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Donnerstag, 09 Apr 2020
Stasi Unterlagen Archiv, Berlin Normannenstraße
Stasi Unterlagen Archiv, Berlin Normannenstraße Foto: a2 d2 / CC BY 2.0 (via Flickr)
 2-4 Minuten Lesezeit  604 Worte im Text  vor 191 Tagen
Widerstand in der DDR: Stasi-Unterlagen-Beauftragter plädiert für differenzierten Blick. Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, plädiert dafür, auch 30 Jahre nach dem Mauerfall einen differenzierten Blick auf die Menschen in der früheren DDR zu bewahren. "Pauschalvorwürfe helfen uns nicht weiter", sagte Jahn im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Auch in seiner eigenen Familie habe es Diskussionen darum gegeben, wie viel Widerstand gegen die DDR-Diktatur möglich sei. "Das war immer ein Konflikt - zwischen den Generationen, aber auch ein politischer Konflikt um die Frage: Was bringt es, Widerstand zu leisten?", sagte Jahn. Genau an diesem Punkt habe "die Sippenverfolgung in der DDR angesetzt", erinnerte er. "Die Staatssicherheit hat skrupellos agiert, indem sie die gesamte Familie haftbar gemacht hat für den Einzelnen. Das war Methode", beschrieb der heute 66-Jährige, der seit 2011 der Stasi-Unterlagenbehörde vorsteht. Zu DDR-Zeiten hatte Jahn mit verschiedenen Aktionen gegen das Regime gekämpft, war mehrfach verhört worden, saß monatelang in Haft und wurde 1983 schließlich zwangsweise in den Westen ausgebürgert. "Die gewaltsame Ausbürgerung 1983 war ohne Frage ein traumatisches Erlebnis für mich, das bis heute nachwirkt", sagte Jahn. Man sei "immer unter Druck gewesen", beschrieb der gebürtige Thüringer das Leben in der Diktatur. "Ich habe viele Kompromisse gemacht aus Rücksicht auf meine Eltern. Zu Hause war der Disput natürlich immer präsent. Meine Eltern haben mir Vorwürfe gemacht, als ich an der Uni protestiert hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Mein Vater war klar und deutlich: Warum gefährdest du wegen eines Scheiß-Liedermachers das Glück der ganzen Familie?" Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 und der Besetzung der Stasi-Zentrale an der Normannenstraße in Berlin am 15. Januar 1990 war Jahns Akte die erste, die geöffnet wurde. "Das geht unter die Haut, wenn man sieht, dass sogar der Schulweg der achtjährigen Tochter observiert wird. Das ist etwas, wo man sich fragt, was sie alles vorhatten, und dankbar ist, dass man noch gut davongekommen ist", sagte Jahn. Freiheit sei für ihn auch heute noch keine Selbstverständlichkeit, so der Bundesbeauftragte. "Gerade durch meine Arbeit weiß ich, dass Freiheit eben nicht selbstverständlich ist. Ich habe immer von Freiheit geträumt. Wenn man im Knast sitzt, braucht man Träume, die einem Hoffnung geben für die Zukunft. Die Welt zu bereisen ist einer dieser Träume von mir. Am Ende kann es sein, dass ich gar keine wirkliche Weltreise mache. Aber ich freue mich, dass ich es könnte. So viele konnten das nicht, jahrzehntelang", sagte Jahn im NOZ-Interview. "Wenn Menschen in Isolation gehalten werden, dieses Eingesperrtsein, das vergisst man nicht. Die Freiheit, die ich heute spüre und auch bei anderen sehe, ist für mich jeden Tag ein Grund zur Freude", fügte Jahn hinzu. Insgesamt 111 Kilometer Akten hat der Geheimdienst der DDR in den 40 Jahren seines Bestehens gesammelt. Die Akten wurden nach der friedlichen Revolution der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, insgesamt 3,2 Millionen Anfragen zur Akteneinsicht sind seither bei der Behörde eingegangen, im vergangenen Jahr waren es 43.000 Anfragen. Das Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale, heute "Campus für Demokratie", beherbergt nun unter anderem das Stasi-Museum mit dem Original-Büro des ehemaligen Stasi-Chefs Erich Mielke, aber auch eine Freiluft-Ausstellung zur friedlichen Revolution. Aus dem "Ort der Repression und der Revolution" sei "ein Ort der Aufklärung geworden", erklärt Jahn. "Die Akten, Dokumente des Unrechts, können genutzt werden zur Aufklärung dessen, was geschehen ist. Das ist wichtig gewesen für die vergangenen 30 Jahre und wichtig für die Zukunft", betont er. Roland Jahn wird noch bis zum Sommer 2021 als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im Dienst sein, danach wird die Behörde aufgelöst, das Archiv in das Bundesarchiv überführt. Akteneinsicht wird weiterhin möglich sein. Quelle: ots/Neue Osnabrücker Zeitung

