Min

Wo die AfD schon an der Macht ist

Foto: Gerhard Gellinger / CC0 (via Pixabay)

Themen
Typographie
  • kleiner klein Standard groß größer
  • Standard Helvetica Segoe Georgia Times

Wo die AfD schon an der Macht ist

.

Benigna Munsi strahlt, ihre Eltern könnten kaum stolzer sein. Für die Tochter einer Deutschen und eines gebürtigen Inders ist es ein Highlight in ihrem Leben, das Christkind des weltberühmten Nürnberger Christkindlesmarkts zu sein. Heute eröffnet ihn die 17-Jährige offiziell. Die AfD interpretierte den Tag ihrer Ernennung auf Facebook aber als Beginn der Auslöschung des Abendlandes.

Eine bodenlose, rassistische Entgleisung, die bundesweit Schlagzeilen machte. Doch so weit hätte es nicht kommen müssen. Ausgerechnet die erbittertsten Gegner der AfD machten es möglich, dass sich das rechte Gedankengut überhaupt so weit verbreitete. So paradox es klingt: Kritiker der Rechtspopulisten müssen lernen, deren Entgleisungen in den sozialen Medien zu ignorieren. Die Kritik an der AfD hilft ihr oft viel mehr, als dass sie ihr schadet. Der Partei reichte ein einziger vergifteter Post, um tagelang in den Medien präsent zu sein. Ein AfD-Kreisverband verglich die Ernennung des dunkelhäutigen Teenagers zum Christkind mit der Ausrottung der indianischen Ureinwohner in den USA. "Nürnberg hat ein neues Christkind. Eines Tages wird es uns wie den Indianern gehen", hieß es in dem Post, der mittlerweile wieder gelöscht wurde. Diese Aussage ist eine Unverschämtheit, völlig klar. Dass die AfD zurückruderte und sich für den Post entschuldigte, macht es auch nicht besser. Der Urheber sei "fix und fertig" wegen der Auswirkungen seines Posts. Er nahm aber auch billigend in Kauf, eine 17-Jährige fix und fertig zu machen. Die Welle der Empörung war dementsprechend riesig, Politiker bis hoch zum bayerischen Ministerpräsidenten lehnten die Äußerungen entschieden ab. Sie erhoben öffentlichkeitswirksam ihre Stimme gegen die AfD - und taten damit genau das, was sich die Partei erhofft.

Die schärfsten Kritiker der Rechtspopulisten werden jedes Mal unbeabsichtigt zu deren Schoßhündchen. Je lauter sie in den sozialen Medien bellen, desto größer die Aufmerksamkeit für die AfD. Je mehr Menschen mit einem Post interagieren, ihn mit Freunden teilen oder kommentieren, desto häufiger wird er auf Facebook ausgespielt. Im Fall des Nürnberger Christkinds hat eine Facebook-Seite eines kleinen AfD-Kreisverbandes den Post abgesetzt, München-Land mit etwa 1000 Fans. Der Beitrag hätte kaum mehr Leute erreicht, wäre er ignoriert worden. Und wäre sang- und klanglos untergegangen. Das ist die Krux am Facebook-Algorithmus: Auf der Timeline des Nutzers werden nicht nur Themen ausgespielt, die ihn interessieren könnten. Sondern auch Themen, die gerade viral gehen. Sprich: Solche, die die Facebook-Community besonders beschäftigen. Das war auch beim Post des AfD-Kreisverbandes der Fall. Ehe er gelöscht wurde, sprangen Hunderte dem neuen Christkind in den Kommentaren zur Hilfe. Sie halfen damit aber auch ungewollt der AfD. Nicht falsch verstehen: Natürlich sollten die Rechtspopulisten weiterhin bekämpft werden. Wenn Partei-Oberhäupter wie Höcke oder Gauland wieder verbal entgleisen, muss man das sogar. Schließlich haben sie in der Partei das Sagen. Die Entgleisungen eines unbedeutenden AfD-Kreisverbandes auf Facebook, sollte man - so schwer es fällt - ignorieren. Denn dieser Fall macht erneut deutlich: Hinter der Verbreitung des Facebook-Posts steckt Kalkül. Die AfD ist anderen Parteien auf Facebook haushoch überlegen. Die Rechtspopulisten betreiben einer Studie des amerikanischen Medienwissenschaftlers Trevor Davis zufolge die meisten der Facebook-Accounts, die von politischen Parteien in Deutschland betrieben werden. Demnach werden Beiträge der AfD auch am häufigsten geteilt, 85 Prozent aller geteilten Posts politischer Parteien gehen auf ihr Konto. Für die Unionsparteien, SPD, Grüne und Co. bleiben nur die Krümel übrig. Auf Bundes- und Länderebene ist die AfD zwar nirgendwo Regierungspartei, in den sozialen Medien ist sie hingegen schon längst an der Macht.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
571 Wörter im Bericht.

