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Montag, 30 Mär 2020
Es ist der gefühlte und tatsächliche Kontrollverlust, der die Menschen in Angst versetzt.
Es ist der gefühlte und tatsächliche Kontrollverlust, der die Menschen in Angst versetzt. Foto: PublicDomainPictures
 2-4 Minuten Lesezeit  748 Worte im Text  vor 21 Tagen
Kontrollverlust. Die nächste Krise sei so sicher wie das Amen in der Kirche, aber man wisse nicht, wann sie komme und durch was sie ausgelöst werde. So das Narrativ seit Bewältigung der Finanzkrise. Nun wissen wir es. Es ist nicht ein geopolitisches Risiko, das Krisenforscher und Ökonomen als Auslöser im Blick hatten, sondern ein medizinisches, die Coronavirus-Epidemie. Die Panik, die sich gestern rund um die Welt an den Märkten breitmachte, erinnert an den Ausbruch der Finanzkrise 2008 und ähnlicher Krisen in früheren Jahren. War es damals die Hilflosigkeit der Institutionen der Finanzwelt - von den Notenbanken über die Finanzaufsichtsbehörden bis zum IWF -, die zur sich selbst verstärkenden Wirkung beitrugen, ist es heute die Hilflosigkeit der politischen Institutionen und Regierungen, die die Verunsicherung in der Bevölkerung und auch an den Märkten treibt. Waren es vor zwölf Jahren die Bilder von Schlangen vor den Geldautomaten und Bankfilialen, sind es jetzt die Bilder von leergekauften Supermarktregalen und die Meldungen über Knappheit an Desinfektionsmitteln und medizinischem Material wie Gesichtsmasken und Schutzanzügen. Konnte damals die Politik als mächtige letzte Instanz auftreten und den Notenbanken in ihrer Rolle als Lender of Last Resort zur Seite springen - man erinnere sich an Angela Merkels Versprechen, die Spareinlagen seien sicher -, funktioniert dies bei einer Pandemie nicht. Da gibt es keine letzte Instanz, jedenfalls nicht auf Erden. Es ist der gefühlte und tatsächliche Kontrollverlust, der die Menschen in Angst versetzt, sie zu irrationalem Verhalten verleitet und Übertreibungen provoziert, die sich dann in Hamsterkäufen oder Aktienausverkäufen dokumentieren. Geradezu hilflos agieren Regierungen und Behörden, von der Negation der Bedrohung ganz am Anfang über das Herunterspielen der Gefahrenfolgen bis zur hysterischen Verschärfung in diesen Tagen. Wenn in einer Zeit, in der beispielsweise in Deutschland die Infektionszahlen sprunghaft steigen, in der viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Home-Office verordnen und bereits Meetings mit 20 Personen absagen, nun der Bundesgesundheitsminister empfiehlt, alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen, dann trägt das nicht gerade zur Vertrauensbildung ins Krisenmanagement der Bundesregierung bei. Wirtschaftlich betrachtet erleben wir einen Angebotsschock, dem ein Nachfrageschock folgen wird. Die Produktionspausen und Unterbrechungen der Lieferketten werden sich in niedrigerem Wachstum niederschlagen und voraussichtlich in eine Rezession münden. Dass in einer solchen Lage umgehend nach den Allzeitrettern Notenbanken gerufen wurde, ist zwar verständlich, aber wenig zielführend. Noch jedenfalls fehlt es nicht generell an billigem Geld. Auch wäre der Krise nicht mit noch tieferen Zinsen beizukommen. Mit Ausnahme der US-Notenbank haben die großen Zentralbanken ihr in der Finanzkrise verschossenes Pulver nicht wieder aufgefüllt, und auch der Spielraum der Federal Reserve ist nach der Senkung um 50 Basispunkte nicht mehr groß, zumal die Wirkung der wenig zielführenden Aktion umgehend verpuffte. Bedarf besteht an gezielten Liquiditätshilfen für vom Virus getroffene Unternehmen und Branchen, die von der Kreditwirtschaft geleistet werden können, aber auch vom Staat durch Steuerstundungen oder befristete finanzielle Hilfen. Hierzulande gehört auch die Lockerung der Bestimmungen für Kurzarbeitergeld zu den sinnvollen Maßnahmen. Das größte wirtschaftliche Risiko besteht in der Ausgangslage, in der die Weltwirtschaft in diese Krise rutscht. Denn die weltweite Verschuldung ist seit der Finanzkrise 2008 auf mittlerweile 322% des Welt-BIP gestiegen, das weltweite Finanzsystem ist anfällig wie nie zuvor. Ein besonderes Risiko stellen die Unternehmensschulden dar, die in den vergangenen Jahren aufgrund der extrem niedrigen Zinsen weitaus schneller als Gewinne und Cash-flows nach oben gegangen sind. Das Insolvenzrisiko wird zunehmen und Märkte und Banken infizieren. Auch wenn es zu kurz gesprungen ist, die rasante Virusausbreitung der Globalisierung zuzuschreiben, wird diese Pandemie die Globalisierung künftig in einem anderen, schlechteren Licht erscheinen lassen. Zwar wurde das Virus nicht mit den Warensendungen zwischen Kontinenten verschickt, auch nicht aus Wuhan, sondern vor allem durch persönliche Kontakte verbreitet, seien sie nun touristischer oder geschäftlicher Natur. Doch den Protektionisten dieser Welt spielt die Coronakrise in die Hände. Es wird nicht bei Forderungen bleiben, die Abhängigkeit vom Ausland bei pharmazeutischen Produkten zu reduzieren. Man kann und wird viele Produkte als "strategisch" definieren. Die Coronakrise hat in wenigen Wochen einen De-Globalisierungsimpuls gesetzt, wie dies alle Globalisierungsgegner zusammen über Jahre hinweg nicht vermochten. Diese Folgen werden länger wirken als die Virusepidemie. Denn dem Rückgang des internationalen Handels und der Produktion würde ein durch die Krisenbekämpfung nochmals stark gewachsenes Geldangebot gegenüberstehen. Die vor allem von der Globalisierung im Zaum gehaltene und von manchen Ökonomen schon für tot erklärte Inflation würde wieder ausbrechen, die nächste Finanzkrise wäre programmiert. Entschlossenes, aber zielgerichtetes Handeln der Notenbanken und Regierungen ist jetzt gefragt. "Viel hilft viel" wäre das falsche ökonomische Rezept. Sonst könnten die schädlichen Nebenwirkungen den Nutzen schnell übersteigen. Quelle: ots/Börsen-Zeitung

