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US Zinswende vertagt

Christine Lagarde / Managing Director of the IMFFoto: FlickreviewR / CC BY-SA 2.0 (via Wikimedia Commons)

Wirtschaft
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US Zinswende vertagt

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Frankfurt (ots) - Nun also auch noch der Internationale Währungsfonds (IWF). Nachdem sich schon diverse Analysten aus Banken sowie Wirtschaftsforschungsinstitute zu den Gefahren, die aus einer Konjunkturabkühlung Chinas resultieren (können), geäußert und ihre Prognosen zu Wachstum, Inflation und Markt- und Leitzinsen für dieses und insbesondere für das kommende Jahr zurückgeschraubt haben, schlägt nun auch der IWF in diese Kerbe. Die internationalen Folgen der Konjunkturabkühlung in China scheinen größer als erwartet, räumte der Chefvolkswirt des IWF, Maurice Obstfeld, in der gerade zu Ende gegangenen Woche ein. IWF-Chefin Christine Lagarde hatte schon vor einiger Zeit auf die Gefahren für Konjunktur und Finanzmärkte aufmerksam gemacht, die von den Börsenturbulenzen und schwächeren wirtschaftlichen Aktivität im Reich der Mitte ausgehen. Und sie hatte den US-Notenbankern auch die Empfehlung gegeben, dass man mit der Leitzinswende noch ein wenig warten sollte.

Die Prognosen des IWF zum weltweiten Wachstum wurden nach unten korrigiert. Weltweit wird jetzt noch mit einer Wachstumsrate des Bruttoinlandproduktes (BIP) in diesem Jahr von 3,1 Prozent gerechnet nach bislang veranschlagten 3,3 Prozent. Für 2016 wird noch von einer BIP-Zunahme von 3,6 Prozent nach zuvor prognostizierten 3,8 Prozent ausgegangen. Die USA werden nach Einschätzung des IWF in diesem Jahr etwas stärker wachsen, als bisher angenommen. Die Prognosen für das BIP-Plus wurden von 2,5 Prozent auf 2,6 Prozent angehoben, für 2016 aber wieder nach unten korrigiert, und zwar von 3,0 Prozent auf 2,8 Prozent. In der Eurozone wird ein unverändertes Plus beim BIP von 1,5 Prozent für dieses Jahr in Aussicht gestellt, 2016 werden aber nur noch 1,6 Prozent nach zuvor 1,7 Prozent erwartet. Die Anpassungen sind gewiss nicht dramatisch, zeigen per Saldo aber, in welche Richtung es geht, und zwar nach unten.

Das ist zweifelsohne nicht der Stoff, aus dem die (Leit-)Zinsträume so manchen Anlegers gemacht sind. Viele Marktteilnehmer hatten damit gerechnet, dass die US-Notenbank Fed nun schon im September reagiert und erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen anhebt. Aber auch daraus wurde wieder einmal nichts. Die Fed selbst hat auch die Konjunkturgefahren, die aus China kommen, erkannt und vertagte ein weiteres Mal die Zinswende. Der schwache US-Arbeitsmarktbericht für September bescheinigt der Beschäftigtensituation in den USA zwar nun nicht, dass es bergab geht. Aber es ist wieder einer dieser Mosaiksteine, auf die die Verantwortlichen in den Reihen des Fed-Offenmarktausschusses gerne schauen: Der Arbeitsmarkt muss nicht nur robust genug sein, um eine Zinsanhebung verkraften zu können, sondern er muss auch in einer nachhaltig soliden Verfassung sein, damit es zur Zinswende kommen kann. Genau dieser "Nachhaltigkeitsaspekt" könnte durch den September-Arbeitsmarktbericht wieder "gestört" sein, so dass die Anleger wohl auch für Oktober einen Haken an den Zinsschritt machen können.

Das nun prognostizierte schwächere Wachstum wird nicht gerade den Boden bereiten für kräftig anziehende Preise. Das bedeutet: Wenn sich eine Wachstumsabschwächung bewahrheiten sollte, ist kaum mit einer Beschleunigung des Inflationstempos zu rechnen. Dass die Zinswende in den USA weiter vertagt wird, sollte man zumindest als wahrscheinlich einstufen.

Schwächeres Wachstum, eine Inflation, die am Boden vor sich hin dümpelt und in die Deflation abzurutschen droht sowie internationale Zentralbanken - allen voran Fed und Europäische Zentralbank (EZB) -, die die Leitzinsen nicht von der Nulllinie wegbekommen, sind alles andere als Gründe für höhere Renditen an den Bondmärkten. Bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Renditeprognosesenkung von Steven Major, renommierter Zinsanalyst der britischen HSBC Bank. Major erwartet für die zehnjährige Bundrendite Ende 2016 noch ein Niveau von 0,2 Prozent nach bislang veranschlagten 0,95 Prozent. Auch die US-Staatsanleiherenditen sieht er im Sinkflug. Die Zehnjahrespapiere sieht er von gut 2 Prozent auf 1,5 Prozent absacken. Dann wäre wieder alles auf Rekordtief.

Major begründet seine Prognose unter anderem mit der Erwartung einer Ausweitung des Anleihekaufprogramms der EZB. Niedrigere Bondrenditen würden auch die US-Sätze nach unten ziehen. Aber er gibt auch noch eine ganz andere Einschätzung ab, die man vermutlich in Zukunft häufiger lesen oder hören wird. Mit Blick auf eine Fed-Zinsanhebung meint Major, dass es hierfür bereits zu spät sein könnte. Der Grund: Der Beginn der nächsten Rezession könnte näher sein, als das Ende der vorigen Rezession von uns entfernt ist. Recht hat er.



Quelle: Börsen-Zeitung


693 Wörter im Bericht.

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