#zeitfokus.

Dienstag, 26 Mai 2020
Foto: congerdesign / CC0 (via Pixabay)
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Weiteren Beratungsbedarf gebe es, auch müsse die Möglichkeit der Fernsehübertragung noch geprüft werden: Das Bundesverwaltungsgericht hat die Entscheidung darüber, ob die massenhafte Tötung männlicher Eintagsküken rechtens ist, auf Mitte Juni verschoben. Dabei scheint allein die Tatsache, dass das BVerwG überhaupt darüber entscheiden muss, absurd. Schließlich hat Deutschland ein Tierschutzgesetz, das gleich in Paragraf 1 festlegt, dass "niemand einem Tier Schmerzen, Leid oder Schaden zufügen darf". Allerdings mit einer Einschränkung: "ohne vernünftigen Grund".

Greta Thunberg
Foto: Lëa-Kim Châteauneuf / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Ein bisschen Greta

Wer nun argumentiert, dass es gar keinen vernünftigen Grund geben kann, jährlich 45 Millionen Tiere nur deshalb zu töten, weil sie das falsche Geschlecht haben, hat recht. Und wird doch widerlegt durch die bisherigen Gerichtsurteile, die zu dem Schluss kamen, dass die Tötung männlicher Küken eben Teil der Produktion sei, die wirtschaftlich gestaltet werden müsse, um die Bevölkerung mit Eiern und Fleisch versorgen zu können. Das Töten von Tieren ist also erlaubt, wenn es vernünftig ist, und vernünftig ist es, wenn es wirtschaftlich ist.

Mit den Bildern riesiger Legehennenbatterien im Kopf fällt es leicht, sich an dieser Stelle kopfschüttelnd abzuwenden und an Politik und Rechtsprechung zu verzweifeln. Doch wer das nicht tut und weiterdenkt, der erkennt, warum sich das BVerwG weitere Beratungszeit genommen hat: Denn solange es keine praktikablen Lösungen gibt, das Geschlecht der Hühner schon im Ei zu bestimmen, müssten bei einem Tötungsverbot jährlich 45 Millionen Hähne untergebracht und aufgezogen werden. Das kostet nicht nur Geld, das man ja eventuell durch deutlich höhere Eierpreise noch aufbringen könnte. Es kostet vor allem auch Platz, Wasser, Futter, Medikamente, die Hähne würden Kot produzieren, kurz: Der Ressourcenverbrauch wäre enorm. Wirtschaftlichkeit misst sich nicht allein am Profit, Wirtschaftlichkeit bedeutet auch effizienten Einsatz von Ressourcen. Und so betrachtet ist das Töten der Tiere, so zynisch es klingt, tatsächlich vernünftig.

Allerdings funktioniert diese Logik nur deswegen, weil Hühner heute nur noch entweder Eierlegewunder oder schnellwachsende Fleischlieferanten sind, gezüchtet für die Bedürfnisse der Wohlstandsgesellschaft, in der Fleisch und Eier nicht nur verfügbar, sondern auch noch möglichst billig sein sollen. Und es ist leicht, sich über das Kükentöten aufzuregen, aber ungleich schwerer, dem Hähnchenschenkelsonderangebot im Discounter zu widerstehen. Vielleicht ist die Fridays-for-Future-Bewegung ein Zeichen für einen Bewusstseinswandel, vielleicht ist der große Erfolg der Grünen bei der Europawahl in Deutschland tatsächlich das Signal einer jungen Generation, die Klima-, Arten- und Tierschutz nicht nur predigen, sondern auch leben will. Das aber kann nur dort gelingen, wo gesamtgesellschaftlich bewusster Konsum eine artgerechte Tierzucht- und -haltung - hier konkret zum Beispiel das unprofitablere Zweinutzungshuhn - und eine schonende Landwirtschaft ermöglicht.

Allerdings zeigen die Erfahrungen von Gurtpflicht bis FCKW-Verbot, dass Produzenten wie auch Konsumenten - oft trotz besseren Wissens - ihr Verhalten erst ändern, wenn die gesetzlichen Regelungen sie dazu zwingen. Dafür reichen schwammige Formulierungen unter Berufung auf "die Vernunft" nicht aus. Zumal Artikel 20a des Grundgesetzes eigentlich eindeutig ist: "Der Staat schützt auch in Verantwortung für die künftigen Generationen die natürlichen Lebensgrundlagen und die Tiere (...)" . Zu formulieren, wie genau das gelingen kann, ist die größte und drängendste Frage überhaupt. Und das nicht nur zum Wohle der Küken.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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