sagte der "Neuen Osnabrücker...
Mittel- und langfristig braucht es einen neuen Anlauf im Friedensprozess.
Foto: Hosny Salah

Hamas muss sofort Weg für Waffenruhe freimachen

Der SPD-Außenpolitiker Nils Schmid blickt mit Sorge auf den Konflikt im Nahen Osten. Schmid sagte der "Heilbronner Stimme": "Die Hamas muss den Beschuss Israels sofort einstellen, und den Weg für...
Natur- und Umweltschutz und eine echte sozial-ökologische Wende funktionieren nur dann, wenn alle Menschen mitgenommen und niemand zurückgelassen wird.

Klimaschutzgesetz darf soziale Fragen nicht ignorieren

Ulrich Schneider, Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, mahnt die Bundesregierung, bei der Neufassung des Klimaschutzgesetzes die sozialen Aspekte nicht zu vergessen. Schneider...
Wenn Klimaschutz lediglich auf dem Papier stattfindet, ist das staatlich subventionierter Klimabetrug.
Foto: Goran Horvat

Bund zahlt halbe Milliarde Euro Förderung für Hybrid-Autos

Die Bundesregierung hat Kauf oder Leasing von sogenannten Plug-in-Hybridfahrzeugen in den vergangenen fünf Jahren mit mehr als einer halben Milliarde Euro subventioniert. Seit 2016 wurden bei...
Deutschland hat sich bei den Militärausgaben auf den siebten Platz in der Welt hochgekämpft - und ist stolz darauf.
Foto: Stephen Leonardi

Ernstfall: Wettrüsten der Großmächte

Von wegen Krise: Der Rüstungswettlauf hat trotz Pandemie Konjunktur, die weltweiten Ausgaben haben bereits wieder eine Höhe wie im ersten Kalten Krieg erreicht. Parallel dazu herrscht zwischen den...
Die Urteile in den Rechtssachen Apple und Amazon zeigen, dass das Wettbewerbsrecht nur bedingt taugt.
Foto: Steve Morgan / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Urteil über Amazons Steuerdeals: Rechtens, nicht gerecht

Erst Apple, nun Amazon: Erneut erleiden Europas Wettbewerbshüter eine krachende Niederlage vor Gericht. Weil die Konzerne mehr als zweifelhafte Steuerdeals mit Irland und Luxemburg ausgehandelt...
Back To Top