Freitag, 03 Jul 2020
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Die Regierung von Bangladesch hat - trotz anderslautender Vesprechen - noch keine ausreichenden Maßnahmen getroffen, um Kinderheirat zu beenden, so Human Rights Watch in einem heute veröffentlichten Bericht.

Unerkannte Infektionsherde wären gerade in Schulen fatal.
Foto: Annie Spratt

Guter Unterricht durch Lehrer vor Ort ist durch nichts zu ersetzen

Stattdessen hat die Premierministerin Sheikh Hasina Schritte in die falsche Richtung unternommen, nachdem sie im Juli 2014 versprochen hatte, die Kinderehe bis zum Jahr 2041 abzuschaffen. Ihr Vorhaben, das Heiratsalter von Mädchen von 18 auf 16 Jahre herabzusetzen, weckt ernsthafte Zweifel an dieser Verpflichtung.

Bangladesch hat die weltweit höchste Heiratsrate von Mädchen unter 15 Jahren. Einer UNICEF-Studie zufolge werden 29 Prozent von ihnen mit weniger als 15 Jahren verheiratet, zwei Prozent mit weniger als elf. Da die Regierung immer wieder untätig bleibt und viele Beamte vor Ort Kinderehen ermöglichen, können auch sehr junge Mädchen ungehindert verheiratet werden. Das droht immer mehr von ihnen, da die in Bangladesch häufigen Naturkatastrophen viele Familien in Armut stürzen, weshalb sie dann häufig entscheiden, ihre Töchter zu verheiraten.

"Kinderheirat ist epidemisch in Bangladesch und die Zahlen verschlechtern sich nach Naturkatastrophen", so Heather Barr, Expertin für Frauenrechte bei Human Rights Watch. "Die Regierung hat ein paar richtige Dinge gesagt. Aber ihr Vorschlag, das Heiratsalter herabzusetzen, geht in die falsche Richtung. Sie muss handeln, bevor Bangladesch noch eine Generation Mädchen verliert."

Der 134-seitige Bericht "Marry Before Your House is Swept Away: Child Marriage in Bangladesh" basiert auf mehr als hundert Interviews, die überall im Land und überwiegend mit verheirateten Mädchen geführt wurden. Manche der Befragten waren gerade einmal 10 Jahre alt. Der Bericht dokumentiert die Faktoren, die Kinderheirat begünstigen, darunter Armut, Naturkatastrophen, fehlender Zugang zu Bildung, sozialer Druck, Einschüchterung und Mitgift. Darüber hinaus geht er darauf ein, wie Kinderheiraten das Leben der Mädchen und ihrer Familien beeinträchtigen. Unter anderem führen sie zum Abbruch weiterführender Schulbildung, zu gravierenden gesundheitlichen Schäden bis hin zum Tod durch zu frühe Schwangerschaft, zu Vernachlässigung und zu häuslicher Gewalt durch Ehepartner und Schwiegereltern.

Kinderheirat ist in Bangladesch seit dem Jahr 1929 illegal und das zulässige Heiratsalter beträgt seit den 1980er Jahren 18 Jahre für Frauen und 21 Jahre für Männer. Trotzdem hat Bangladesch die vierthöchste Heiratsrate von Personen, die jünger als 18 Jahre alt sind, nach Niger, der Zentralafrikanischen Republik und dem Tschad. 65 Prozent der Mädchen in Bangladesch heiraten vor ihrem 18. Geburtstag.

Weil es der Regierung nicht gelingt, das Gesetz gegen Kinderheirat durchzusetzen und gegen die Faktoren vorzugehen, die sie begünstigen, verheiraten viele arme Familien ihre Töchter, um mit ihrer Notsituation umzugehen:

- Wenn Eltern ihre Kinder nicht ernähren oder nicht für ihre Schulbildung bezahlen können, suchen sie Ehemänner für ihre Töchter, um deren Versorgung zu gewährleisten.
- In Armut lebende Mädchen haben kaum Zugang zu Bildung, auch dann nicht, wenn diese formal kostenlos ist, weil ihre Familien Prüfungsgebühren, Schuluniformen und Schreibwaren nicht bezahlen und andere anfallende Kosten nicht decken können.
- Mädchen, die die Schule verlassen, werden oft von ihren Eltern verheiratet.
- Sexuelle Belästigung unverheirateter Mädchen - und das Versagen der Polizei in diesen Fällen - ist ebenfalls ein Anlass, Kinder zu verheiraten.
- In einigen Gemeinschaften wird Kinderheirat nicht nur akzeptiert, sondern erwartet. Auf Familien wird sozialer Druck ausgeübt, und einige Traditionen legen frühe Eheschließungen nahe, darunter die weit verbreitete Praxis, Mitgiften zu zahlen, die mit zunehmendem Alter steigen.

Zudem kommt der Bericht zu dem Ergebnis, dass Naturkatastrophen sich auf die Zahl von Kinderheiraten auswirken. Bangladesch gehört zu den weltweit am stärksten von Naturkatastrophen und Klimawandel betroffenen Ländern. Durch sie stürzen viele Familien in Armut, was die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass sie ihre Töchter früh verheiraten. So berichteten viele Eltern, dass sie sich unmittelbar nach oder vor einer Naturkatastrophe gezwungen sahen, Hochzeiten zu arrangieren. In dieser Situation befinden sich insbesondere Familien, deren Häuser und Grundbesitz durch schleichende Flusserosion zerstört wurden.