Themen (Top 10/365)

  • Achtung, Lobbyarbeit!
    Montag, 04. Februar 2019

    Grundschul-Toiletten sorgen in Bayern seit Tagen für Gesprächsstoff. Nachdem zum 1. Januar das Geschlecht "divers" als drittes Geschlecht gesetzlich anerkannt worden ist, kündigten mehrere...

  • Datenschutzbehörden beklagen massive Personalnot
    Mittwoch, 13. Februar 2019

    Die Datenschutzbehörden der Länder leiden unter massivem Personalmangel. Das hat eine bundesweite Umfrage des MDR-Magazins "exakt" ergeben. Die Datenschutzbeauftragten kritisieren eine viel zu dünne...

  • Familiennachzug erreicht Obergrenze
    Dienstag, 26. Februar 2019

    Die Visa für den Familiennachzug von Flüchtlingen mit eingeschränktem Schutzstatus haben inzwischen das vereinbarte Kontingent von tausend pro Monat erreicht. Im Rahmen des wieder eingeführten...

  • Bio-Hühner: Deutschland droht juristischer Ärger mit EU-Kommission
    Montag, 04. Februar 2019

    Deutschland droht erneut juristischer Ärger mit Europa. Wie die "Neue Osnabrücker Zeitung" berichtet, bemängelt die Brüsseler Generaldirektion für Landwirtschaft die Haltung der Elterntiere von...

  • Enteignungen: Zu radikal, aber sexy
    Sonntag, 07. April 2019

    Berlin ist radikaler als der Rest der Republik - das zeigt die Initiative für ein Volksbegehren, die am Wochenende in der Hauptstadt ihren Anfang nahm. Die Aktion will große Wohnungskonzerne im...

  • Väter kümmern sich mehr um ihre Kinder
    Dienstag, 28. Mai 2019

    Mütter tragen zwar nach wie vor die Hauptlast der Kinderbetreuung, doch immerhin holen die Väter langsam auf. Eine gemeinsame Elternzeit könnte die Gleichstellung weiter fördern.

  • Gagen für Promi-Auftritte auf Ministeriums-Websites
    Montag, 20. Mai 2019

    Die Öffentlichkeitsarbeit von Ministern und Regierung in den sozialen Netzwerken gerät erneut in die Kritik. Grund sind Gagen, die Promis und Youtube-Stars für Gastauftritte auf...

  • Wehrbeauftragter fordert Entscheidung über Zukunft der "Gorch Fock"
    Mittwoch, 30. Januar 2019

    Im Streit um die "Gorch Fock" hat der Wehrbeauftragte des Bundestages eine Entscheidung über die Zukunft des Schulschiffs angemahnt. Der SPD-Politiker Hans-Peter Bartels sagte in einem Interview mit der...

  • Vonovia-Chef plädiert für ein Drittel Sozialwohnungen in Neubaugebieten
    Montag, 13. Mai 2019

    Vonovia-Chef Rolf Buch macht sich bei der Neuausweisung von Wohngebieten für einen festgeschriebenen Anteil von Sozialwohnungen stark. In einem Interview mit der "Neuen Osnabrücker Zeitung" sagte...

  • Kommunale Identität verhindert Populismus
    Mittwoch, 10. Juli 2019

    Kommunale Identität ist ein entscheidender Faktor für soziales Engagement und politische Stabilität. Der Verlust kommunaler Identität bietet Nährboden für den Aufstieg populistischer Parteien. Das...