Mittwoch, 05 Aug 2020
Firmensitz der Robert Bosch GmbH in Gerlingen
Firmensitz der Robert Bosch GmbH in Gerlingen Foto: Mac105/ Gemeinfrei via Wikimedia
 3-5 Minuten Lesezeit  842 Worte im Text  Vor mehr als einem Jahr

Mit einem Rekordwert von 7,4 Prozent EBIT-Marge haben die weltweiten Automobilzulieferer 2015 erneut ein sehr gutes Jahr erlebt. Gleichzeitig hat aber die Volatilität in der Branche erheblich zugenommen und sich das Umsatzwachstum deutlich verlangsamt.

empty alt
Foto: Tim Reckmann / CC BY 2.0 (via Flickr)

Deutlich mehr "Neu-Arbeitslose" und weniger offene Stellen

Für 2016 steht neben einer möglichen Abkühlung des Marktes vor allem der sich abzeichnende Umbruch der Branche auf der Agenda der Zuliefererunternehmen. Das sind die zentralen Ergebnisse der neuen "Global Automotive Supplier Study 2016" von Roland Berger und Lazard. Im Rahmen der Studie wurden Kennzahlen von über 600 internationalen Zulieferern analysiert, um den aktuellen Zustand sowie Trends und Herausforderungen der Branche zu beurteilen. Der Aufwärtstrend, den die Zulieferindustrie seit 2010 ununterbrochen verzeichnete, ist demnach ins Stocken geraten. Das Umsatzwachstum ist so niedrig wie seit sieben Jahren nicht mehr, und in mehreren Produktsegmenten sind die Gewinnmargen sogar leicht unter den Wert von 2014 gefallen.

"Wenn man sich die Rekordgewinne 2015 ansieht, erscheint die Lage der internationalen Automobilzulieferer auf den ersten Blick sehr gut", sagt Felix Mogge, Partner bei Roland Berger. "Doch das Umsatzwachstum in einem zunehmend volatileren Marktumfeld ist tendenziell rückläufig, und bereits in naher Zukunft steht die Branche vor revolutionären Veränderungen bei Technologien und neuen Mobilitätskonzepten."

Weltweite Fahrzeugproduktion wächst nur mäßig

Laut der Studie von Roland Berger und Lazard wird die globale Fahrzeugproduktion 2016 und darüber hinaus mit rund zwei Prozent jährlich nur mäßig zulegen. "Um ihre Margen zu stabilisieren oder sogar weiter zu verbessern, müssen die Zulieferer auf andere Faktoren setzen", meint Christof Söndermann, Director bei Lazard. "Und sie müssen sich auf plötzliche makroökonomische Turbulenzen einstellen, die zu einem kurzfristigen Nachfragerückgang führen können." In dem stagnierenden chinesischen Markt gehören zweistellige Wachstumsraten wohl der Vergangenheit an. Außerdem ist eine kurzfristige Markterholung in Brasilien und Russland mehr als fraglich - zugleich schafft der Brexit neue Unsicherheiten in Europa.

Branche steht vor radikalem Wandel

"Die aktuellen Entwicklungen zeigen sehr deutlich, dass die globale Automobilindustrie vor dem größten Umbruch ihrer Geschichte steht", sagt Söndermann. Disruptive technologische Trends und völlig neue Geschäftsmodelle für die Automobilnutzung versprechen den Zulieferern in den nächsten zehn Jahren sicherlich gute Chancen - doch es besteht auch enorme Unsicherheit, wann und wo genau sich diese Chancen ergeben werden. Das Marktvolumen für Fahrzeugkomponenten wird der Studie zufolge von rund 700 Milliarden Euro 2015 auf über 850 Milliarden Euro 2025 steigen. Dabei ist jedoch mit deutlichen Gewinnverlagerungen zwischen den Segmenten und teilweise auch auf neue Anbieter zu rechnen.

Im Bereich der Antriebstechnik nimmt die Entwicklung der Elektromobilität weiter Fahrt auf. Technische Hürden bestehen zwar weiterhin und ein überzeugendes Konzept für den Endverbraucher ist noch lange nicht in Sicht. Doch strengere Abgasvorschriften (supra-) nationaler und lokaler Behörden werden in den nächsten Jahren vermutlich für den nötigen Auftrieb sorgen. "Wir gehen davon aus, dass der Markt für Elektrofahrzeuge in den nächsten zehn Jahren um das Sieben- bis Zehnfache zulegen wird", erklärt Mogge. "Den Zulieferern für Elektroantriebe bietet sich dadurch ein beträchtliches Wachstumspotenzial, wohingegen der herkömmliche Verbrennungsmotor mehr und mehr zu einer 'Commodity' wird." Zulieferer von Fahrassistenzsystemen und automatisierten Fahrfunktionen befinden sich in einem Markt, der um das Fünffache wachsen und bis 2025 ein globales Volumen von fast 30 Milliarden Euro erreichen dürfte, der allerdings auch durch härteren Wettbewerb gekennzeichnet ist, unter anderem durch die großen Technologiefirmen.

Zunehmender Druck und Komplexität bei Anbietern von Antriebssystemen

Zunehmende Komplexität und steigende Kosten bei den klassischen Antriebstechnologien sowie die nach wie vor verhaltene Marktentwicklung der Elektromobilität haben dazu geführt, dass die EBIT-Margen bei den Anbietern von Antriebssystemen zuletzt auf 6,9 Prozent und damit unter den Branchendurchschnitt gefallen sind. Dagegen haben Chassis-Zulieferer von der steigenden Nachfrage nach Fahrassistenzsystemen und automatischen Fahrfunktionen profitiert. Mit einer EBIT-Marge von 7,7 Prozent schneiden sie deutlich besser ab als andere Produktsegmente - nur die Reifenhersteller verzeichnen höhere Margen.

