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Vox Populi und Mr. Market

Selten, dass eine einzige, noch dazu weitgehend unbekannte Person Aktien- und Devisenmarkt zugleich in Aufruhr versetzt. Dem Präsidenten des Unterhauses des brasilianischen Parlaments, Waldir Maranhão, ist dies kürzlich gelungen. Er hatte überraschend das Amtsenthebungsverfahren gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff für ungültig erklärt. Damit schickte er die Landeswährung Real kurzfristig um 4,6% und den Leitindex Bovespa um 3,5% in den Keller (vgl. Chart). Der Spuk war von kurzer Dauer, Währung und Börse erholten sich, Rousseff wurde schließlich doch suspendiert.

Geschrieben von Dietegen Müller am . Veröffentlicht in Wirtschaft.
Bild: Mr.TinDC / CC BY-ND 2.0 via Flickr

Selten, dass eine einzige, noch dazu weitgehend unbekannte Person Aktien- und Devisenmarkt zugleich in Aufruhr versetzt. Dem Präsidenten des Unterhauses des brasilianischen Parlaments, Waldir Maranhão, ist dies kürzlich gelungen. Er hatte überraschend das Amtsenthebungsverfahren gegen die brasilianische Präsidentin Dilma Rousseff für ungültig erklärt. Damit schickte er die Landeswährung Real kurzfristig um 4,6% und den Leitindex Bovespa um 3,5% in den Keller (vgl. Chart). Der Spuk war von kurzer Dauer, Währung und Börse erholten sich, Rousseff wurde schließlich doch suspendiert.

Das Beispiel bedient zwei gängige Klischees: Politische Börsen haben kurze Beine. Und wenn überhaupt, spielt Politik vor allem auf den Finanzmärkten in Schwellenländern eine Rolle. Beides ist eine Fehleinschätzung. In den vergangenen zehn Jahren haben europäische Aktien gemessen am MSCI Europe Index etwa nicht viel besser abgeschnitten als Schwellenländermärkte. Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass dies mit politischer Instabilität und Unsicherheit zu tun hatte: Das europäische Schuldendrama und die Befürchtungen um ein Auseinanderbrechen der Währungsunion haben ihre Spuren im Wachstum und im Vertrauen von Investoren hinterlassen.

Es gibt Marktbeobachter wie der Vermögensverwalter William Blair, die meinen, seit dem Ende des Kalten Kriegs seien politische Extremrisiken wie ein Nuklearschlag einer Supermacht von der Bildfläche verschwunden. Dafür sei die Welt permanent unsicherer geworden, geprägt von größeren und kleineren Konflikten. Dieser Sicht ist viel abzugewinnen. Die Welt ist multipolar geworden, die Zahl internationaler kriegerischer Konflikte hat in den letzten Jahren zugenommen. Auch sind vermeintlich stabile Gefüge in Bewegung. Eine Sorge ist etwa, ob in Europa weitere autoritär und interventionistisch geprägte Regierungen Einfluss gewinnen werden.

Die US-Großbank Citigroup spricht in diesem Zusammenhang von "Vox-Populi-Risiken" sowie "neuen sozioökonomischen Risiken", die ihre Kraft auch aus Umverteilungsfragen sowie einer terroristischen Bedrohungslage ziehen.

Die nächsten eineinhalb Jahre werden neue Anhaltspunkte geben, wohin Europa steuert: In Deutschland und in den Niederlanden stehen 2017 Parlamentswahlen an, in Frankreich Präsidentschaftswahlen. Eine Antwort müssen auch die spanischen Wähler finden, wem sie ein Mandat für die Führung ihres defizitgeplagten Landes geben wollen. Schon im Juni werden die britischen Wähler über die EU-Mitgliedschaft der Insel entscheiden. Und am 8. November wird sich zeigen, ob in den USA der von Wall Street gefürchtete republikanische Kandidat Donald Trump das Rennen macht oder die als moderat geltende Demokratin Hillary Clinton.

Die Börse ist eine Wahl- und eine Gewichtungsmaschine, sagte der legendäre US-Investor Benjamin Graham einmal: Langfristig entscheiden Fundamentaldaten, kurzfristig die Launen der Anleger. Die Charaktereigenschaft von Mr. Market trifft also in politischen Fragen auf die kurzfristigen Launen der Wähler, was ein komplexes, mitunter explosives Gemisch ergibt. Finanzmarkt und Politik sind beides vielschichtige, sehr volatile, anpassungsfähige Systeme mit Rückkoppelungseffekten. Damit entziehen sie sich allen langfristigen Prognosen. Doch ist unstrittig, dass Politik, Regulierung und Markt sich gegenseitig beeinflussen. Politische und regulatorische Veränderungen können genauso Ursachen für Marktverwerfungen sein wie eine Folge davon, wenn etwa der Kapitalmarkt signalisiert, dass die Schuldenlast eines Staates oder das Geschäftsmodell eines Unternehmens untragbar geworden ist.

Noch fehlt der überzeugende Ansatz, wie politische Risiken in ihren Auswirkungen auf die Finanzmärkte erfassbar sind. In den Kinderschuhen stecken Experimente mit Plattformen, die sich hier die "Weisheit der Masse" zunutze machen wollen. Market und Vox Populi sind beide schwer fassbar. So ist trotz Flüchtlingskrise und Sorgen vor einem EU-Austritt Großbritanniens etwa der Euro Break-up Index des Analysehauses Sentix im April auf niedrigem Niveau geblieben. Mit 16,7 % liegt er weit unter dem Höhepunkt von 73%. Den hatte der Index im Juli 2012 erreicht, ein Jahr nach einem Einbruch von fast 20 % am Aktienmarkt. Und doch provozieren Umfragen zum Ausgang des Brexit-Referendums schön regelmäßig neue Kursschwankungen. Politische Risiken zu gewichten, fällt Mr. Market so schwer wie Fundamentaldaten zu interpretieren - auch er ist eben zunächst eine kurzfristig geprägte "Voting Machine".



Quelle: ots/Börsen-Zeitung