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, plädiert dafür, auch 30 Jahre nach dem Mauerfall einen differenzierten Blick auf die Menschen in der früheren DDR zu bewahren. "Pauschalvorwürfe helfen uns nicht weiter", sagte Jahn im Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" (NOZ). Auch in seiner eigenen Familie habe es Diskussionen darum gegeben, wie viel Widerstand gegen die DDR-Diktatur möglich sei. "Das war immer ein Konflikt - zwischen den Generationen, aber auch ein politischer Konflikt um die Frage: Was bringt es, Widerstand zu leisten?", sagte Jahn. Genau an diesem Punkt habe "die Sippenverfolgung in der DDR angesetzt", erinnerte er. "Die Staatssicherheit hat skrupellos agiert, indem sie die gesamte Familie haftbar gemacht hat für den Einzelnen. Das war Methode", beschrieb der heute 66-Jährige, der seit 2011 der Stasi-Unterlagenbehörde vorsteht.

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Zu DDR-Zeiten hatte Jahn mit verschiedenen Aktionen gegen das Regime gekämpft, war mehrfach verhört worden, saß monatelang in Haft und wurde 1983 schließlich zwangsweise in den Westen ausgebürgert. "Die gewaltsame Ausbürgerung 1983 war ohne Frage ein traumatisches Erlebnis für mich, das bis heute nachwirkt", sagte Jahn. Man sei "immer unter Druck gewesen", beschrieb der gebürtige Thüringer das Leben in der Diktatur. "Ich habe viele Kompromisse gemacht aus Rücksicht auf meine Eltern. Zu Hause war der Disput natürlich immer präsent. Meine Eltern haben mir Vorwürfe gemacht, als ich an der Uni protestiert hatte gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. Mein Vater war klar und deutlich: Warum gefährdest du wegen eines Scheiß-Liedermachers das Glück der ganzen Familie?"

Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 und der Besetzung der Stasi-Zentrale an der Normannenstraße in Berlin am 15. Januar 1990 war Jahns Akte die erste, die geöffnet wurde. "Das geht unter die Haut, wenn man sieht, dass sogar der Schulweg der achtjährigen Tochter observiert wird. Das ist etwas, wo man sich fragt, was sie alles vorhatten, und dankbar ist, dass man noch gut davongekommen ist", sagte Jahn.

Freiheit sei für ihn auch heute noch keine Selbstverständlichkeit, so der Bundesbeauftragte. "Gerade durch meine Arbeit weiß ich, dass Freiheit eben nicht selbstverständlich ist. Ich habe immer von Freiheit geträumt. Wenn man im Knast sitzt, braucht man Träume, die einem Hoffnung geben für die Zukunft. Die Welt zu bereisen ist einer dieser Träume von mir. Am Ende kann es sein, dass ich gar keine wirkliche Weltreise mache. Aber ich freue mich, dass ich es könnte. So viele konnten das nicht, jahrzehntelang", sagte Jahn im NOZ-Interview. "Wenn Menschen in Isolation gehalten werden, dieses Eingesperrtsein, das vergisst man nicht. Die Freiheit, die ich heute spüre und auch bei anderen sehe, ist für mich jeden Tag ein Grund zur Freude", fügte Jahn hinzu.

Insgesamt 111 Kilometer Akten hat der Geheimdienst der DDR in den 40 Jahren seines Bestehens gesammelt. Die Akten wurden nach der friedlichen Revolution der Öffentlichkeit zugänglich gemacht, insgesamt 3,2 Millionen Anfragen zur Akteneinsicht sind seither bei der Behörde eingegangen, im vergangenen Jahr waren es 43.000 Anfragen. Das Gelände der ehemaligen Stasi-Zentrale, heute "Campus für Demokratie", beherbergt nun unter anderem das Stasi-Museum mit dem Original-Büro des ehemaligen Stasi-Chefs Erich Mielke, aber auch eine Freiluft-Ausstellung zur friedlichen Revolution. Aus dem "Ort der Repression und der Revolution" sei "ein Ort der Aufklärung geworden", erklärt Jahn. "Die Akten, Dokumente des Unrechts, können genutzt werden zur Aufklärung dessen, was geschehen ist. Das ist wichtig gewesen für die vergangenen 30 Jahre und wichtig für die Zukunft", betont er.

Roland Jahn wird noch bis zum Sommer 2021 als Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen im Dienst sein, danach wird die Behörde aufgelöst, das Archiv in das Bundesarchiv überführt. Akteneinsicht wird weiterhin möglich sein.



Quelle: ots/Neue Osnabrücker Zeitung
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