Neben deutlichen Unterschieden zwischen den Produktsegmenten bestehen auch große regionale Differenzen. Während Zulieferer aus Europa in vielen Branchensegmenten weiterhin von ihrer Technologieführerschaft profitieren, kämpfen chinesische Firmen in den vergangenen Jahren mit sinkenden Margen, weil sich der Wettbewerb in ihrem Heimatmarkt zunehmend verschärft. Unabhängig von Produktschwerpunkt oder Region ist Innovation ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg, aber nicht zwangsläufig der einzige. "Im Schnitt verbuchen Unternehmen, die auf Produktinnovation setzen, eine um rund zwei Prozent höhere Profitabilität als die Prozessspezialisten", stellt Thomas Schlick, Partner bei Roland Berger, fest. Trotzdem sind die Margen der leistungsstärksten Prozessspezialisten mit denen führender Produktinnovatoren vergleichbar.

Portfoliomanagement gewinnt Bedeutung

Um in dem volatileren und sich schnell wandelnden Geschäftsumfeld erfolgreich zu sein, müssen Zulieferer ihre Flexibilität und Anpassungsfähigkeit steigern. "Es reicht nicht mehr, sich nur auf organisches Wachstum in traditionellen Feldern zu konzentrieren", sagt Söndermann. "Denn neue Geschäftsfelder öffnen sich vor allem im Bereich neuer Technologien. Hier müssen sich die Zulieferer auf stärkere Konkurrenz durch neue Anbieter von außerhalb der Branche gefasst machen." Deshalb wird aktives Portfoliomanagement weiter an Bedeutung gewinnen, während die Zulieferer ihre Kernkompetenzen überprüfen und anpassen müssen, um neue Technologien zu erschließen. Doch intensiver Wettbewerb um attraktive Übernahmeziele sowie hohe Kaufpreise machen Wachstum durch Zukäufe schwierig. "Es kommt darauf an, weit über die nächste Fahrzeuggeneration hinaus zu denken, Szenarien zu planen und die eigene Produktentwicklung innovativer zu gestalten", sagt Roland Berger-Experte Schlick.



Quelle: Roland Berger / Lazard


#mehrNachrichten
Da die Internetbranche aufgrund der Schwarmintelligenz, oder besser gesagt des Herdentriebs der Nutzer besonders zur Monopolisierung neigt, wird Corona den Einfluss dieser Konzerne noch stärken.
Foto: NordWood

Milliardengewinne der Tech-Riesen

Auch das hat uns der Corona-Lockdown deutlich vor Augen geführt: Die Internetwirtschaft folgt ihren eigenen Gesetzen. Während viele Branchen im zweiten Quartal über extreme Umsatzeinbrüche klagten...
Chef des Bundes Deutscher Kriminalbeamten fordert externe Ombudsstellen
Foto: Gundula Vogel

Rechtsextremismus in der Polizei

Genau zwei Jahre nach der ersten Drohmail mit dem Absender "NSU 2.0" an die Frankfurter Rechtsanwältin Seda Basay-Yildiz haben die Ermittler noch keinen Durchbruch erzielt. Am Nachdruck bei der...
Die Bundesregierung hat Angst vor der Macht der Kommunen.
Foto: Michael Lucan / CC-BY-SA 3.0 de (via Wikimedia Commons)

Seehofers Blockaden

Horst Seehofer hat Berlin nun offiziell das dort beschlossene Landesaufnahmeprogramm für 300 notleidende Geflüchtete, die in griechischen Elendslagern festsitzen, verboten. Der Mann, der Kreuze in...
Die Erhöhung von Kindergeld und Kinderfreibetrag nützt denen am wenigsten, die sie am dringendsten brauchen
Foto: Rosa Luxemburg-Stiftung / CC BY 2.0 (via Flickr)

Anrechnung des Kindergeldes auf Hartz IV stoppen

Die Vorsitzende der Linkspartei, Katja Kipping, hat die Pläne der Bundesregierung kritisiert, das Kindergeld und den Kinderfreibetrag ab 1. Januar 2021 zu erhöhen, und die Forderung nach einer...
Gregor Gysi
Foto: Bundesarchiv, Bild 183-1990-1124-012 / Grubitzsch (geb. Raphael), Waltraud / CC BY-SA 3.0 DE

Ich hätte 1989 Nein sagen sollen, Politiker zu werden

Gregor Gysi führt seine Herzinfarkte auf den Stress und die Anfeindungen gegen ihn als Linken-Politiker zurück. "Hätte ich gewusst, was alles auf mich zukommt, hätte ich im Dezember 1989 Nein sagen...
Europa muss auch sicherheitspolitisch einen Mehrwert produziert. Dies ist eine der großen Zukunftsaufgaben.

Akut einsturzgefährdet

Donald Trump spielt wieder die deutsche Karte. Man täusche sich nicht: Der US-Präsident mag zwar wie von allen guten Geistern verlassen durch die Corona-Krise irren, doch am sicheren Gespür für die...
Asperg, Deportation von Sinti und Roma
Foto: Bundesarchiv R 165 Bild-244-47 / CC BY-SA 3.0 DE

Zentralrat Deutscher Sinti und Roma warnt vor neuem Nationalismus

Vor dem Europäischen Holocaust-Gedenktag für Sinti und Roma an diesem Sonntag (2. August) hat der Zentralratsvorsitzende in Deutschland, Romani Rose, vor einem neuen Nationalismus in Europa gewarnt. In einem...
Back To Top