Sonntag, 05 Jul 2020
Christine Lagarde
Christine Lagarde Foto: World Economic Forum / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)
 2-3 Minuten Lesezeit  549 Worte im Text  vor 250 Tagen

Haben Sie auch Post von Ihrer Bank bekommen? Die Gebühren für die Kontoführung werden angehoben beziehungsweise überhaupt eingeführt. Die Preise für Dienstleistungen des Geldinstituts steigen, die Konditionen werden allerorten verschärft. Das sind die Folgen eines scharfen Anpassungsprozesses, dem die Geldhäuser in diesen Tagen ausgesetzt sind. Ein Teil dieses Prozesses hat seinen Ursprung in Frankfurt, dem Sitz der Europäischen Zentralbank EZB. Besonders in Deutschland bezieht sie dafür mächtig Prügel. Daran wird sich auch nichts ändern, wenn nun Christine Lagarde statt Mario Draghi die Zügel in der Hand hält.

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Foto: Ethan Wilkinson / CC0 (via Pexels)

Brexit-Deal unter Vorbehalt

Ja, die EZB hat sich auf einen Pfad begeben, von dem sie keinen Ausweg mehr findet. Nein, sie tut das nicht, um den deutschen Sparer zu plündern. Diese These gehört zum argumentativen Schlammbad nationalistischer Verschwörungstheoretiker. Nun haben wir Deutschen uns das Sparen als eine der besten Tugenden von Kindesbeinen an eingebläut. Über die Sinnhaftigkeit des eisernen Geldhortens kann man streiten. Denn mit Sparen statt Investieren im falschen Augenblick kann man sich großer Chancen berauben. Da stehen wir uns manchmal mit einer Tradition im Weg, die ja ihren Ursprung auch darin hat, dass man dem Bürger revolutionäre, vor allem sozialistische Anwandlungen im Ansatz austreiben wollte. Wer etwas hat, ist nicht geneigt, es zu riskieren. Sparen ist bewahrend, das gilt auch im politischen Sinn.

Der EZB kann man gewiss nicht unterstellen, mit der Abschaffung des Zinses die Bürger zu Revolutionen anstiften zu wollen. Im Gegenteil. Sie will verzweifelt den Status Quo erhalten, indem sie die Wirtschaft am Laufen hält. Die Nebenwirkungen spüren die Bürger auf Schritt und Tritt. Wer weiter vor allem auf die vermeintlich sicheren Sparformen setzt, was die meisten in Deutschland tun, gibt eigentlich ständig Geld aus, ohne etwas dafür zu bekommen. Denn die Rendite nach Inflation ist negativ. Alte Sparverträge, die realen Zuwachs einbrachten, kündigen die Banken gerade reihenweise. Die Auszahlungsprognosen von Lebensversicherungen gehen jedes Jahr nach unten. Wer Öl und Benzin kauft, zahlt mehr, weil die Nullzinsen den Euro schwächen. Dieser Effekt macht sich auch bei Urlaubsreisen ins Ausland außerhalb des Euros bemerkbar.

Andererseits, wer investiert und Schulden macht, hat es leicht. Die Banken tragen Immobilienkäufern das Geld regelrecht hinterher, um es nur ja nicht teuer bei der EZB deponieren zu müssen. Bedenklich stimmt bei der Politik der EZB, dass sie eine, seit zehn Jahren währende, Krisenpolitik betreibt, obwohl keine konjunkturelle Krise mehr herrscht. Folgt man der Logik der Währungshüter, dann würde die Wirtschaft ohne das ständige massenhafte Drucken von Geld sofort kläglich abschmieren. Damit schürt sie Befürchtungen, dass gar nichts in Ordnung ist. Und hält möglicherweise Unternehmen davon ab zu investieren, weil dem Frieden nicht zu trauen ist.

Jedenfalls haben Unternehmen in Europa trotz des Dauerbooms nur wenig in die Zukunft investiert. Und was unternimmt die EZB denn noch, wenn die Konjunktur, wie sich gerade abzeichnet, wirklich abschmiert? Eine Nebenwirkung des EZB-Füllhorns war auch, dass die Regierungen in Europa selbst ohne besonders agile Wirtschaftspolitik gut über die Runden kamen. Das kann sich jetzt rächen. Wie die Unternehmen hat auch der Staat wenig in die Zukunft investiert. Ein Beispiel unter vielen: Wir beklagen uns über die Österreicher wegen der Blockabfertigung für Lkw, anstatt selbst endlich die Bahnlinien zum Brenner-Basistunnel zu bauen. Österreich hat sich an die Abmachungen gehalten und gebaut. Deutschland nicht. Stattdessen lassen wir uns und die Nachbarn in der Lkw-Flut ersticken.



Quelle: ots/Mittelbayerische Zeitung
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