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Unschöne Wahrheiten über E-Roller

Foto: Denniz Futalan

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Unschöne Wahrheiten über E-Roller

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Ist doch schön, wenn Ökologie und Verkehrswende auch noch Spaß machen, oder nicht? Das Vergnügen ist neuerdings anhand der E-Tretroller in Deutschlands Städten zu beobachten, zum Beispiel in Berlin. Umweltfreundlich, weil elektrisch motorisiert sausen Schüler, Berufstätige und Touristen munter durch die Hauptstadt. Fast lautlos gleiten sie dahin, schlängeln sich an Autoschlangen in verstopften Straßen vorbei, kreuzen und kreiseln, mal zu zweit auf einem Gefährt, auch mal gegen die Fahrtrichtung, jederzeit an jeder beliebigen Ecke parkbereit.

Seit 15. Juni sind die sogenannten Elektrokleinstfahrzeuge in Deutschland gesetzlich erlaubt. Nicht nur in Berlin ist die Roller-Gaudi zu erleben. Erste Erhebungen gehen von mindestens 14 deutschen Städten aus, in denen die Tretroller zur Miete angeboten werden, Tausende sind bereits zugelassen. So schön kann die Verkehrswende à la Minister Andreas Scheuer also sein. Oder etwa nicht? Leider nein. Die ersten Praxis-Erfahrungen fördern drei unschöne Wahrheiten über die Roller zutage.

Nummer 1: Es hapert bei der Sicherheit. Schon in den ersten Wochen seit der Erlaubnis häufen sich die Meldungen über Unfälle. Allein die Berliner Polizei hat im ersten Monat 21 Unfälle registriert, an denen die neuen Fahrzeuge beteiligt waren, 18 davon verursacht von E-Roller-Fahrern. Gefährlich sind die Elektro-Geschosse nicht nur, weil schon 14-Jährige mit noch wenig Verkehrserfahrung mit bis zu 20 km/h durchs Getümmel düsen dürfen. Auch gilt keine Helmpflicht, auf Gehwegen abgestellte Roller behindern Passanten, Fahrer wurden betrunken erwischt. Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) weist zurecht darauf hin, dass viele Menschen den Verkehr in großen Städten ohnehin schon als Konfliktzone empfinden. Die Tretroller würden die Situationen nur noch verschärfen. Stimmt.

Nummer 2: Die Verantwortung dafür, die zutage getretenen Probleme zu lösen, wird weitergereicht. Roller-Minister Scheuer, dem die Gefährte überhaupt erst zu verdanken sind, sieht nun die Kommunen in der Pflicht. Konkret fordert er Städte und Kommunen zu härterem Durchgreifen und strengeren Kontrollen auf. Diese allerdings erklären sich für nicht zuständig. In Reaktion auf Scheuers Appell weist der Städtetag darauf hin, dass Verkehrskontrollen und Sanktionen Aufgabe der Polizei seien. Und da er schon einmal dabei ist, fordert der Verband seinerseits gleich noch eine Informationskampagne des Bundes, um besser über die Roller aufzuklären. Die Polizei wiederum hält mehr Kontrollen zwar für sinnvoll, hat aber nicht genügend Personal. Die GdP nutzt die Gunst der Stunde, über ausgedünnte Kräfte bei der Verkehrsüberwachung zu klagen. Kurzum: Die Probleme sind da, aber keiner kann sie lösen.

Nummer 3: Die ökologischen Vorteile sind ein Trugschluss. Wenn Scheuer von einer "echten zusätzlichen Alternative zum Auto" spricht, blendet er aus, dass die E-Roller für längere Strecken ungeeignet sind. Es fehlt an Akkukapazität und Fahrkomfort. Genutzt werden die Roller meist für kurze Wege, die bisher mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt wurden. Zwar stoßen die Roller keine direkten Emmissionen aus. Aber zum einen müssen Strom und Akkus erst produziert werden. Zum anderen zeigen Erfahrungen aus den USA, dass die Gefährte nur eine Lebensdauer von wenigen Wochen bis Monaten haben, wegen geringer Qualität durch Massenproduktion und Vandalismus. Ökologisch? Fehlanzeige. Stimmt. So schön es auch wäre, so leicht ist eine echte Verkehrswende eben nicht zu haben. Zu wünschen wären mutige Signale und größere Ideen für neue Mobilitätskonzepte aus dem Verkehrsministerium. Mit kleinen Schritten wie E-Kleinstfahrzeug-Zulassungen wird man Klima, Umwelt und Luftqualität nicht retten. Da muss man den bekennenden Tretroller-Fan Scheuer leider enttäuschen.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
553 Wörter im Bericht.

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