Die nächste Krise sei so sicher wie das Amen in der Kirche, aber man wisse nicht, wann sie komme und durch was sie ausgelöst werde. So das Narrativ seit Bewältigung der Finanzkrise. Nun wissen wir es. Es ist nicht ein geopolitisches Risiko, das Krisenforscher und Ökonomen als Auslöser im Blick hatten, sondern ein medizinisches, die Coronavirus-Epidemie.

Giuseppe Conte
Foto: European Parliament / CC BY 2.0 (via Flickr)

Hass unterm Deckmantel

Die Panik, die sich gestern rund um die Welt an den Märkten breitmachte, erinnert an den Ausbruch der Finanzkrise 2008 und ähnlicher Krisen in früheren Jahren. War es damals die Hilflosigkeit der Institutionen der Finanzwelt - von den Notenbanken über die Finanzaufsichtsbehörden bis zum IWF -, die zur sich selbst verstärkenden Wirkung beitrugen, ist es heute die Hilflosigkeit der politischen Institutionen und Regierungen, die die Verunsicherung in der Bevölkerung und auch an den Märkten treibt. Waren es vor zwölf Jahren die Bilder von Schlangen vor den Geldautomaten und Bankfilialen, sind es jetzt die Bilder von leergekauften Supermarktregalen und die Meldungen über Knappheit an Desinfektionsmitteln und medizinischem Material wie Gesichtsmasken und Schutzanzügen. Konnte damals die Politik als mächtige letzte Instanz auftreten und den Notenbanken in ihrer Rolle als Lender of Last Resort zur Seite springen - man erinnere sich an Angela Merkels Versprechen, die Spareinlagen seien sicher -, funktioniert dies bei einer Pandemie nicht. Da gibt es keine letzte Instanz, jedenfalls nicht auf Erden.

