#zeitfokus.

Sonntag, 31 Mai 2020
Das Primat der Gesundheit war notwendig, um so etwas Unvorstellbares wie den aktuellen Shutdown durchzusetzen.
Das Primat der Gesundheit war notwendig, um so etwas Unvorstellbares wie den aktuellen Shutdown durchzusetzen. Foto: Frankie Cordoba
 2-3 Minuten Lesezeit  506 Worte im Text  vor 65 Tagen

Nein, wir haben noch keinen Beleg dafür, dass die einschneidenden Maßnahmen die Verbreitung des Coronavirus abgeflacht haben. Ja, die Bewährungsprobe steht uns erst noch bevor, wenn auch in Deutschland die medizinische Infrastruktur an ihre Grenzen stoßen sollte. Und doch müssen wir schon jetzt damit beginnen, uns Gedanken über den Weg zurück zu machen. Das Primat der Gesundheit war notwendig, um so etwas Unvorstellbares wie den aktuellen Shutdown durchzusetzen. Notwendig, um die Einsicht der ganzen Gesellschaft darin zu erreichen, was auf dem Spiel steht.

Andreas Kalbitz, Landesvorsitzender und Fraktionsvorsitzender der AfD Brandenburg
Foto: Professusductus / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Es gibt nichts schönzureden

Die Unwirklichkeit dieses Shutdowns hat aber auch das Verständnis dafür geweckt, was neben unserer Gesundheit noch auf dem Spiel steht. Die Wirtschaft, unsere Arbeit, unser soziales Leben, die Psyche jedes Einzelnen. Pandemien sind Ereignisse, die um den Erdball kreisen. Und die Corona-Pandemie wird bis zur Entwicklung eines Impfstoffes weltweit immer wieder neu aufflammen. Das ist kein Grund, in Fatalismus zu verfallen - so schwer die Opfer auch sein mögen. Es ist erst recht ein Grund zu erkennen, dass wir uns nicht allein auf die Bekämpfung der Pandemie konzentrieren dürfen. Denn die Corona-Moral - Geld oder Leben - verkürzt die Debatte auf gefährliche Weise. Wenn die Folgen des jetzigen Stillstands allein in Deutschland im Laufe von drei Monaten 500 Milliarden Euro verschlingen werden, wird klar, dass wir diesen Zustand nicht ein oder gar eineinhalb Jahre aufrecht erhalten können. Zumal der Niedergang der Wirtschaft nicht nur Erwerbs-Existenzen vernichtet. Er würde Stück für Stück unsere sozialen Verbindungen auffressen. Er würde unsere Bildungsziele gefährden. Und er würde ebenso Menschenleben kosten wie das Virus selbst: Die Leben psychisch labiler Menschen. Die Leben armer Menschen - im Süden Europas stärker als im Norden. Im Besonderen in vielen Schwellenländern, in denen schon eine normale Rezession für die Ärmsten der Armen ein Todesurteil sein kann.

Wer sich diese Folgen vor Augen führt, versteht, dass wir eine Exit-Strategie entwickeln müssen - auch wenn noch keine Impfung gegen das Coronavirus in Sicht ist. An diese Exit-Strategie müssen wir uns genauso ernsthaft heranmachen, wie wir uns an die Beschränkungen unserer Freiheit heranmachen mussten. Die schrittweise Wiederaufnahme des Bildungsbetriebs in Kitas, Schulen und Universitäten hat Vorrang vor Volksfesten und Jahrmärkten. Das Hochfahren der industriellen Produktion hat Vorrang vor der Rückkehr der Spaßkultur. Die Eröffnung von Restaurants, Kulturzentren und Sportstätten - vielleicht mit halber Besetzung - haben Vorrang vor der Wiederaufnahme von Kreuzfahrten. Und die Risikogruppen der Hochbetagten und Vorerkrankten werden sich länger auf den Rückzug in die schützende Isolation begeben müssen als die Jüngeren, die dafür noch lange Zeit das Abstandsgebot verfolgen müssen. Das Verständnis für eine solche schrittweise Rückkehr noch bevor die gesundheitliche Krise ausgestanden ist, ist bei den Bürgern ausgeprägter als die Debatte darüber. Was nicht heißt, dass es ein Patentrezept gäbe. Wer jetzt politische Verantwortung trägt, trägt die Last der Welt auf seinen Schultern. Die Politik muss nun dringend nicht mehr nur den Austausch mit den besten Virologen suchen. Sie muss sich über den Weg zurück auch mit den besten Experten anderer Disziplinen austauschen - der Wirtschaft, der Bildung, der Soziologie und des Rechts. Es geht jetzt um fast alles.

Quelle: ots/Allgemeine Zeitung Mainz
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