Beunruhigende Szenarien: Wann ist das Eis zu dünn?

Foto: towbar / CC0 via Pxabay

Wirtschaft
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Mit einem mulmigen Gefühl sind die Marktteilnehmer am Freitag ins Wochenende gegangen. Nach einer bereits schwachen Tendenz am Vortag gab der Dax noch deutlicher nach.

Der Index fiel nicht nur unter die Schwelle von 10000, sondern gleich noch unter 9900 bis auf 9819 Punkte. Zum Schluss wies er einen Verlust von 2,5% auf 9835 Zähler auf. Die Verunsicherung war auch an den vermeintlich sicheren Assets ablesbar. Die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe sank auf ein Rekordtief von nur noch einem Basispunkt und schrammte damit fast den Negativbereich, der Preis der Feinunze Gold stieg auf ein Dreiwochenhoch von 1278 Dollar.

Das alles andere überschattende Thema an den Märkten war das am 23. Juni anstehende Votum der Briten über den Verbleib oder den Austritt (Brexit) aus der EU. Angesichts der möglichen Turbulenzen, die ein Brexit zur Folge hätte, sind die Marktteilnehmer wohl auch gut beraten, sich vorerst nicht allzu weit aus dem Fenster zu lehnen. Umfragen zeigten zuletzt ein Kopf-an-Kopf-Rennen mit dünnem Vorsprung für die Anhänger des Verbleibs in der EU oder abgekürzt "Bremain".

Beunruhigende Szenarien

Beunruhigende Szenarien über die Folgen eines Brexit nicht nur für Großbritannien werden derzeit zuhauf publiziert. So ist die auf Risikomodelle spezialisierte Axioma der Auffassung, dass im Falle des Brexit ein Einbruch der europäischen Aktienmärkte um 24% droht. Die Citigroup glaubt, dass eine Stampede in den sicheren Hafen der US-Staatsanleihen deren Renditen auf Rekordtiefstände drücken könnte. Ihrer Einschätzung nach würde ein Brexit zu massiven Abflüssen aus Großbritannien und zu kräftigen Zuflüssen in Treasuries führen. Das Rekordtief der zehnjährigen Treasury-Rendite, die derzeit bei 1,65% liegt, wurde im Jahr 2012 mit 1,38% erreicht.

Darüber hinaus haben sich die Märkte noch mit weiteren politischen Risiken auseinanderzusetzen. Nach dem Brexit-Votum folgt noch in diesem Monat eine ebenfalls brisante Parlamentswahl in Spanien, und danach rückt der US-Präsidentschaftswahlkampf zunehmend in den Fokus, in dem es Donald Trump noch nicht gelingt, sich als Wunschkandidat der Finanzmärkte zu positionieren.

Doch auch das fundamentale Umfeld entwickelt sich aus Sicht des Aktienmarktes zurzeit alles andere als rund. Seitdem der US-Arbeitsmarktbericht mit einem deutlich hinter den Erwartungen zurückgebliebenen Stellenaufbau geschockt hat, sind die Sorgen über die Aussichten der Weltwirtschaft wieder ins Rampenlicht gerückt, ein weiterer Grund dafür, dass Dividendentitel derzeit schwächeln und Staatsanleihekurse anziehen. In der abgelaufenen Woche folgte dann die nächste Hiobsbotschaft. Die Weltbank reduzierte ihre Prognose für das Wachstum der Weltwirtschaft, und zwar drastisch von 2,9% auf nur noch 2,4%. Begründet wurde dies mit einer beunruhigend langen Liste von Gründen: Schleppendes Wachstum in den entwickelten Volkswirtschaften, anhaltend niedrige Rohstoffpreise, ein schwacher Welthandel und schwindende Kapitalflüsse. 40% der Abwärtsrevision entfielen auf Rohstoffe exportierende Schwellenländer, für die in diesem Jahr nur noch ein Wachstum von 0,4% nach im Januar noch angenommenen 1,6% erwartet wird. Die Wirtschaft Brasiliens wird der Weltbank zufolge in diesem Jahr um 4% nach 3,8% im Vorjahr schrumpfen, und auch für das nächste Jahr wird nun mit einem negativen Wachstum von 0,2% gerechnet.

Damit setzt sich der Trend abbröckelnder Erwartungen für das globale Wachstum ungebrochen fort, und das kann für die Aktienmärkte nur eine negative Nachricht sein. Denn wenn dieser Trend nicht bald zum Stillstand kommt, wird auch das Eis für die Unternehmensgewinne bzw. für die Ergebnisschätzungen immer dünner. Derzeit liegen die Konsensprognosen für das Wachstum der Gewinne je Aktie dieses Jahres für die amerikanischen und europäischen Unternehmen noch knapp über der Nulllinie. Sinken sie noch weiter, müssen auch die Ertragserwartungen an Aktieninvestments und Indexziele nach unten angepasst werden.

Die geldpolitischen Impulse und der Mangel an Anlagealternativen bleiben zwar als Stützen für Dividendentitel erhalten. Angesichts der politischen und fundamentalen Belastungsfaktoren scheint jedoch fraglich, dass oberhalb der Schwelle von 10000 Zählern derzeit erhebliches weiteres Aufwärtspotenzial vermutet werden kann. Eher entsteht der Eindruck, dass im Bereich zwischen 10500 bis 11000 Punkten der obere Rand der für die kommenden Monate erwartbaren Bandbreite des Dax liegen könnte.



Quelle: ots/Börsen-Zeitung


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