#zeitfokus.

Freitag, 29 Mai 2020
Foto: World Economic Forum / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)
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Der Euro gilt ja vielen als Leichtgewicht. Zu Unrecht, wie sich in der abgelaufenen Handelswoche wieder einmal zeigte. Die Gemeinschaftswährung berappelte sich sehr schnell wieder nach dem ersten Schock darüber, dass in den USA die Leitzinsen entgegen den Erwartungen doch im Dezember steigen könnten. Die Widerstandsfähigkeit der Gemeinschaftswährung hängt stark mit ihrer veränderten Rolle als Finanzierungswährung an den globalen Finanzmärkten zusammen. Dies hat auch Konsequenzen für das Bestreben der Europäischen Zentralbank, über eine Abwertung der Gemeinschaftswährung eine Reflationierung herbeizuführen.

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Foto: Bernd Schwabe / CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

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Klassischerweise bestimmen Zinsdifferenzen beziehungsweise erwartete Zinsdifferenzen den Kurs zweier Währungen. Dies war am vergangenen Mittwoch kurzfristig auch zu beobachten: Die Federal Reserve ließ sich die Tür für eine Zinserhöhung im Dezember offen, während viele Marktakteure einen solchen Schritt abgehakt hatten. Die Fed verwies in ihrer Stellungnahme darauf, dass sie bei ihrer nächsten Sitzung am 16. Dezember nach der Datenlage entscheiden wird. Mit dieser Wortwahl hat sie den Markt exakt dahin bewegt, dass dieser eine Zinserhöhung nicht nur für möglich hält, sondern mit einer Wahrscheinlichkeit von rund 50% wieder eingepreist hat. Dies genügte, um die Rendite für zweijährige US-Staatsanleihen, die als guter Indikator für Zinserwartungen gelten, in die Höhe schießen zu lassen. Damit weitete sich die Zinsdifferenz zu Bundesanleihen und anderen Euro-Staatsanleihen aus. Die Folge war der kurzzeitige Kursrutsch des Euro.

Doch der Kurs stabilisierte sich wieder. Dazu mag beigetragen haben, dass die Preise in der Eurozone wieder etwas steigen, was Spekulationen auf eine Ausweitung der EZB-Anleihekäufe dämpfte. Allerdings wird der Euro-Dollar-Kurs nicht mehr nur von Zinsdifferenzen zwischen den beiden Währungsräumen bestimmt. Die Ursache dafür ist das tiefe Zinsniveau in der Eurozone. Das ermöglicht es global tätigen Investoren, sich günstig in Euro zu verschulden und das Geld in höher verzinsten Währungen wie dem US-Dollar oder dem australischen Dollar anzulegen. Auch Schwellenländer-Währungen werden angesteuert. Da diese Carry Trades - wie alle Währungsspekulationen - eine riskante Angelegenheit sind, werden sie in Phasen erhöhter Unsicherheit schnell wieder aufgelöst. Das erklärt, warum der Euro im Frühsommer in die Höhe schoss, während Griechenland knapp vor dem Ausstieg aus der Währungsunion stand und dies Schockwellen durch die Finanzmärkte schickte. Da Märkte gern historische Korrelationen und weniger den gesunden Menschenverstand handeln, hat sich das Muster verfestigt: Der Euro steigt in Phasen erhöhter Unsicherheit, wie sie sich am Volatilitätsindex VIX aus Chicago festmachen lässt. Über die Risikoeinschätzung überträgt sich wegen dieser Korrelation die Entwicklung an den Aktienmärkten unmittelbar auf den Euro-Kurs.

Dies muss die EZB im Blick behalten, falls sie ab Dezember den Euro weiter schwächen will. Sie wird dabei nur erfolgreich sein können, wenn zugleich auch die Aktienmärkte steigen. In den vergangenen Jahren funktionierte dies hervorragend, die Kurse legten mit jeder Liquiditätswelle in den USA, in Japan oder Europa zu. Doch es ist fraglich, ob dies auch im Fall von Euro QE2, einer zweiten Runde der quantitativen Lockerung in der Eurozone, wieder so wäre. Denn die Erwartungen an die Unternehmen sind hoch, teilweise gar zu hoch. Das zeigt sich in der gerade laufenden Quartalssaison. Nicht selten reagieren derzeit Aktien mit zweistelligen Kursverlusten, wenn Unternehmen die Markterwartungen verfehlen oder ihre Prognose senken. Eine von Gewinnrevisionen ausgelöste Korrektur der Aktienmärkte würde eine sinkende Risikobereitschaft signalisieren, der Euro-Kurs dürfte steigen. Damit wäre das EZB-Ziel der Reflationierung über Abwertung in Gefahr. Um erfolgreich zu sein, braucht Mario Draghi den Dax.



Quelle: ots / Börsen-Zeitung


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