Die Regierung von Bangladesch geht nicht wirksam gegen Kinderheirat vor. Beim internationalen "Mädchengipfel" in London im Jahr 2014 versprach die Premierministerin, Kinderheiraten abzuschaffen. Sie stellte einige Maßnahmen vor, mit denen sie dieses Ziel erreichen wollte, darunter Gesetzesreformen und die Entwicklung eines nationalen Aktionsplanes bis zum Ende des Jahres 2014. Die Regierung hat keines dieser Vorhaben verwirklicht. Stattdessen schlägt sie den falschen Weg ein, wenn sie das Heiratsalter von Mädchen wie geplant von 18 auf 16 Jahre herabsetzt.

Auch von Regierungsbeamten vor Ort erfahren gefährdete Mädchen keine Unterstützung. Zwar steigt das Bewusstsein darüber, dass es gesetzlich verboten ist, Mädchen vor ihrem 18. Geburtstag zu verheiraten. Aber es wird dadurch unterminiert, dass viele Kommunalbeamte Familien dabei unterstützen, Kinderheiraten durchzuführen. Die für den Bericht befragten Personen schildern übereinstimmend, dass Beamte für Bestechungsgelder in Höhe von gerade einmal 1,20 € gefälschte Geburtsurkunden ausstellen, laut denen die Mädchen älter als 18 Jahre sind. Selbst in den seltenen Fällen, in denen Beamte Hochzeiten verhindern, gelingt Familien ohne weiteres, sie an einem anderen Ort durchzuführen.

"Die Regierung von Bangladesch muss die Versprechen, die Premierministerin Sheikh Hasina öffentlich gegeben hat, energisch und rasch einlösen", so Barr. "Der erste Schritt ist, den Vorschlag unverzüglich zurückzuziehen, wonach das Heiratsalter von Mädchen auf 16 Jahre herabgesetzt werden soll."

Einige andere Entwicklungen in Bangladesch gelten als Erfolge, auch im Bereich der Frauenrechte. Die Vereinten Nationen loben die "beeindruckende" Armutsreduktion von 56,7 Prozent in den Jahren 1991/1992 auf 31,5 Prozent im Jahr 2010. Inzwischen werden genauso viele Mädchen wie Jungen in Grund- und weiterführende Schulen eingeschult. Die Müttersterblichkeit ist zwischen den Jahren 2001 und 2010 um 40 Prozent gesunken. Diese Entwicklungserfolge werfen die Frage auf, warum die Zahl der geschlossenen Kinderehen immer noch eine der weltweit höchsten ist.

Als Vertragsstaat des Internationalen Pakts über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, der Konvention zur Beseitigung jeder Form von Diskriminierung der Frau sowie der Kinderrechtskonvention ist Bangladesch dazu verpflichtet, die Rechte von Mädchen und Frauen zu schützen. Dazu gehören das Recht auf Nicht-Diskriminierung, auf den höchstmöglichen Gesundheitsstandard und auf Bildung. Zudem müssen Mädchen und Frauen frei ihrer Eheschließung zustimmen, ihren Ehepartner selbst wählen und dürfen keine körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt erleben. Kinderheirat führt häufig dazu, dass diese Rechte nicht mehr angemessen geschützt und verwirklicht werden.

Die Recherchen von Human Rights Watch in Dörfern dokumentieren, dass das Gesetz gegen Kinderheirat nicht durchgesetzt wird und dass gravierende Lücken im Gesundheits-, Bildungs- und Sozialsystem bestehen, die Mädchen weit besser vor Hochzeiten schützen sollten. Die Regierung hat bedeutende Fortschritte dabei gemacht, den Zugang zu Bildung zu verbessern, indem sie die Gebühren für die Grundschulbildung abgeschafft hat. Aber die anderen, mit dem Schulbesuch einhergehenden Kosten führen dazu, dass insbesondere weiterführende Bildung für sehr viele Kinder unerreichbar bleibt. Für Mädchen bedeutet das oft, zu jung verheiratet zu werden. Regierungsbehörden, die in Armut lebende oder von Naturkatastrophen betroffene Familien unterstützen, sollten stärker in den Kampf gegen Kinderheirat eingebunden werden. Gerade die Mädchen, die ihn am dringendsten benötigen, haben kaum Zugang zu Informationen über reproduktive Gesundheit und zu Verhütungsmitteln. Wenn Mädchen von Gewalt und Misshandlung betroffen sind, wissen sie oft nicht, wo sie Hilfe erhalten können. Das Gesetz gegen Kinderheirat muss reformiert und vor allem durchgesetzt werden.

"Indem die Regierung von Bangladesch nichts gegen Kinderheirat unternimmt, fügt sie einem ihrer wertvollsten Schätze großen Schaden zu - ihren jungen Frauen", sagt Barr. "Die Regierung - und ihre Geber - müssen sich stärker dafür engagieren, dass die Mädchen in der Schule bleiben und Unterstützung erhalten, wenn die Gefahr besteht, dass sie verheiratet werden. Sie müssen gegen sexuelle Belästigung vorgehen und Informationen über reproduktive Gesundheit sowie Verhütungsmittel besser zugänglich machen. Vor allem muss die Regierung ihr Gesetz gegen Kinderheirat umsetzen."



Quelle: Human Rights Watch


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