Es ist der gefühlte und tatsächliche Kontrollverlust, der die Menschen in Angst versetzt, sie zu irrationalem Verhalten verleitet und Übertreibungen provoziert, die sich dann in Hamsterkäufen oder Aktienausverkäufen dokumentieren. Geradezu hilflos agieren Regierungen und Behörden, von der Negation der Bedrohung ganz am Anfang über das Herunterspielen der Gefahrenfolgen bis zur hysterischen Verschärfung in diesen Tagen. Wenn in einer Zeit, in der beispielsweise in Deutschland die Infektionszahlen sprunghaft steigen, in der viele Arbeitgeber ihren Mitarbeitern Home-Office verordnen und bereits Meetings mit 20 Personen absagen, nun der Bundesgesundheitsminister empfiehlt, alle Veranstaltungen mit mehr als 1000 Teilnehmern abzusagen, dann trägt das nicht gerade zur Vertrauensbildung ins Krisenmanagement der Bundesregierung bei.

Wirtschaftlich betrachtet erleben wir einen Angebotsschock, dem ein Nachfrageschock folgen wird. Die Produktionspausen und Unterbrechungen der Lieferketten werden sich in niedrigerem Wachstum niederschlagen und voraussichtlich in eine Rezession münden. Dass in einer solchen Lage umgehend nach den Allzeitrettern Notenbanken gerufen wurde, ist zwar verständlich, aber wenig zielführend. Noch jedenfalls fehlt es nicht generell an billigem Geld. Auch wäre der Krise nicht mit noch tieferen Zinsen beizukommen. Mit Ausnahme der US-Notenbank haben die großen Zentralbanken ihr in der Finanzkrise verschossenes Pulver nicht wieder aufgefüllt, und auch der Spielraum der Federal Reserve ist nach der Senkung um 50 Basispunkte nicht mehr groß, zumal die Wirkung der wenig zielführenden Aktion umgehend verpuffte.

Bedarf besteht an gezielten Liquiditätshilfen für vom Virus getroffene Unternehmen und Branchen, die von der Kreditwirtschaft geleistet werden können, aber auch vom Staat durch Steuerstundungen oder befristete finanzielle Hilfen. Hierzulande gehört auch die Lockerung der Bestimmungen für Kurzarbeitergeld zu den sinnvollen Maßnahmen.

Das größte wirtschaftliche Risiko besteht in der Ausgangslage, in der die Weltwirtschaft in diese Krise rutscht. Denn die weltweite Verschuldung ist seit der Finanzkrise 2008 auf mittlerweile 322% des Welt-BIP gestiegen, das weltweite Finanzsystem ist anfällig wie nie zuvor. Ein besonderes Risiko stellen die Unternehmensschulden dar, die in den vergangenen Jahren aufgrund der extrem niedrigen Zinsen weitaus schneller als Gewinne und Cash-flows nach oben gegangen sind. Das Insolvenzrisiko wird zunehmen und Märkte und Banken infizieren.

Auch wenn es zu kurz gesprungen ist, die rasante Virusausbreitung der Globalisierung zuzuschreiben, wird diese Pandemie die Globalisierung künftig in einem anderen, schlechteren Licht erscheinen lassen. Zwar wurde das Virus nicht mit den Warensendungen zwischen Kontinenten verschickt, auch nicht aus Wuhan, sondern vor allem durch persönliche Kontakte verbreitet, seien sie nun touristischer oder geschäftlicher Natur. Doch den Protektionisten dieser Welt spielt die Coronakrise in die Hände. Es wird nicht bei Forderungen bleiben, die Abhängigkeit vom Ausland bei pharmazeutischen Produkten zu reduzieren. Man kann und wird viele Produkte als "strategisch" definieren.

Die Coronakrise hat in wenigen Wochen einen De-Globalisierungsimpuls gesetzt, wie dies alle Globalisierungsgegner zusammen über Jahre hinweg nicht vermochten. Diese Folgen werden länger wirken als die Virusepidemie. Denn dem Rückgang des internationalen Handels und der Produktion würde ein durch die Krisenbekämpfung nochmals stark gewachsenes Geldangebot gegenüberstehen. Die vor allem von der Globalisierung im Zaum gehaltene und von manchen Ökonomen schon für tot erklärte Inflation würde wieder ausbrechen, die nächste Finanzkrise wäre programmiert.

Entschlossenes, aber zielgerichtetes Handeln der Notenbanken und Regierungen ist jetzt gefragt. "Viel hilft viel" wäre das falsche ökonomische Rezept. Sonst könnten die schädlichen Nebenwirkungen den Nutzen schnell übersteigen.

Quelle: ots/Börsen-Zeitung
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